Berlusconis Image Echt stark, diese Schwäche

Das Bild von Silvio Berlusconis Schwächeanfall ist mehr als nur ein Pressefoto. Es erzählt von Gewalt und Religion, Macht und Erlösung.
Von Daniel Haas

Ein Patriarch zeigt Schwäche - wo hat man das zum letztenmal gesehen? Im Teil drei des "Paten" - wenn Al Pacino in der Küche zusammenbricht, geschwächt von Schuld und Last eines nicht enden wollenden Krieges gegen Konkurrenz und Gesetz.

Ex-Regierungschef Berlusconi, Mitarbeiter: Pietà der Macht

Ex-Regierungschef Berlusconi, Mitarbeiter: Pietà der Macht

Foto: AFP

Silvio Berlusconi, früherer Regierungschef Italiens und Medienmogul, ist natürlich kein Pate, auch wenn er bereits ein halbes Dutzend Gerichtsverfahren überstanden hat. Die Ikonografie jedoch kennt keine Genregrenzen, sie überspringt mühelos Zeiten, dringt in verschiedenste Kontexte ein.

Das Pressefoto des erschöpften Berlusconi hat die Qualität des Déjà Vu, es zitiert die Leiden Don Corleones herbei und erinnert darüber hinaus daran, dass sich der Ex-Regierungschef wie die Bosse aus Francis Ford Coppolas Mafiaepen gegen den Vorwurf der Richterbestechung, des Meineids, der Geldwäsche und Bilanzfälschung wehren musste. Seit gestern steht er wegen Steuerbetrug vor Gericht - das Verbrechen, für das einst Al Capone hinter Gitter ging.

Das Bild seines Schwächeanfalls ist auch ein Emblem der Stärke. In seiner Kompaktheit dokumentiert es den Zusammenhalt einer Interessengruppe, in der der Unternehmer buchstäblich aufgehoben ist. So einer wird nicht zu Fall gebracht, wenn er herabsinkt - es vertieft nur seine Wirkung als gesellschaftliches und kulturelles Zeichen.

Man kann die drei Männer, die ihn halten, in diesem Zusammenhang als Allegorien lesen: Die Tatkraft, die Linke auf Berlusconis Herz gelegt; die Sorge, seine erhobene mahnende Hand greifend, und die Gelassenheit, ruhigen Blicks ihn musternd - sie umgeben ihn wie ein Harnisch in schwerer Zeit.

Berlusconi ist bei seiner Rede am vergangenen Sonntag tatsächlich kurz ohnmächtig geworden. Der physischen Ohnmacht sekundiert die moralische, die den Mogul immer öfter angesichts der politischen Lage befällt. "Mir reicht es", sagte er der Zeitung "Libero", er werde ein Buch schreiben mit dem Arbeitstitel "Mein Martyrium für die Freiheit".

Nun ist der Märtyrer eine grundlegend religiöse Figur, ihr Leiden hat metaphysische Qualität, und auch das kommt im "Schwächebild" zum Ausdruck. Wenn er so herabsinkt, den Blick von der Welt abgewandt, wie nach innen gekehrt, dann wird das Pressefoto zur erweiterten Pieta mit Berlusconi als Erlöser, den zwar nicht die gütigen Arme der Mutter Gottes halten, der sich dafür aber der Zuwendung einer heute ebenso sakrosankten Instanz sicher sein kann: der des Fernsehpublikums.

Kintopp und Religion, zwei Formen der populären Bildverwaltung und -verdichtung, schließen sich in der Erscheinung des reichsten Manns Italiens zum Ausdruck der Macht zusammen. Schon Coppola und Martin Scorsese bezeugten die Verbindung von Glaube und Gewalt, Inbrunst und Inszenierung in ihren fiktionalen Analysen jener unheiligen Familie namens Mafia. Wo Berlusconi auftritt, treten auch diese Motive auf den Plan: die Stärke des Clans; das Selbtsverständnis des Erwählten, den irdisches Gesetz nicht trifft.

Er habe einen Kollaps erlitten, hieß es heute. Gestürzt ist Berlusconi nicht, er steht fest im Bilderhaushalt unserer Kultur, die ohne Medien nicht zu denken - und nicht zu lenken ist.

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