"Berliner Zeitung" Redaktion verliert Prozess gegen Chef

Die krisengeplagte "Berliner Zeitung" kommt nicht zur Ruhe: Die Redaktion des Hauptstadtblattes hatte ihren eigenen Chefredakteur verklagt, weil der zugleich als Geschäftsführer amtiert. Die Redakteure unterlagen vor Gericht - sind aber entschlossen, weiterzukämpfen.


Berlin/Hamburg - Eine leichte Persönlichkeitsspaltung könnte schon hilfreich sein für den Job, den Josef Depenbrock ausfüllt. Denn der 46-Jährige amtiert zugleich als Chefredakteur der "Berliner Zeitung" und als Geschäftsführer der BV Deutsche Medienholding; jenes Verlags also, dem die "Berliner Zeitung" gehört, der er als oberster Journalist vorsteht. Das heißt: Depenbrock muss über die journalistische Unabhängigkeit des Hauptstadtblattes wachen, soll aber außerdem dafür sorgen, dass alle seine Anzeigenkunden zufrieden sind. Ein klarer Fall von Interessenkollision, fand die Redaktion der "Berliner Zeitung", klagte gegen Depenbrocks Doppelrolle - und verlor.

Chefredakteur Depenbrock: Darf zugleich Verlagschef bleiben
DDP

Chefredakteur Depenbrock: Darf zugleich Verlagschef bleiben

Der Doppeljob Depenbrocks als Geschäftsführer und Chefredakteur der "Berliner Zeitung" sei zulässig, befand das Berliner Arbeitsgericht heute und wies damit die Klage von Redakteuren des Blattes gegen den Berliner Verlag zurück.

Die Journalisten hatten sich auf ein Redaktionsstatut berufen, das nach der Übernahme des Verlages durch den britischen Medieninvestor David Montgomery zwischen Redaktion und Verlagsspitze vereinbart worden war.

Das Berliner Gericht entschied allerdings, dass sich aus diesem Statut keinerlei rechtliche Mittel ergeben, um eine Personalunion à la Depenbrock zu verhindern. Die Redaktion habe zwar ein Mitspracherecht, könne aber die Ernennung des Chefredakteurs nicht verhindern. Richter Andreas Dittert hatte bereits im Laufe der Verhandlung darauf verwiesen, dass im Statut nur eine "schwache Form der Mitwirkung" formuliert sei. Er sehe deshalb "große Probleme", auf der Basis des Statuts einen Anspruch der Redakteure auf Mitbestimmung abzuleiten.

Thomas Rogalla, Sprecher des Redaktionsausschusses der "Berliner Zeitung", betonte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass die Redaktion entschlossen sei, weiterzukämpfen. "Der bereits zwei Jahre andauernde Kampf der Redaktion geht unabhängig vom Ausgang des juristischen Streits weiter. Es geht uns nicht um eine Formalie im Statut, sondern um die Erhaltung der Unabhängigkeit der Redaktion, in die Montgomery mit seinen wirtschaftlichen Interessen unmittelbar hineinregieren will."

Wie der Kampf gegen Investor Montgomery und dessen deutschen Statthalter Depenbrock in Zukunft aussehen könnte, lässt eine Anzeige in der heutigen "taz" erahnen. Dort prangt im Medienteil über dem TV-Programm eine Anzeige mit der Überschrift "Verleger gesucht". In dem Inserat, das immerhin zwei Drittel der Seite füllt, sucht die Redaktion der "Berliner Zeitung" "eine/n seriöse/n VerlegerIn, die/der eine Zeitung nicht nur macht, um sofort Geld zu verdienen." Weiter heißt es: "Die Redakteure sind nicht käuflich, die Redaktion der Berliner Zeitung ist es". Die Anzeige schließt mit: "Nur ernst gemeinte Angebote an: Redaktion - keinesfalls Chefredaktion - der Berliner Zeitung, z. Hd. Redaktionsausschuss, Abt. Demergers and Acquisitions".

Das zeugt von Humor. Dennoch ist die Niederlage bitter für die Redaktion, besonders weil Depenbrock erst vor rund zwei Wochen angekündigt hatte, die Deutsche Medienholding - zu der die "Berliner Zeitung" und auch die ähnlich leidende "Hamburger Morgenpost" gehören - wolle 150 von insgesamt 930 Stellen abbauen. Allein in der Redaktion der "Berliner Zeitung" sollen demnach 40 von 130 Stellen wegfallen.

Die Deutsche Medienholding gehört zur Mecom-Group des Nordiren Montgomery, die Zeitungen in den Niederlanden, Norwegen, Dänemark und Polen betreibt. Montgomerys Geschäftsmodell und seine hohen Renditeerwartungen sind nicht allein in Deutschland umstritten.

tdo/ddp/dpa



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