"Berliner Zeitung" Redaktion verklagt ihren Chef

Bei der "Berliner Zeitung" geht der Streit zwischen der Redaktion und ihrem Chefredakteur und Geschäftsführer Josef Depenbrock jetzt vor Gericht - die Redakteure klagen gegen die Doppelfunktion ihres Chefs.


Berlin - Der Redaktionsausschuss der "Berliner Zeitung" hat am Montag beim Arbeitsgericht Berlin Klage gegen den Berliner Verlag eingereicht. Sie richtet sich gegen die Doppelfunktion von Josef Depenbrock als Verlagsgeschäftsführer und Chefredakteur der "Berliner Zeitung".

Chefredakteur und Geschäftsführer Depenbrock: Ungeliebter Chef
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Chefredakteur und Geschäftsführer Depenbrock: Ungeliebter Chef

Die Vermischung von redaktioneller und kaufmännischer Tätigkeit widerspreche dem Redaktionsstatut, das Depenbrock selbst unterschrieben habe, argumentiert die Redaktion. Die Klage wird vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) und der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU) von ver.di unterstützt.

Beide Verbände kritisierten zugleich den britischen Investor David Montgomery und sein Beteiligungsunternehmens Mecom. Renditeerwartungen von bis zu 20 Prozent seien nur mit der Abkehr vom Qualitätsjournalismus zu erreichen. Das überzogene Gewinnstreben von Mecom hungere die "Berliner Zeitung" aus. Wann die Klage verhandelt wird, stand noch nicht fest.

Der Nordire David Montgomery, der den britischen Mecom-Konzern leitet, hatte 2005 den Berliner Verlag samt "Berliner Zeitung" und dem Boulevardblatt "Berliner Kurier" übernommen. Seit damals wehrt sich vor allem die Belegschaft der "Berliner Zeitung" gegen den neuen Eigentümer.

Den besonderen Groll der Redaktion zog Montgomery auf sich, als er 2006 Josef Depenbrock zugleich als Chefredakteur der "Berliner Zeitung" und als Geschäftsführer der Mecom-Deutschland-Tochter installierte. Dies - so die Position der Redaktion - widerspreche dem Redaktionsstatut und gefährde die journalistische Unabhängigkeit des Blattes.

Mecom gehören Zeitungen in Norwegen, Dänemark und Polen. Montgomerys Geschäftsmodell und seine Renditevorstellungen sind nicht nur in Deutschland sehr umstritten.

Die Redaktion des Blattes hatte Depenbrock bereits Mitte Februar in einem offenen Brief ihr Misstrauen ausgesprochen und davor mehrfach verlauten lassen, Klage einreichen zu wollen. Depenbrock habe "einen weiteren massiven Sparkurs angekündigt, um damit die Umsatzrendite auf 18 bis 20 Prozent zu erhöhen", wie der Redaktionsausschuss damals erklärte.

In einem weiteren Brief wandte sich die Redaktion an Montgomery, beklagte "Kostenreduzierungen" und konstatierte: "Die Inhalte unseres Produktes drohen zu verarmen." Sollte Montgomery seine derzeitige Geschäftspolitik nicht überdenken, sei es an der Zeit einen neuen Eigentümer zu suchen: "Sollte Mecom außerstande sein, eine neue Strategie zu entwickeln, fordern wir im Interesse der Zeitung und ihrer Leser, nach einem neuen geeigneten Eigentümer für die 'Berliner Zeitung' zu suchen."

Ein Treffen der Redaktion mit Montgomery am 3. März war ergebnislos geblieben; Montgomery hatte an Depenbrock und dessen Doppelfunktion festgehalten.

tdo/ddp/dpa



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