Berliner Stadtentwicklung Der Hype hält an

In den letzten fünf Jahren wuchs Berlin um eine Viertelmillion Einwohner - klingt viel, ist aber im Vergleich ein Witz: 1920 verdoppelte sich die Einwohnerzahl über Nacht. Was kann man aus der Geschichte lernen?
Berlin-Mitte

Berlin-Mitte

Foto: Robert Schlesinger/ picture alliance / Robert Schles

Der Magnet verliert nicht an Anziehungskraft: Berlin bleibt beliebt bei jungen Zuzüglern aus dem Ausland. Man versteht sich als Stadt, die niemals schläft (offizieller Claim: "365/24"), als Hotspot der Kreativwirtschaft (Platz vier im jüngst veröffentlichten weltweiten Start-up-Ranking). Zudem fanden hier seit 2015 Zehntausende Flüchtlinge ein neues Zuhause. In den letzten fünf Jahren wuchs die Stadt um rund eine Viertelmillion Einwohner.

Im Vergleich zum Herbst 1920 ist dieses Wachstum allerdings ein Witz. Damals verdoppelte sich die Einwohnerzahl Berlins über Nacht - von 1,9 auf über 3,8 Millionen. Von heute auf morgen war man nach New York und London die drittgrößte Metropole der Welt. Die Stadtfläche wuchs gar um das Dreizehnfache, weitläufiger war bloß noch Los Angeles. Was war geschehen?

Mit dem 1. Oktober jenes Jahres wurde Berlin qua Gesetz zu Groß-Berlin, einer Einheitsgemeinde, die weitgehend den noch heute geltenden Stadtgrenzen entspricht. Vormals eigenständige, wohlhabende Großstädte wie Charlottenburg, Wilmersdorf oder Schöneberg waren plötzlich zu Bezirken jener Stadt geworden, in der große Teile der Bevölkerung in bitterster Armut lebten, die in den Folgejahren aber ihre "Goldenen Zwanziger" erleben sollte.

Von dieser bedeutenden Schwelle in Berlins Stadtgeschichte erzählt der erste Band einer Reihe über "100 Jahre Groß-Berlin". "Es ist Ironie der Geschichte, dass Berlin zu diesem Jubiläum wieder eine stark wachsende Stadt ist", sagt Klaus Brake vom Center for Metropolitan Studies der TU Berlin und Mitherausgeber des Buches. Bis 2004 war die Stadt sogar geschrumpft: Entgegen aller Wachstumsprognosen der Nachwendejahre hatte Berlin seit 1993 fast 90.000 Einwohner verloren.

Heute ist der Bedarf nach Wohnraum, zumal bezahlbarem, längst das zentrale (Reiz-)Thema, Stichwort Gentrifizierung. Und so beschwört der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl in seinem Vorwort ähnlich große Herausforderungen herauf wie vor einhundert Jahren. Denn auch 1920 war die Wohnungsfrage das drängendste politische Problem der Hauptstadt.

Die Region rund um Berlin war kommunal zersplittert und dadurch "sozial zerklüftet". Wer es sich leisten konnte, zog in eine der umliegenden Steueroasen. In der Stadt blieb zurück, wer nicht wegkam: die Armen. Pro Person standen im Schnitt 0,41 bis 0,65 Zimmer zur Verfügung. Jeder Sechste hauste in einer Wohnung mit mehr als vier Personen pro beheizbarem Zimmer. Dass diese Situation für das soziale Klima der Stadt höchst ungesund war, liegt auf der Hand.

Größter Industriestandort Europas

1920 galt Berlin als größter Industriestandort Europas. "Vor allem dank der Elektrotechnik. Unternehmen wie AEG und Siemens verhalfen der Stadt zu ihrem Image als "Elektropolis"", so Brake. Kurioserweise wohnten die Industriearbeiter vorwiegend in der inneren Stadt, eben in "Berlin", während die Firmen ihre Werke in die umliegenden Städte verlegten.

Heute läuft es genau andersherum: Immer beliebter und teurer werdende (Innen-)Stadtbezirke stehen einem potenziell verödenden Umland gegenüber. "Was in Berlin gerade passiert, ist die Ausprägung eines weltweiten Phänomens: der rapiden Urbanisierung", so Brake. "Städte wachsen auf Kosten des nichtstädtischen Landes - und diese Entwicklung wird andauern."

Anzeige

100 Jahre Groß-Berlin / Wohnungsfrage und Stadtentwicklung (Edition Gegenstand und Raum)

Verlag: Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte
Seitenzahl: 224
Für 25,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

27.11.2022 06.59 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

"100 Jahre Groß-Berlin" bietet einen Ritt durchs 20. Jahrhundert, ausgehend von den Bedingungen für die Einheitsgemeinde über den Wohnungsbau in der Zwischenkriegs- und der NS-Zeit sowie in der geteilten Stadt bis in die Nachwendezeit. Auch nach London, Moskau und Paris fällt der Blick, um zu untersuchen, welche Wohnungspolitik andere Hauptstadtregionen verfolgten. Die hohen Mieten in der Pariser Innenstadt und die sozialen Spannungen der Banlieues an der Peripherie gelten schon lange als alarmierendes Beispiel missglückter Stadtpolitik.

"Auch in Berlin verlieren einzelne Stadtteile ihre Mischungsqualitäten, etwa Prenzlauer Berg. Viele Bewohner müssen wegen Mietpreissteigerungen an die Ränder ausweichen", so Brake. "Das ist noch nicht schlimm, aber es sollte einen elektrisieren. Es kann der Anfang dessen sein, was in Paris zum Beispiel vor hundert Jahren schon begonnen hat."

Ein aktuelles Schlaglicht auf die Berliner Politik wirft der Kurzzeit-Staatssekretär Andrej Holm, seit Jahren eine streitbare Stimme in den Debatten um die Berliner Wohnungspolitik. Holm nutzt die Plattform für eine dezidierte Agenda, fordert neben 14.000 neuen Wohnungen pro Jahr soziale Auflagen für die landeseigenen Bauunternehmen und rechtliche Eingriffe des Senats in den Wohnungsmarkt. Er weist - spürbar politisch gefärbt - darauf hin, "dass die höchsten Neubauzahlen erreicht wurden, wenn staatliche Restriktionen profitorientierte Akteure einschränkten und der Wohnungsbau mit öffentlichen Fördergeldern finanziert wurde".

Nach der gescheiterten Fusion mit Brandenburg im Jahr 1996 wird es in absehbarer Zeit wohl keine zweite "Einheitsgemeinde" geben. Umso wichtiger scheint, dass Berlin in den gegebenen Grenzen neuen Wohnraum schafft.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.