"Berliner Zeitung" Stasi-Redakteur soll Politikressort verlassen

Ja, er darf bleiben. Aber bitte nicht dort, wo es heikel werden könnte! In der Angelegenheit um zwei Redakteure mit Stasi-Vergangenheit soll der eine das Politikressort der "Berliner Zeitung" verlassen - während der andere sich freiwillig ganz verabschiedete.


Berlin - Ist ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter als Politikredakteur einer Qualitätszeitung tragbar? Nein. Zu diesem Ergebnis kam zumindest der von Redaktionsausschuss und Geschäftsführung einberufene Ehrenrat der "Berliner Zeitung", der die Stasi-Verstrickungen der Mitarbeiter klären soll. Er empfahl Konsequenzen für einen von zwei betroffenen Journalisten: Eine leitende oder auch sonstige Beschäftigung des Politikredakteurs im Bereich Politik/Nachrichten/Kommentierung erscheine dem Ehrenrat nicht möglich, heißt es in der Mittwochsausgabe der Zeitung "In eigener Sache".

Chefredakteur Depenbrock: Muss sich mit der Stasi-Vergangenheit seiner Redaktion befassen
DDP

Chefredakteur Depenbrock: Muss sich mit der Stasi-Vergangenheit seiner Redaktion befassen

Dies sei "ein Bereich, der besonders hohe Anforderungen an die Glaubwürdigkeit der Journalisten" stellen müsse.

Gleich nach der Sitzung des Gremiums am Dienstag habe die Chefredaktion unter Josef Depenbrock daher Gespräche mit dem Redakteur über dessen berufliche Zukunft im Blatt aufgenommen.

Der Journalist sowie ein Redakteur im Ressort Berlin-Brandenburg hatten den Angaben zufolge vor längerer Zeit vor Chefredaktion, Redaktionsausschuss und Ehrenrat eine langjährige IM-Tätigkeit eingeräumt, wie vergangene Woche berichtet wurde.

Der zweite Redakteur habe bereits am vergangenen Freitag darum gebeten, sein Beschäftigungsverhältnis aufzuheben. Der Chefredakteur "entsprach dieser Bitte mit sofortiger Wirkung".

Der Ehrenrat gelangte zudem zu der Auffassung, dass vier weitere Redakteure zu unterschiedlichen Zeiten beim Wachregiment "Feliks Dzierzynski" des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) tätig gewesen seien.

"Da es sich insoweit um keine konspirative Tätigkeit handelte, sind daraus keine Konsequenzen zu ziehen", hieß es.

Im Übrigen hätten drei dieser Redakteure das Ansinnen des MfS abgelehnt, hauptamtlich oder als Informeller Mitarbeiter mit der Staatssicherheit zusammenzuarbeiten. Bei dem vierten fand keine Anwerbung statt.

Mitglieder des Ehrenrats sind der frühere Direktor beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Peter Busse, der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Rainer Eppelmann, der Schriftsteller Adolf Endler und der Theaterregisseur Thomas Langhoff.

Die " Berliner Zeitung" hatte den Ehrenrat berufen, nachdem im März die frühere Stasi-Tätigkeit zweier leitender Redakteure bekannt geworden war - beide durften allerdings beim Blatt verbleiben.

Die Mehrheit der Redakteure hatte zudem bei der Birthler-Behörde Anträge auf Einsicht in eventuelle Stasi-Akten gestellt. In einem Forschungsprojekt soll ferner die Stasi-Verstrickung des gesamten Berliner Verlags bis Herbst untersucht werden.

tdo/ddp



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