Berliner Museen-Zank Abstellgleis für die moderne Kunst

Berlin hat viele Museen - den Anschluss an die moderne Kunst aber verpasst. Dies behauptet zumindest der Kurator Heiner Bastian. Seine Schelte findet Gehör - fragt sich nur, ob sie die richtigen trifft.

Von Bert Rebhandl


In zitternden Buchstaben kündigt der Hamburger Bahnhof in Berlin die nächste Ausstellung an: "Schmerz" heißt die Schau, sie wird am 5. April eröffnen und multimedial untersuchen, was die Kunst zu einem Phänomen zu zeigen hat, das sich der Repräsentation weitgehend entzieht. Die Künstlerliste liest sich wie ein Who is Who des 20. Jahrhunderts: Francis Bacon, Joseph Beuys, Louise Bourgeois, Bruce Nauman, dazu soll das Medizinhistorische Museum der Charité eingebunden sein. Das klingt alles nach einer klassischen Routine-Angelegenheit im zeitgenössischen Kunstbetrieb.

Warhols "Mao" aus der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof: "Stilles Gleis" im Kunstbetrieb"
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Warhols "Mao" aus der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof: "Stilles Gleis" im Kunstbetrieb"

Doch nun hat Heiner Bastian, einer der Kuratoren des Hamburger Bahnhofs, mit einem Interview im Kunstmagazin "Monopol" den Frieden empfindlich gestört. "Aus dem einst schillernden Bahnhof ist ein stilles Gleis geworden, an dem die Züge der Gegenwart schon lange nicht mehr halten."

Hinter München, Wolfsburg, ja sogar hinter Bregenz sei die Institution zurückgefallen, die in Berlin in erster Linie für neuere und neueste Kunst zuständig ist. Heiner Bastian zielt mit seinen Vorwürfen namentlich auf Peter-Klaus Schuster, den Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, zu denen auch der Hamburger Bahnhof gehört. Schusters Vertrag steht 2008 zur Verlängerung an, dagegen legt Heiner Bastian schon einmal öffentlich Einspruch ein.

Dabei spricht er nicht so sehr im Namen des Hamburger Bahnhofs insgesamt, denn dieses "staatliche Museum" ist in Wirklichkeit durch eine lange Reihe von typischen Berliner Teillösungen eine seltsame Dachkonstruktion geworden. Zu ihr gehören private Sammlungen wie die von Erich Marx und Friedrich Christian Flick. Die Freunde der Neuen Nationalgalerie organisieren hier Ausstellungen, zwischendurch wird regelmäßg neue Kunst gezeigt - zuletzt die Atlas Group des libanesischen Künstlers Walid Raad, derzeit die "Journey to the Moon" von William Kentridge (eine Neuerwerbung der Sammlung Marx), demnächst Matthew Buckingham.

Wenn Bastian spricht, dann tut er dies in erster Linie aus seiner Verbindung mit der Sammlung Marx heraus, die bis vor zwei Jahren den Kern der Bestände des Hamburger Bahnhofs gebildet hatte. Dies änderte sich durch die Hinzunahme der Sammlung von Friedrich Christian Flick im Jahr 2004 gründlich, und damit auch die Machtverhältnisse im Haus.

Durch seine Vertrauensstellung bei dem Immobilienunternehmer und Kunstsammler Erich Marx hat Bastian überhaupt erst seine gewichtige Rolle im Hamburger Bahnhof bekommen. Die nun ausgesprochene Andeutung eines möglichen Rückzugs der Sammlung Marx (darunter wesentliche Werke von Beuys) umgibt seine Worte mit einer Drohkulisse.

Der Kurator ist dazu auch Kunsthändler und hat eben erst wieder auf sich aufmerksam gemacht, als er für ein zentrales Berliner Grundstück in Rufweite der Museumsinsel einen hochkarätigen Architektenwettbewerb ausgelobt hat. Ein vierstöckiges Privathaus soll dabei neben zwei Wohnungen auch neue Ausstellungsräume enthalten, über deren Verwendung Bastian seither öffentlich nachdenkt. Die aufsehenerregende Schelte bringt ihn auch mit diesen seinen Privatinteressen verstärkt ins Gespräch.

Das Magazin "Monopol" wiederum hat sich schon seit längerer Zeit zum Sprachrohr einer Inititiative für den Bau einer Kunsthalle in Berlin gemacht – dazu passen die Bastian-Einwürfe sehr gut, egal, ob besagte Kunsthalle vorerst temporär auf dem Schloßplatz errichtet werden sollte oder gleich ein dauerhafterer Standort dafür gefunden wird.

Es hat naturgemäß nur ein paar Schrecksekunden lang gedauert, bis sich der Widerspruch gegen Bastian erhob. Peter Raue, der 1. Vorsitzende des Vereins der Freunde der Neuen Nationalgalerie, spricht von "Selbstüberschätzung und Unwahrheit". Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die Staatlichen Museen zu Berlin gehören, pocht auf "die Unabhängigkeit der kunsthistorischen Ausrichtung durch die Leitung und die (…) bestellten Kuratoren des Hamburger Bahnhofs".

Die breite Öffentlichkeit muss sich für die Personalien und Eifersüchteleien, die dabei im Hintergrund schwelen, nicht im Detail interessieren. Berlin und Deutschland aber sind es sich schuldig, dass in der Hauptstadt die moderne Kunst nicht in die Hände von "Privatkuratoren" ("Berliner Zeitung") fällt, und dass sich ein Ausstellungsbetrieb entfalten kann, der nicht in erster Linie nach (versteckten) kommerziellen Kriterien gestaltet wird.

Das eigentlich relevante Datum für den Hamburger Bahnhof ist deswegen wohl nicht 2008, sondern 2011. Dann steht der vorerst auf sieben Jahre laufende Vertrag mit der Sammlung von Friedrich Christian Flick, die derzeit den laufenden Betrieb dominiert, zur Neuverhandlung an – und damit noch einmal das Konzept eines "Sammlermuseums", mit dem sich die öffentliche Hand bisher ihrer museumspolitischen Verantwortung weitgehend entschlagen hatte.

Bis 2011 will die Berliner Landesregierung denn auch die neue Kunsthalle für zeitgenössische Kunst bauen. "Ihre dauerhafte Einrichtung ist ein wichtiges kulturpolitisches Ziel", sagte heute André Schmitz, Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten. Wieder planen die Preußen ein Kunststück - bei der Haushaltslage.



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