Milo Rau an der Berliner Schaubühne Pflegefall Lenin

Realismus oder Ironie? Milo Rau, einer der klügsten Köpfe der Theaterbranche, erinnert in der Berliner Schaubühne an die Oktoberrevolution und beugt sich über den Schlaganfallpatienten Lenin.

Thomas Aurin

Von Christine Wahl


Wladimir Iljitsch Lenin, Chefstratege der Oktoberrevolution, siecht in seiner Datscha bei Moskau vor sich hin. Mit dem Charme eines Metzgermeisters wälzt ihn der spitzbärtige Leibarzt Guetier in seinem Krankenbett herum, zerrt ihm unsanft die Hose vom Hintern und rammt ihm das Fieberthermometer in den After, als ginge es um das Abstechen eines tollwütigen Ochsen.

Überhaupt herrschen raue Sitten im Sowjetbunker. Jedenfalls in dem, den der Regisseur Milo Rau hundert Jahre nach der Oktoberrevolution in die Berliner Schaubühne hat bauen lassen. Während der Genosse Lenin in der Krankenkammer zusehends zum Pflegefall mutiert, wird nebenan schamfrei um Posten und politischen Einfluss geschachert. Stalin (Damir Avdic) schirmt Lenin via Telefon- und Parteisitzungsprotokollentzug vom Machtzentrum ab und beleidigt gezielt dessen Frau Nadeshda Krupskaja (Nina Kunzendorf), indem er ihr machohafte Schminktipps erteilt.

Protokollchef Pakaln träumt - wenn er nicht gerade mit dick aufgetragenem Proll-Appeal die Nase hochzieht - von der Erschaffung des "neuen sozialistischen Menschen" durch Foltermethoden, gegen die sich die mittelalterliche Inquisition fast wie eine Wellnesskur ausnimmt. Und Lunatscharski (Ulrich Hoppe), seines Zeichens "Volkskommissar für Bildungswesen", versucht eher seine Karriere als schwülstiger Hobbydichter zu pushen denn die geistige Kompetenz des jungen Sowjetvolks.

Daheim in Lenins Datscha

Schlicht "Lenin" heißt dieser eigenwillige Theaterabend, dessen Schöpfer Milo Rau das Bühnenbusiness einige der luzidesten und spektakulärsten Theaterprojekte der letzten Jahre verdankt. 2013 etwa rollte der heute 40-jährige Schweizer in Moskau auf der Folie der stalinistischen Schauprozesse drei Gerichtsverfahren gegen oppositionelle Künstler der Nullerjahre neu auf, unter anderem mit Jekaterina Samuzewitsch von Pussy Riot. In den Kinos läuft dieser Tage Raus "Kongo-Tribunal" an, die filmische Dokumentation zu einem Theaterformat, das sich vor Ort mit dem Bürgerkrieg im Kongo bis hin zum globalen Coltan-Handel auseinandersetzte.

Und für sein Stück "Five Easy Pieces" wurde Milo Rau in der Fachzeitschrift "Theater heute" gerade zu Recht zum "Regisseur des Jahres 2017" gekürt. Diese Ausnahmeproduktion arbeitet - mit Kindern als Darstellern - den Fall des belgischen Kindermörders und Sexualstraftäters Marc Dutroux auf und denkt dabei hellsichtig über das Medium Theater selbst nach: über Schauspieltechniken, Einfühlung und Repräsentation auf der Bühne und schließlich über die Grenzen der Darstellbarkeit.

Daran wollte Rau mit "Lenin" methodisch offenbar anknüpfen - über den weitgehend dokumentarischen, post-oktoberrevolutionären Inhalt des Abends hinaus. Die Bühnen- und Kostümbildner Anton Lukas und Silvie Naunheim haben Lenins Datscha für die Inszenierung originalgetreu auf einer Drehbühne nachgebaut und halten für den historischen Cast entsprechende Klamotten bereit.

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"Lenin" an der Schaubühne: Raue Sitten im Sowjetbunker

Gleichzeitig ist das Szenario allerdings eine Art Filmset: An seitlichen Schminktischen werden die Schauspieler von Maskenbilderinnen für ihre Auftritte zurechtdrapiert und plaudern dabei über ihre eigenen Sichtweisen auf Lenin. Kay Bartholomäus Schulze, der die marxistisch-leninistische Praxis in der DDR realiter ausbaden musste und bei Rau den grobschlächtigen Leibarzt spielt, beneidet seine westsozialisierten Kollegen darum, "dass Lenin oder Trotzki für sie noch Ikonen sein können". Während Felix Römer, der den Trotzki eher als Heinz-Rühmann-Verschnitt aus der "Feuerzangenbowle" anlegt denn als "klügsten Kopf" des jungen Sowjetapparats - wie es im Stück einmal heißt - waghalsige Parallelen zwischen Trotzkismus und Wiener Kaffeehauskultur zieht.

Ist das jetzt freiwillig oder unfreiwillig komisch?

Begeben sich die Schauspieler dann mit ihren liebevoll angeklebten Spitzbärten und Fensterglasnickelbrillen in die Drehbühnen-Datscha, werden sie gleichzeitig von Kameraleuten gefilmt. Das Resultat - ein russischer Historienschinken mit Willen zum Hollywood-Format, mit pathetischer Musik und in Lenin-Liebe erfeuchteten Junggenossinnen-Augen - flimmert live, im Moment seiner Entstehung, über eine oberhalb der Datscha installierte Leinwand.

An diesen kalkulierten Bruchstellen zwischen 1917 und 2017, zwischen Schauspieler und Rolle, zwischen dem historischen Personal und den Stereotypen, zu denen es im öffentlichen Bewusstsein über die Jahrzehnte geronnen ist, wollte Milo Rau offenkundig Denkräume über Geschichtsverläufe und revolutionäre Umbrüche öffnen: eine plausible Idee. Nur gewinnt der Kitschfilm de facto eine derartige Übermacht, dass man das irritierende Gefühl nicht los wird, Regisseur und/oder Ensemble erlägen ihm im Lauf des Abends gelegentlich selbst.

Allerspätestens, wenn die vergleichsweise jugendlich wirkende Schauspielerin Ursina Lardi, die den Schlaganfallpatienten Lenin zunächst unmaskiert spielt, fürs letzte Abenddrittel eine Halbglatze nebst Spitzbart angeklebt bekommt, dürften nicht wenige Zuschauer die Orientierung verlieren: Ist das jetzt Ironie oder ernst gemeinter Bühnen-Retro-Realismus? Freiwillige oder unfreiwillige Komik?

Die gute Nachricht: Klärungsbedürftige bekommen schon Anfang November eine neue Chance. Dann öffnet Milo Rau in der Schaubühne die "General Assembly": Sechzig "Abgeordnete" aus der ganzen Welt versammeln sich zum "Weltparlament", um über die sozialen, ökonomischen, politischen, ökologischen und technologischen Herausforderungen unserer Zeit zu diskutieren. Ein Debatten-Theater-Format, mit dem Rau schon mehrfach erhellende Einsichten produzierte.


Lenin. Schaubühne Berlin. Nächste Vorstellungen am 20., 21., 23. Und 24. Oktober. Karten-Tel. +49 030.890023 . www.schaubuehne.de



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