Berliner Tacheles-Theater Die Mauer muss weg!

Ist ja fast wie 1989! Für Samstag haben die verbliebenen Tacheles-Künstler zum Protest gegen die Räumung des Berliner Kunsthauses aufgerufen. Eine Steilvorlage lieferte ihnen dafür der Zwangsverwalter des Geländes: Er hat ausgerechnet eine Mauer errichten lassen, um sie auszusperren.

So macht man sich viele Freunde in Berlin: Zwangsverwalter lässt Mauer am Tacheles bauen
dapd

So macht man sich viele Freunde in Berlin: Zwangsverwalter lässt Mauer am Tacheles bauen


Berlin - Man kann es sich schon lebhaft vorstellen: Tacheles-Chefkünstler Martin Reiter schwenkt eine selbstgemalte Demo-Pappe über dem Kopf, schüttelt die geballte Faust, mit ihm marschieren marodierende Schrottkünstler auf der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte, und alle gemeinsam skandieren: "Die Mauer muss weg!" So oder so ähnlich wird es sein, wenn am Samstag die verbliebenen Bewohner des Berliner Kunsthauses "Tacheles" auf die Straße gehen.

Konnte man den jahrelangen Streit um das Berliner Kunsthaus Tacheles schon bisher ein Theaterstück nennen, wird er jetzt vollends zur Posse: Am Dienstag hat der Zwangsverwalter des Tacheles-Geländes ausgerechnet eine Mauer errichten lassen, um den Künstlern den Zugang zum mittlerweile geräumten Areal hinter der Ruine zu erschweren. Die Künstler haben nun für Samstag zu einer Demonstration gegen den Mauerbau aufgerufen.

"Keine solchen Maßnahmen geplant"

Die Assoziation zur Berliner Mauer, die von 1961 bis 1989 die Hauptstadt in Ost und West teilte, liegt auf der Hand - und wird von Linda Cerna, der Pressesprecherin der Tacheles-Künstler, noch verstärkt: "Wenige Tage vor dem Mauerbau gab es noch ein Gespräch mit dem Zwangsverwalter, in welchem dieser zusicherte, dass keine solchen Maßnahmen geplant sind", sagt Cerna. Hier soll wohl das berühmte Ulbricht-Zitat anklingen: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."

Hat der Zwangsverwalter nun aber doch - war aber für eine Begründung dieser symbolischen Großtat zunächst leider nicht erreichbar. Anders Gesine Dähn, die Sprecherin der HSH-Nordbank, welcher das Tacheles-Gelände infolge eines geplatzten Kredits zugefallen war. Die Mauer, sagt Dähn, sei "eine weitere Sicherung des Zwangsverwalters, damit nicht zum Beispiel Autos oder andere Fahrzeuge auf das geräumte Gelände gebracht werden können". Offenbar befürchtet man eine neue Besetzung der Brache.

Kommt Künast? Oder Wowereit?

Nicht nur die Mauer erzürnt die Bewohner, die sich mit einer "Salamitaktik" aus dem Gebäude genötigt sehen, sondern auch die Sperrung des Wasseranschlusses für das Gelände. Auf Nachfrage räumt Cerna jedoch ein, dass die Künstler schon seit geraumer Zeit keinen Zugang mehr zum öffentlichen Wassernetz hatten, weil der verfeindete Betreiber der Gastronomie im Erdgeschoss längst abgeklemmt hatte. Sie behelfen sich seither mit einer Regenwasseranlage.

Wie dem auch sei - die Künstler erhoffen sich vom Mauerbau eine gehörige öffentliche Empörung und Sympathie. Für ihre Kundgebung haben sie auch Renate Künast und Klaus Wowereit als Gastredner angefragt, schließlich müssten sich die (künftig) in Berlin Regierenden doch äußern, wenn mitten in Berlin eine Mauer errichtet werde. Bisher scheinen weder die Grüne noch der Sozialdemokrat Interesse daran zu haben, eine Rolle im großen Tacheles-Theater zu übernehmen: Eine Antwort steht noch aus. Immerhin: Dr. Motte, der Love-Parade-Erfinder, hat schon zugesagt.

