Berliner Söhne "Der ist doof, der ist blöd"

Sie sind die Söhne von berühmten Berlinern. Schweres Los, denn wenn der Filius in die Fußstapfen des Seniors tritt, heißt es schnell, er profitiere vom väterlichen Erfolg. Ganz anders bei Ezard und Leander Haußmann.

Von Harriet Dreier


Leander Haußmann: typische Tellerwäschergeschichte
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Leander Haußmann: typische Tellerwäschergeschichte

Er ist Deutschland ehemals jüngster Theaterintendant. Leander Haußmanns Bühnenkarriere ist eine typische Tellerwäschergeschichte: vom Druckerlehrling zum Theaterintendanten. Der Beruf des Graphikers war dem Schauspieler-Sprössling zu "langweilig". Haußmann jr. findet ohnehin einiges "langweilig", zum Beispiel die 68er. Oder die deutsche Bühne. "Ich liebe das Theater nach wie vor, mich ödet nur diese Theaterlandschaft hier an." Er habe keine Lust, "an einem Ringelpiez teilzunehmen nach dem Motto 'ätsch, der ist doof, der ist blöd', das langweilt mich", kommentierte er sein Ausscheiden als Regisseur und Intendant des Bochumer Schauspielhauses. "Ich kapituliere nicht, ich sehe mich nur woanders um, zum Beispiel in Russland", sagte der Bohémien aus Sachsen-Anhalt. Letzten Oktober gab Haußmann mit dem Wiedervereinigungsfilm "Sonnenallee" sein Kinoregiedebüt - eine liebevolle Rückschau auf die "gute alte Zeit" in der DDR.

Der 1959 in Quedlinburg geborene Leander ist Sohn des Berliner Schauspielers Ezard Haußmann. Vor der Wende spielte er, vor allem unter der Regie von Frank Castorf, in Gera, zudem inszenierte er am Mecklenburgischen Landestheater Parchim. Mitte der 80er Jahre stellte er einen Ausreiseantrag - 1989 hatte sich dieser erledigt. Im wiedervereinigten Deutschland machte er Karriere am Berliner Schiller-Theater, in München, und in Bochum, wo er vier Jahre Intendant war.

Mit seiner lockeren Art kommt der 40-Jährige, vorzugsweise gewandet in beigem Cordjackett und schwarzen Jeans, dazu "Ray-Ban"-Brille, gut an - speziell beim weiblichen Geschlecht. Seine Regiearbeit ist dagegen umstritten. Leander über sich: "Mein Ruf als Intendant ist sehr schlecht, schlechter als ich wirklich bin." Er sei auch gern Intendant gewesen. "Ich glaube, ich habe es gut gemacht. Ich habe eines der besten deutschen Ensembles aufgebaut."

Seit Juni hat der smarte Charmeur mit dem schütteren Haar der Bochumer Bühne den Rücken gekehrt. Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen im Mai erweckte Leander Haußmann Ibsens späten "John Gabriel Borkman" aus halber Vergessenheit. In der Rolle des ehemaligen Bankdirektors Borkman: Vater Haußmann, nachdenklich und selbstbezogen. "Auf der Bühne sind die Autoritäten vertauscht, da hat Leander das Sagen. Er fordert und kritisiert mich - und kitzelt alle Facetten aus mir heraus", so der Vater über den Sohn.

Edzard Haussmann: "Wir sind gut"
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Edzard Haussmann: "Wir sind gut"

Ezard Haußmann machte in Detmold seine erste Bühnenerfahrungen. Später avancierte er zum Charaktermimen ("Philipp II.", "Der Geizige", "Jedermann"), spielte am Berliner Ensemble, am Deutschen Theater, am Schillertheater und 24 Jahre lang an der Volksbühne. 1995 kam er nach Bochum. Nach 40 Jahren DDR-Agitprop-Theater war er, auch hier unter der Regie seines Sohnes, in die "Die Vaterlosen I" von Anton Cechov, "Die Lügen der Papageien" von Andreas Marber oder "Misery" von Simon Moore zu sehen. Diesen Herbst geht Haußmann senior mit dem Tourneetheater "Bühne 64" Zürich wieder eigene Wege - als Regisseur und Akteur von Goethes "Clavigo".

Das viel beschrieene Klischee vom Familienzusammenhalt in Ostdeutschland scheint sich bei den Haußmanns zu bewahrheiten: Zu Zeiten von Leanders Intendanz war auch sein Vater mit dem Bochumer Haus eng verbunden, seine Mutter Doris arbeitete als Kostümbildnerin. "Manche hacken schlimm auf uns herum, bringen voller Häme die Familienverbindung ins Spiel", so Ezard Haußmann, "lauter bösartige Verleumdungen! Wenn ich schlecht wäre, würde ich's einsehen. Aber nein, wir sind gut, alle drei".



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