Bettina Wulff auf der Suche Botschafterin der Orientierungslosen

Beraten von einem PR-Profi verrät die ehemalige First Lady Bettina Wulff im "SZ-Magazin" ihre Karrierestrategie - und übersieht dabei, dass sie ihre Rolle längst gefunden hat: als typische Vertreterin ihrer Generation.

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Auf dem Titelblatt sitzt eine blass geschminkte Frau, grell angeleuchtet. Die Zeile dazu: "Weiblich, erledigt, jung sucht...". Es ist Bettina Wulff. Die Aufmachung des Covers des "SZ-Magazins" scheint denkbar unerwartet für eine frühere First Lady der Bundesrepublik. So, wie Bettina Wulff hier zu sehen ist, erinnert sie eher an einen gefallenen Soap-Star als an die Frau, die bis zum Januar 2012 in Schloss Bellevue residierte.

Von zwei Reportern des "SZ-Magazins" hat Wulff sich über Monate begleiten lassen. Es ist die Geschichte einer Suche: Unterstützt von einem PR-Berater versucht sie, eine neue Rolle für sich zu finden.

Eine derartige Magazingeschichte wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Vom jungen Willy Brandt über Gerhard Schröder bis hin zu Karl-Theodor zu Guttenberg hat es in der Bundesrepublik immer wieder Spitzenpolitiker gegeben, die mit ihren Frauen in der Öffentlichkeit als - zumindest im Vergleich zum restlichen politischen Betrieb - glamouröses Paar auftraten. Zahlreiche weitere Politikerpaare haben ihr Privatleben für die Medien bewusst inszeniert. Nie aber hat jemand die Inszenierung so offengelegt wie nun Bettina Wulff.

Als Frau des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff hatte sie zwar kein Amt, doch ihre öffentliche Aufgabe war klar: Die First Lady widmete sich traditionell vor allem der Wohltätigkeit. Das tat auch Bettina Wulff. Sie war unter anderem Schirmherrin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Anders als ihre Vorgängerinnen aber betonte sie ihre Weiblichkeit, ihre Individualität. Der jüngsten First Lady der Bundesgeschichte war das Staatstragende früherer Präsidentengattinnen fremd.

Sie habe versucht, so Wulff nun im "SZ-Magazin", "ein Signal zu setzen, dass eine Familie mit zwei Kindern das Amt gut ausfüllt und vielleicht ein wenig lebendiger ausfüllt". Bettina Wulff, damals Mitte 30, posierte auf dem Cover einer Frauenzeitschrift. Nach dem Rücktritt von Christian Wulff trennte sich das Paar. Auch wenn es heute völlig normal ist, dass Ehen auseinandergehen - für die öffentliche Figur Bettina Wulff bedeutete diese Trennung den entscheidenden Einschnitt.

Zuvor war sie First Lady - was war sie jetzt?

Markenartikel im Wettbewerb

Marianne von Weizsäcker, Jahrgang 1932, oder Hilda Heinemann, Jahrgang 1896, hätten wohl nie einen PR-Berater engagiert, um sich bei der Suche nach einer Antwort helfen zu lassen. Sie hätten die Frage wahrscheinlich gar nicht gestellt. Weil sie nicht zur Diskussion stand. Der Bundespräsident und mit ihm indirekt auch seine Frau waren die personifizierte Orientierung.

Anders als bei ihren Vorgängerinnen entspricht Bettina Wulffs öffentlich gezeigtes Rollenverständnis nicht mehr den tradierten bundesdeutschen Vorstellungen des 20. Jahrhunderts. Damit ist sie eine typische Vertreterin ihrer Generation.

Partei- und Organisationsbindung, Konfession, das althergebrachte Verständnis von Ehe und Familie spielen heute entweder gar keine gesellschaftliche Rolle mehr oder doch eine viel geringere als in der alten Bundesrepublik. Brüche in der Biografie sind völlig normal - wenn es auch eine Frage des Wohlstands ist, wie gut man sie abfedern kann.

Sicher hat es die vielzitierte Schlecker-Frau härter getroffen als Bettina Wulff, sicher droht der Ex-First-Lady nicht der Fall ins Prekariat - was sie aber mit vielen anderen Deutschen ihrer Generation verbindet, ist der Umstand, dass man sich in allen Beziehungen des Lebens viel häufiger neu orientieren und positionieren muss als die vorherige Generation.

Welchem inneren Kompass folgt man dabei? Die Werte des Christentums, die der Sozialdemokratie oder des deutschen Konservatismus sind längst keine selbstverständliche Richtschnur mehr im postideologischen Zeitalter, das auch ein Zeitalter der multiplen Optionen und Identitäten ist.

Geblieben sind der uralte menschliche Wunsch, es "nach oben" zu schaffen - und der etwas jüngere, dabei möglichst gut auszusehen. Ihren zeitgemäßen Ausdruck finden diese in Castingshows. Die Logik hinter diesen Shows ist dabei ebenso typisch für das kapitalistische Zeitalter, wie die Idee, einen PR-Berater für die eigene Person zu engagieren: der Einzelne als für den Wettbewerb flottgemachter Markenartikel.

Bettina Wulff präsentiert sich entsprechend. Es wäre leicht, sich darüber lustig zu machen. Und zudem falsch. Denn eigentlich hat sie ihre neue Rolle längst gefunden.

Sie, die nie als Repräsentantin der Deutschen gewählt worden ist, dürfte einem Gutteil der Bevölkerung ähnlicher sein als mancher Amtsinhaber - und ist die ideale Botschafterin einer orientierungslosen Generation.



insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Mach999 29.08.2014
1.
Ob ein PR-Berater unbedingt der richtige Ansprechpartner bei Orientierungsproblemen ist, wage ich zu bezweifeln. Der hübscht doch höchstens das Erscheinungsbild auf. Ich glaube, sie sucht etwas ganz anderes als Orientierung.
frommunichwithlove 29.08.2014
2. Ich bin ratlos
Was will uns der Autor eigentlich sagen? Der Beitrag lässt mich noch ratloser zurück als der beschriebene Artikel im SZ-Magazin. Über den konnte man sich wenigstens ärgern.
spon-1292345938400 29.08.2014
3. So wie
ihr Buch ein Fehler war, ist auch dieser Artikel an dem sie respektive Ihr PR Fuzzi eingewilligt/mitgearbeitet ein Fehler. Dann in der Öffentlichkeit barbusig rumlaufen und wieder vor Gericht rennen. Manche lernen es nie. Das Geheule ist wirklich nervig
Brave 29.08.2014
4. soll mir hier jetzt jemand
leid tun? ich hoffe doch bitte nicht. Frau Wulff wird in ihrer Zeit an der Seite des ex Bundespräsidenten doch bitte noch gute Kontakte in Politik und Wirtschaft haben. Wie wäre es mit Öffentlichkeitsarbeit bei der Bahn?
washington.mayfair 29.08.2014
5.
Ja, sie hat es jetzt schwer. Aber durch eigene Schuld. Ein bisschen weniger Egoismus, dann hätte Sie eine deutliche bessere Position. Und das Dumme ist, dass ihre schnelle Trennung von Wulff und ihr unfeines Nachtreten, wird ihr so schnell nicht vergeben werden. Aber auch da befindet sie sich in bester Gesellschaft.
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