kuz

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insgesamt 5 Beiträge
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mactor, 15.04.2011
1. Theater.
Als Berliner muss ich sagen das es Zeit wird das dieser Schmuddelfleck verschwindet. Dieses ganze versiffte Haus hat kaum was mit Kunst zu tun. Auch wenn das Theater jetzt durch die Zahlung von 1Mio an die anderen gierig/neidisch schaut. Das war sicher einmalig und die Tage von denen dort sind gezählt. Das Haus war in den letzten Jahren nur noch zum abzocken von Touris und sich wichtig machen da. Ach so und Nein- Berlin wird nicht untergehen wenn die gehen müssen. Sondern hat sich inzwischen weiter entwickelt. Kreuzberg/Neukölln... da sind inzwischen die Ateliers der Künstler von heute und morgen.
neo von terra 15.04.2011
2. Tacheles - Die Mauer muss weg!
Das Tacheles ist eine Institution und künstlerische Attraktion in Berlin die in jedem Reiseführer vorkommt. Es hat jährlich so viele Touristen vorzuweisen wie die Museumsinsel, wobei die Museumsinsel ein Vielfaches an Kosten und Investitionen vom Bürger benötigt. Der Vergleich mit der Museumsinsel zeigt noch etwas anderes. Es gibt von manchen, die an den Geldpötten und an der Macht sitzen eine ablehnende Haltung zu lebendiger internationaler Kunst, da lebende Künstler unberechenbar sind und oft gar am System, an den Machtverhältnissen oder gar an Bankstern, Lobbyisten & Co herumkritisieren. Tote Künstler in einem Museum sind hier viel handzahmer und umgänglicher. Andererseits lebt gerade zur Zeit Berlin sehr vom Ruf eine internationale Stadt der Künstler und Kreativen zu sein. Die momentane Attraktivität Berlins basiert auf vielem, wofür das Tacheles symbolhaft steht. Dieses Gebäude zu schließen anstatt zu unterstützen lässt sich mit einer kulturpolitischem Schildbürgerstreich vergleichen, der in seiner Fehlorientierung an Entscheidungen wie die Verlängerung der Atomkraftlaufzeiten vom letzten Jahr heranreicht. Wer sich beschwert, dass es bei einem Kunstbetrieb schmuddelig zu geht und dass dieses Haus "versifft" ist und nicht wie der Supermarkt täglich mit Domestos desinfiziert oder einfarbig gefliest wird, der versteht entweder absolut nichts von "Kunst im Zustand des Entstehens", oder der will nur polemisieren. Wenn hier im Forum das "abzocken von Touris" und das "wichtigmachen" als ein negatives Element einer Stadt dargestellt werden, dann hat jemand überhaupt nicht verstanden dass es ein Vorteil für eine Stadt ist, wenn man wichtig ist und bei Touristen weltweit beliebt. Leute denen das unangenehm ist sollten vielleicht einmal bedenken, dass man ja nicht in der Großstadt leben muss wenn man unbedingt seine Ruhe vor Künstlern und Andersdenkenden haben will. In Brandenburg gibt´s viel Platz und Ruhe, wie das Reinald Grebe so schön besingt ;-)
beilngries 15.04.2011
3. Berlin steril
Liebe Spiegelleser, es ist schon beeindruckend in welcher Geschwindigkeit sich Berlin verwandelt und neue Gebäude errichtet werden. Leider handelt es sich nur allzu oft um computerkonstruierte sterile Glas-Stahl Monumente die einen Moment lang beeindruckend aussehen aber eigentlich nicht geeignet sind um von Menschen bewohnt zu werden – ich fühle mich an Plätzen wie dem Sonycenter oder von flüsternden Bio-Akademikern bevölkerte Künstlerateliers jedenfalls extrem unwohl. Das Tacheles ist eine bunte Insel im Meer der hochglanzpolierten Shinewelt und für mich mit ein Grund immer mal wieder nach Berlin zu fahren. Ich finde eine Stadt wie Berlin sollte auf keinen Fall auf diesen bunten Tupfer verzichten, der immerhin Menschen in der ganzen Republik und darüber hinaus ein Begriff ist. Sollte an Stelle des Tacheles noch ein weiterer Glas-Stahl Palast errichtet werden ist die Oranienburger Straße endgültig sterilisiert und zu einer einzigen Touristenabzockmeile verkommen, auf die ich jedenfalls keinen Fuß mehr setzen werde.
immobilienfreund 15.04.2011
4. Geschmacklosigkeit kennt keine Grenze...
Es ist hochgradig geschmacklos, eine lediglich Hausbesetzer einschränkende zehn meter breite Mauer in einem Torbogen, mit der Berliner Mauer zu vergleichen. Der Vergleich beleidigt die vielen Opfer der Innerdeutschen Grenze und ich halte es für überflüssig, dass sich die Presse derzeit dazu verleiten lässt, diesen offenbar von den Künstlern zum Selbstzweck aufgeworfenen Vergleich aufzugreifen. Solchen Geschmacklosigkeiten sollte keine Plattform geboten werden! Die Presse sollte lieber einmal nachhaken, welchen kulturellen Zwecken die dubiose Millionenzahlung zugeflossen ist! Oder geht es den Künstlern letzlich doch nur um die eigene Person/ Tasche und nicht um die Kultur?
dickes B 16.04.2011
5. tacheles muss bleiben
Zitat von mactorAls Berliner muss ich sagen das es Zeit wird das dieser Schmuddelfleck verschwindet. Dieses ganze versiffte Haus hat kaum was mit Kunst zu tun. Auch wenn das Theater jetzt durch die Zahlung von 1Mio an die anderen gierig/neidisch schaut. Das war sicher einmalig und die Tage von denen dort sind gezählt. Das Haus war in den letzten Jahren nur noch zum abzocken von Touris und sich wichtig machen da. Ach so und Nein- Berlin wird nicht untergehen wenn die gehen müssen. Sondern hat sich inzwischen weiter entwickelt. Kreuzberg/Neukölln... da sind inzwischen die Ateliers der Künstler von heute und morgen.
und ick als Berliner muss sagen, das alternative Hausprojekt Tacheles muss bleiben damit Berlin bunt und authentisch bleibt. Nicht noch mehr von diesen hässlichen und seelenlosen Glas-Beton Bauten a la Mediaspree oder Potsdamer Platz! Ick liebe Dir Berlin, weil du als Stadt nicht wie jede andere x-beliebige Stadt aussiehst.
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