Berliner Schaubühne Proleten im Feinripp

Von wegen Mief der Vierziger Jahre: In der Berliner Schaubühne verwandelt der Regisseur Luk Perceval Arthur Millers Trauerstück "Der Tod eines Handlungsreisenden" in eine ebenso kluge wie schmissige Unterschichts-Komödie.

Im Feinripp geht der Prolet zugrunde, so ist es Brauch im deutschen Theater und im deutschen Fernsehfilm. Der stämmige Schauspieler Thomas Thieme ist ein besonders schöner Sozialwohnungsbau-Buddha im schmutzigweißen Unterhemd: stoppelkurz rasierter Riesenschädel, schlapp herabhängende Schraubstockarme, in dieser Pose sitzt er in der Berliner Schaubühne auf einem abgeschabten Sofa und stiert bereits grimmig-komisch vor sich hin, als die Zuschauer noch ihre Plätze einnehmen.

Man hat also Zeit, den Mann zu begaffen, der hier den erschöpften Vertreter Willy Loman im "Tod eines Handlungsreisenden" spielen soll, einen längst schon klassischen Helden der kapitalismuskritischen Theaterliteratur aus dem Jahr 1949 – und kurz denkt man: Gibt es in der deutschen Realität, also jenseits des Fernsehens und des Theaters, eigentlich überhaupt noch Menschen, die diese Sorte krasser weißer Feinripp-Unterschichts-Unterhemden tragen?

Dann aber geht das Licht aus, Thieme schaltet den Fernseher ein, der Nachrichtensprecher plärrt die allerneuesten Nachrichten von der Insolvenz der Handyherstellerfirma BenQ und Angela Merkels Gesundheitsreformpleite heraus – und zerstreut ist die Sorge, dass der Regisseur Luk Perceval hier bloß ein Historienstück über das Elend eines ausgebeuteten alten Mannes erzählen will.

Aus dem Amerika der vierziger Jahre verlegt Perceval das Stück ziemlich mühelos ins Deutschland der Gegenwart; und statt einer depressiven Vergeblichkeits-Zimmerschlacht bietet er fast durchgängig schieren Familienkomödienspaß. Man brüllt "Fettarsch" und triezt sich mit der Erinnerung an geklaute Fussbälle und andere Heldentaten, knufft und kugelt sich auf dem Sofa und boxt sich ins notdürftig bedeckte Fleisch. André Szymanski und Bruno Cathomas spielen die beiden missratenen Söhne des Helden, der eine ein smarter, lustig rappender Vorstadt-Aufreißer, der andere ein ewig schwitzendes dickes Mamasöhnchen mit schmollend vorgestreckter Unterlippe. Carola Regnier ist Linda, die Mutter der beiden und Gattin des dicken Willy, eine gramgebeugte, aber souveräne Schiedrichterin im Familienclinch. Der Papa selber aber raunzt und schimpft und jammert, bis er plötzlich hemmungslos (und immer noch im Unterhemd) losvögelt mit einer menschgewordenen Pornovideofantasie, einer jungen Frau (Christina Geisse) mit bloßen Brüsten – und das mitten im Kreis seiner schrecklich netten Familie.

Das Surreale der Lomanschen Traum- und Erinnerungswelt betont auch der Bühnenbildeinfall der Bühnenbildnerin Katrin Brack. Zuletzt hat sie Theaterräume mit Waschmittelschaum oder mit Konfetti und Luftschlangen überschwemmt, hier stellt sie die Landschaft mit riesigen Zimmerpflanzen voll. Aus diesem Dschungel, der halb das böse Dickicht des Kapitalismus und halb Willys Sehnsuchtskontinent Afrika symbolisiert, geistern und torkeln und stolpern nun all die Toten und Lebenden, denen Willy Loman in seinem Verliererleben begegnet ist. Aber ob der Alte mit seinem Chef um die dringend benötigten Penunzen feilscht oder ob ihm seine grandios zur Leidensstatue erstarrte Gattin ihre Liebe beteuert: echte Hoffnung gibt’s nie für den armen Willy auf seiner Rutschbahn in den Untergang, den Selbstmord zwecks Versorgung der Familie mit irgendeiner höchst zweifelhaften Lebensversicherungsprämie.

Eine heitere, rasante Leichenfeier hat Luk Perceval dem Versager Willy Loman da angerichtet - und ein nach der Premiere ausgiebig bejubeltes Schauspielerfest, das der Schaubühne jede Menge Publikum bescheren wird. Das letzte Bild zeigt den toten Helden friedlich auf dem Sofa ruhend, während sich hinter dem Sitzmöbel alle seine Lieben versammeln. Keiner weint, alle wirken sie irgendwie erleichtert. Jammern hilft nicht, lautet die Botschaft dieses Theaterabends, es nervt und macht schlapp, aber immerhin ist es ein amüsaner Zeitvertreib. Das letzte Wort hat Bruno Cathomas als Willy Lomans Sorgen- und Lieblingssohn Biff. Einst, vor vielen Jahren, hat er den Papa beim Fremdgehen ertappt, jetzt sagt er, was über den Toten zu sagen ist: "Er war ein Arschloch." Es klingt sehr zärtlich und bewegt.

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