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Humboldt-Box in Berlin: Augen zu oder wegsprengen?

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Berliner Stadtschloss-Werbung "Star Wars"-Lego fürs Hauptstadt-Ego

Bau-Klops oder Büchsen-Blamage? Die Umschreibungen für die neu errichtete Humboldt-Box, in der über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses informiert werden soll, sind vielfältig - positiv ist keine. Zu Recht, findet Michael Sontheimer: Das Ding ist eine scheußliche Schachtel!

Berlin - Die Stadt, in der sie leben, ist nicht schön. Sie ist alles Mögliche, aber schön ist sie nicht. Berliner wissen das. Die Stadt hat ein vernarbtes Gesicht, sie ist ein architektonischer Flickenteppich. "Der Rohbau ist fertig, Meister", fragten schon die Maurer in der Gründerzeit, "was soll'n jetzt für'n Stil ran?" Die Bomber der Alliierten haben im Zweiten Weltkrieg gründlich aufgeräumt, Architekten taten ihr Übriges, beim Wiederaufbau und dem Bauboom nach dem Fall der Mauer.

Berliner sind Stilbrüche gewohnt und haben sich mit vielen Hässlichkeiten abgefunden, doch irgendwann ist selbst für sie eine letzte Grenze überschritten: so wie jetzt mit der Humboldt-Box am Schlossplatz. Wie ein überdimensionales Spielzeug aus der Lego-Reihe "Star Wars" sieht das fünfstöckige Gebilde aus, das heute offiziell eingeweiht wurde. Türkis und silbern, plump und grotesk.

Die Berliner Presse ist kein Hort des kritischen Journalismus, aber die Humboldt-Box geht selbst den hauptstädtischen Lokalredakteuren zu weit. "Bau-Klops", schreibt der "Berliner Kurier, "hässliches Gebilde". Von einem "Monstrum" ist in der "Berliner Zeitung" die Rede, von einer "Bausünde" und einer "Blamage". Der Architekturkritiker der "taz" murmelte bei dem heutigen Rundgang nur: "Das gehört weggesprengt."

Initiatoren und Eigentümer der Box sind die Familie Henrich, Eigentümer der Firma Megaposter aus Neuss, und der Berliner Plakatmogul Udo Müller. Sie sehen das naturgemäß anders, und ihre PR-Schreiberlinge erblicken in der Box ein "Projekt mit Vorzeigecharakter", das sich durch "futuristische Leichtigkeit" auszeichnet, einen "selbstbewussten Akzent auf der Museumsinsel setzt", kurz gesagt: ein "neues temporäres Wahrzeichen für Berlin" und eine "Top-Location".

Alte Männer und ihre schlichten Träume

My goodness, um im Neudeutsch zu bleiben. Vor allem anderen geht es darum, für ein von den Berlinern ungeliebtes Projekt zu werben, für den Bau der partiellen Kopie des Stadtschlosses der Hohenzollern, in dem Kaiser Wilhelm II. residierte, bis ihn Revolutionäre 1918 ins Exil jagten.

Dieser Wiederaufbau des Schlosses, dessen Ruine die Kommunisten nach dem Krieg gesprengt haben, ist das Projekt alter Männer aus West-Deutschland. Der konservative Historiker Joachim Fest hatte es 1991 erstmals vorgeschlagen. Fest ist mittlerweile verstorben, aber andere alte Männer machen weiter, vor allem der ehemalige Landmaschinenhändler Wilhelm von Boddien aus Schleswig Holstein.

Statt 552 Millionen Euro, wie vom Bundestag genehmigt, wird die Schlosskopie mindestens 40 Millionen mehr kosten, stellte sich gerade heraus. Und dabei wird es natürlich nicht bleiben. Die angeblichen Kosten für die Kopien von drei Fassaden von 80 Millionen sollen durch Spenden aufgebracht werden, doch es sind im Moment höchstens 15 Millionen beisammen - und die sind zum großen Teil schon wieder ausgegeben. Die große Mehrheit der Berliner kann bisher nicht recht einsehen, warum in ihrer kaputtgesparten und nahezu bankrotten Stadt unbedingt ein Schloss gebaut werden soll.

In der Box haben die Schlossfreunde nun eine eigene Etage für ihre Propaganda. Man liest da über die Asbestsanierung, mit dem der Palast der Republik, der hier einst stand, endgültig abrissreif gemacht wurde: "Dabei wurde das Gebäude auf den Rohbau zurückgeführt."

Provokation oder einfach nur Dummheit?

In zwei Etagen dürfen die als Nutzer der Schlosskopie vorgesehenen Institutionen, die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Landesbibliothek und die Humboldt-Uni ein bisschen was vorzeigen. Die Besucher werden über "Made in China. Porzellan für die Welt" informiert oder über "Froschhandel in Afrika. Die ökologischen Folgen". Sehr schön auch die Masken aus der Südsee, bei Eingeborenen in guten alten Kolonialzeiten eingesammelt.

Der Eintritt soll vier Euro kosten. Und wer sich durch die Ausstellungen und das Treppenhaus aus Sichtbeton in die fünfte und oberste Etage gearbeitet hat, kann in den Humboldt-Terrassen Kaffee trinken. Hier hängen gläserne Kronleuchter von der Decke, an den Wänden prangen Stofftapeten in Gold und Pink. "Das ist doch schön auf Retro gemacht", merkt der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz trocken an. Hermann Parzinger, Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, betont: "Dafür sind wir nicht verantwortlich."

Nein. Verantwortlich sind die Beamten der Berliner Bauverwaltung. Da weder der Bund noch das Land Geld rausrücken wollten, suchten sie nach privaten Investoren und nickten die Pläne für den geschmacklosen Bau ab. Alle wollten eine Info-Box: so wie die, die Daimler und andere Investoren am Potsdamer Platz von 1995 bis 2000 in architektonisch gelungener Gestalt betrieben. Damals kamen jährlich bis zu zwei Millionen Besucher, um sich über die gigantische Baustelle zu informieren. Doch es ist zweifelhaft, ob die Transplantation einer Idee aus einer Zeit, als die Berliner ihre Baustellen und die Touristen noch mochten, gelingen wird.

Kluge Schlossfreunde wie Hermann Parzinger reden die Architektur-Katastrophe am Schlossplatz diplomatisch schön: "Es irritiert. Es ist ein Fremdkörper. Es wird Besucher anziehen." Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesbauministerium, behauptet: "Wir wollen damit bewusst provozieren."

Kritiker des Schlossbaus hingegen sehen das Aufstellen der scheußlichen Schachtel als perfides taktisches Manöver der Schlossfreunde. Die Humboldt-Box ist so hässlich, dass nun auch alle, die den Bau der Schloss-Kopie ablehnen, sie schnell vollendet sehen wollen - damit die furchtbare Box wieder aus der Mitte Berlins verschwindet.

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