"Berliner Zeitung" Redaktion kritisiert Berufung des neuen Chefredakteurs

Fliegender Wechsel: Nachdem sich Uwe Vorkötter zur "Frankfurter Rundschau" verabschiedete, bekommt die "Berliner Zeitung" einen neuen Chefredakteur aus Hamburg: Josef Depenbrock, Chef der "Hamburger Morgenpost". Die Redaktion sieht das als "scharfen Affront".


Berlin - Heute Morgen war bekannt geworden, dass der bisherige Chefredakteur und Geschäftsführer der "Hamburger Morgenpost", Josef Depenbrock, ab sofort neuer Chefredakteur der "Berliner Zeitung" werden soll. In einer Redaktionsvollversammlung am Vormittag hätten die Mitarbeiter die Bestellung zum jetzigen Zeitpunkt als "scharfen Affront" gewertet, sagte der Vorsitzende des Redaktionsausschusses, Ewald Schulte. Die Versammlung sei zunächst wegen des "immensen Beratungsbedarfs" der Belegschaft bis zum frühen Nachmittag unterbrochen worden.

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Laut Schulte war für den Nachmittag eine neue Verhandlungsrunde mit der Geschäftsführung des Berliner Verlags zur Verabschiedung eines Redaktionsstatuts vereinbart gewesen. Darin wollte die Redaktion der "Berliner Zeitung" unter anderem ein Mitbestimmungsrecht für die Berufung von Chefredakteuren verhandeln. Nun habe die Geschäftsführung mit der Bestellung Fakten geschaffen, die von den Mitarbeitern als "schwerer Vertrauensbruch" gewertet würden, sagte Schulte.

Depenbrock wollte sich am Montagnachmittag der Belegschaft vorstellen. Die DV Deutsche Zeitungsholding hatte am Vormittag seine sofortige Berufung mitgeteilt. Der 44-jährige Journalist folgt Uwe Vorkötter, der als Chefredakteur zur "Frankfurter Rundschau" wechselt. Zugleich soll Depenbrock die redaktionellen Belange der Gruppe in der Geschäftsführung der BV Deutsche Zeitungsholding vertreten.

Schulte warnte, dies könne zu einer Interessenkollision führen. Bislang habe für den Berliner Verlag eine klare Trennung der verlegerischen und redaktionellen Interessen gegolten.

Die DV Deutsche Zeitungsholding, ein Konsortium um den britischen Zeitungsmanager David Montgomery, hatte den Berliner Verlag Ende 2005 und den Hamburger Morgenpost Verlag Anfang 2006 übernommen. Vorkötter hatte sich vehement gegen den Verkauf seines Hauses an Montgomery ausgesprochen.

Bevor Josef Depenbrock im Jahr 2000 zur "Mopo" kam, war er Chefredakteur des Kapitalanlagemagazins "Cash" und Chef vom Dienst beim "Berliner Kurier". Bei der "Berliner Zeitung" erwartet den neuen Chefredakteur die Aufgabe, die Arbeit der Redaktion mit dem hochgesteckten Ziel der neuen Eigentümer in Einklang zu bringen: Die erwarten von dem Blatt allein in diesem Jahr einen Gewinn von gut 15 Millionen Euro.

bor/ddp



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