Berliner Stadtschloss im Bundestag Die Abstimmung der 666 Experten

Der Bundestag soll dem Streit über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses mit einer Entscheidung ein Ende setzen. Nach jahrelangem Hickhack herrscht im Detail noch immer kein Konsens.
Von Rüdiger Strauch



Berlin - Eckhardt Barthel möchte kämpfen. Der SPD-Politiker tritt vehement für, wie er es nennt, "Ideenfreiheit" ein. Doch wenn der Bundestag am Donnerstag ohne Fraktionszwang und in geheimer Abstimmung darüber entscheidet, wie das nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengte Berliner Stadtschloss wieder aufgebaut werden soll, wird der Abgeordnete aus Berlin-Kreuzberg leicht angeschlagen in den Ring steigen.

Palast der Republik droht die Abrissbirne

Aller Voraussicht nach kann sich eine Mehrheit der Abgeordneten nämlich nicht für seine Vorstellung erwärmen, die Fassadengestaltung des Schlosses in einem neu auszulobenden Architektenwettbewerb zu klären. "Mein Optimismus hält sich sehr in Grenzen", räumt Barthel denn auch ein.

Dass sich die Abgeordneten im Reichstag mit dieser städtebaulichen Frage überhaupt befassen, liegt an den Eigentumsverhältnissen auf dem Berliner Schlossplatz. Die betroffenen Grundstücke gehören sowohl dem Land Berlin als auch dem Bund. Weil dem hoch verschuldeten Berlin die finanziellen Mittel für das 670 Millionen Euro teure Bauprojekt fehlen, soll der Bund in die Bresche springen, um die hässliche Baulücke im Herzen der Hauptstadt zu schließen.

Fest steht bisher, dass dem unansehnlichen "Palast der Republik" aus DDR-Zeiten die Abrissbirne droht und auf dem Gelände in Berlins Mitte mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses begonnen werden soll. Dem Bundestag liegt hierzu ein fraktionsübergreifender Entschließungsantrag vor, dem nur die PDS ihre Zustimmung versagte.

Alles ist gesagt - nur nicht von jedem

Wäre damit jedoch bereits das über zehn Jahre währende Hickhack um das Stadtschloss beendet, müsste Eckhard Barthel nicht in der eigenen Fraktion für seine Empfehlungen werben. Noch immer wird um die Fassadengestaltung der Nord-, West- und Südseite des künftigen Stadtschlosses gerungen. Als sei das Thema nicht schon von allen Seiten beleuchtet, verhelfen die Abgeordneten einem Spruch des Komikers Karl Valentin zu neuer Ehre: "Es ist alles schon gesagt - nur nicht von jedem."

"Ich möchte, dass zeitgenössische Architekten eine Chance bekommen", beharrt Barthel. Es müssten noch mehr Entwürfe vorgelegt werden. Wenn der Architektenwettbewerb keine guten Konzepte hervorbringe, "dann machen wir eben die Barockfassade". Es müsse nur jedem Abgeordneten klar sein, dass es bei der Abstimmung "nicht um irgendeine Currywurst-Bude" geht. Deswegen sein Plädoyer für Ideenfreiheit, das allerdings von einflussreichen Parteifreunden wie Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin durchkreuzt wird. Sie favorisieren die historische Rekonstruktion des Stadtschlosses und verweisen unter anderem darauf, dass sich so leichter private Geldgeber finden ließen.

Geschlossene Reihen bei der Union

Für den kulturpolitischen Sprecher der Unionsfraktion Norbert Lammert gehören Kollegen wie Barthel zu den Leuten, "die die Debatte um das Schloss schöner finden als das Schloss selbst". Alle denkbaren Sachverhalte seien innerhalb der vergangenen zehn Jahre vorgetragen worden, jetzt müsse endlich eine Entscheidung getroffen werden.

Dazu hat die Union ihre Reihen fest geschlossen. Bis auf zwei Abgeordneten seiner Fraktion falle es allen leicht, der internationalen Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" zuzustimmen. Deren Empfehlungen für die Errichtung von Barockfassaden um einen modernen Gebäudekern entsprächen schließlich "in bemerkenswerter Präzision" einem Antrag, den die Union bereits vor zwei Jahren eingereicht habe - und dies, obwohl die Regierungskoalition "kunstvoll alles getan habe, die Opposition aus der Zusammensetzung der Kommission herauszuhalten".

Der Tag der 666 Städtebau-Experten

Mit großem Unbehagen wird Andrea Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) in die Abstimmung des Bundestages gehen. Die frühere Bundesgesundheitsministerin empfindet es als Bürde, dass das Land Berlin nicht schon längst für vollendete Tatsachen gesorgt hat und die Entscheidung jetzt allein beim Bundestag liege. "Unter 666 Abgeordneten sind die wenigsten Experten für Städtebau." Natürlich habe sie eine Meinung, doch fehle es ihr wie auch vielen Kollegen an detailgenauer Fachkenntnis, die eine sachgerechte Abstimmung erst ermögliche.

Fischer hat sich dennoch zu einer Entscheidung durchgerungen und wird gegen die Barockfassade und für einen erneuten Wettbewerb votieren. Aus den Erfahrungen mit dem Reichstag hat sie ihre Lehren gezogen. Durch die Kuppel als modernem Element sei dem Sitz des Bundestages die Strenge genommen, die Fassade aufgelockert worden. Auch das Stadtschloss könne moderne Akzente gebrauchen.

Baubeginn frühestens 2005

Nach einer Entscheidung sollten die Baumaßnahmen dann zügig in die Wege geleitet werden. "Als Berlinerin habe ich ein Interesse daran, nicht ständig auf einer Baustelle zu leben. Ich will, dass endlich etwas auf den Schlossplatz kommt", sagt Fischer.

Wie viele Jahre bis dahin aber vergehen, steht auch nach der Abstimmung in den Sternen. Berlin und der Bund wollen das Nutzungs- und Finanzierungskonzept der Expertenkommission in einer weiteren Arbeitsgruppe überprüfen. Wenn auch dort die von SPD-Politiker Barthel eingeforderte "Ideenfreiheit" herrscht, dann tut Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gut an seiner vorsichtigen Prognose. Er rechnet mit dem Baubeginn ohnehin frühestens im Jahr 2005.

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