Berliner Schaubühne Kurzweiliges Hängen und schmerzfreies Würgen

Was passiert, wenn die Gesellschaft aus sich selbst nicht mehr heraus kann, zeigt der Filmklassiker "Der Würgeengel" von Luis Buñuel. Thomas Ostermeiers kurzweilige Adaption an der Berliner Schaubühne spart sich die düstere Zivilisationskritik der Vorlage und versprüht stattdessen verschwenderisch Körpersekrete.

Von Johanna Straub


"Würgeengel"-Szene mit Lars Eidinger und Jule Böwe: Kein Lacher bleibt im Halse stecken
Arno Declair

"Würgeengel"-Szene mit Lars Eidinger und Jule Böwe: Kein Lacher bleibt im Halse stecken

Die Geschichte ist einfach und schön. Die Gäste können nach dem gemeinsamen Abend das Haus des Gastgebers nicht verlassen, man legt sich zum Schlafen auf den Boden. Am ersten Abend verteilt die Hausherrin noch Decken, im Laufe der folgenden Tage wird allmählich jegliche Etikette abgelegt und die Fassade bröckelt, dass es eine Freude ist.

Dass diese klaustrophobische Situation, in der man gezwungenermaßen aufeinander hockt, nicht durch äußere Einflüsse wie die klassische Zug- oder Schiffsfahrt bedingt wird, sondern durch einen unerklärlichen Zwang, der sämtliche Gäste daran hindert, als erste zu gehen, macht dabei den besonderen Reiz aus.

Die Gesellschaft, die in sich selbst gefangen ist, besteht bei Thomas Ostermeier aus dem halben Ensemble, das der für seine letzte Schaubühnen-Inszenierung von Ibsens Nora mehrfach ausgezeichnete künstlerische Leiter zum Auftakt seiner fünften Spielzeit an der Schaubühne in der Adaption des niederländischen Dramatikers Karst Woudstra auf die Bühne bringt.

Ein bisschen von allem, bitte: Der masochistische Politiker, seine fäkalienbesessene Gattin, ihre lungenkranke Schwester, der blasenschwache Student, der devote Wirtschaftsmanager, der gewalttätige Marineoffizier, die russische Hure, der tuntige Schauspieler, die allergische Opernsängerin, der liebestolle Unternehmensberater, der ödipale Sohn, der versagende Arzt und der sterbende Dichter turnen, zusammen mit den anderen durch das von Jan Pappelbaum mit Zierfischbecken und halbkreisförmigen Sitzmöbeln auf Lounge gestylte Bühnenbild. Die Bandbreite der angerissenen Themen ist dementsprechend. Zweieinviertel Stunden wird viel geredet, hauptsächlich über Sex und Tod.

Der Zerfall hält sich in Grenzen

Natürlich gibt es keine Pause in diesem Stück. Undenkbar, die Theaterbesucher aus der eigens repräsentierten Unentrinnbarkeit kurzfristig zu Prosecco und Linsensuppe mit Würstchen ins Foyer zu entlassen. Aber das ist nicht wirklich schlimm, denn die Situation auf der Bühne ist alles andere als unerträglich.

Zwar fragt sich die Gastgeberin irgendwann "Wieso gehen denn nicht alle?", und der Gastgeber stellt fest "Wir hatten noch nie Gäste, die man rausschmeißen musste"; zwar schreit ab und zu jemand, aber der Umgangston bleibt insgesamt erstaunlich höflich. Und so geht diese Gesellschaft, die sich selbst verdient hat, nicht wirklich kaputt. Es tut nicht weh. Das ist fast schon wieder gut und fast so absurd wie bei Buñuel. Die Gesellschaft funktioniert so gut, dass selbst unter extremen Bedingungen das Nichtfunktionieren nicht funktioniert.

Was in Buñuels Film von 1962 nicht sichtbar ist, schleicht bei Ostermeier mit schwarzen Flügeln über die Bühne: Der Würgeengel. Buñuel zeigt dafür Zerfall. Der hält sich bei Ostermeier in Grenzen. Man parliert, man hat Geschlechtsverkehr, sei er nun erzwungen oder erkauft, diskret hinter dem Sofa. Man spielt, um Zeit zu schinden, gemeinsam Blinde Kuh, man übergibt sich - wahrscheinlich wegen der schönen Akustik - dezent in eine Vase, und wenn man sich in die Hose macht, dann tut man es gleich neben der Toilette, den Doppelfreitod begeht man höflicherweise im Schrank, und wenn jemand einen Witz erzählt, wird immer einer schallend lachen. Und auch wenn es die sterbenskranke Schwester ist, bleibt kein Lacher im Hals stecken, zu klamaukig ist das, was hier geboten wird.

Man darf lachen, wenn der Marineoffizier (Kay Bartholomäus Schulze) seinen Anzug auszieht und eine Unterhose in Camouflageoptik zum Vorschein kommt. Oder wenn die Opernsängerin (Stephanie Eidt) ihren Juckreiz stillt, indem sie sich, auf allen Vieren kniend, am Flügel schubbert. Wenn die Gastgeberin (Anne Tismer), die im Gegensatz zu ihrer Schwester ein derbes Hamburger Platt spricht, über die Bühne schreit, dass sie auf die "Toledde" will. Man applaudiert dann höflich und verlässt ungehindert den Zuschauerraum. Gut gewürgt, Engel.


Der Würgeengel


von Karst Woudstra, inspiriert von dem Film "El ángel exterminandor" von Luis Buñuel und Luis Alcoriza. Regie: Thomas Ostermeier. Bühne: Jan Pappelbaum. Kostüme: Almut Eppinger. Musik: Lars Eidinger. Darsteller: Wolf Aniol, Anne Tismer, Jule Böwe, Kay Bartholomäus Schulze, Markus Gertken, Jörg Hartmann, Jenny Schily, Falk Rockstroh, Christina Geiße, Felix Römer, David Ruland, Linda Olsansky, Robert Beyer, Christin König, Stephanie Eidt, Lars Eidinger, Zaw Lin Shwe


Nächste Vorstellungen an der Berliner Schaubühne: 5., 6., 7., 19., 20. und 30. November; 1., 2., 8., 9., 10. und 11. Dezember 2003



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