Beutekunst-Frage Hoffnung und Skepsis vor Russlandreise

Trotz des geplanten Austauschs des Bernsteinzimmer-Mosaiks gegen 101 Bremer Zeichnungen bleiben viele Aspekte der sensiblen Beutekunst-Frage ungeklärt. Kulturstaatsminister Michael Naumann und Bremens Regierungschef Henning Scherf hoffen dennoch auf weitere Fortschritte.


Berlin - Naumann und Scherf (beide SPD) wollten am Donnerstagabend von Berlin nach Moskau fliegen. Naumann bringt ein Mosaik und eine Kommode aus dem berühmten Bernsteinzimmer nach St. Petersburg mit, die er dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Samstag am historischen Ort im Zarenschloss Zarskoje Selo überreichen wird. Die Übergabe ist zugleich die erste offizielle Begegnung beider Länder auf hoher Ebene seit dem Amtsantritt von Putin.

Bernsteinzimmer-Mosaik vor der Moskau-Reise: "Politik der kleinen Schritte"
DPA

Bernsteinzimmer-Mosaik vor der Moskau-Reise: "Politik der kleinen Schritte"

Im Gegenzug gibt Russland 101 Zeichnungen der Bremer Kunsthalle frei, die nach Kriegsende nach Russland gelangt waren. Darunter finden sich so wertvolle Blätter wie Albrecht Dürers "Ansicht eines Felsenschlosses" und eine "Flusslandschaft" Jan Brueghels. Die Zeichnungen kehren mit Naumann und Scherf am Wochenende nach Deutschland zurück und werden noch am Sonntag in der Bremer Kunsthalle der Öffentlichkeit präsentiert.

Scherf äußerte unmittelbar vor seinem Abflug die Hoffnung auf weitere Fortschritte in der Beutekunst-Frage. "Ich höre nicht auf, ich will noch die Baldin-Sammlung für die Bremer Kunsthalle zurückholen", sagte er. Die Sammlung von 364 Kunstwerken, zu denen Gemälde von Dürer und Goya sowie Zeichnungen und Aquarelle von Rembrandt, Rubens und van Gogh gehören, wurde nach Kriegsende von dem russischen Offizier Wiktor Baldin heimlich nach Moskau geschmuggelt.

Exponat aus dem Priamos-Schatz: "Rückführungsprobleme nicht gelöst"
REUTERS

Exponat aus dem Priamos-Schatz: "Rückführungsprobleme nicht gelöst"

Es gelte, Kultur wieder zusammenzuführen und deutlich zu machen, "dass wir keine Angst voreinander haben müssen und uns wie gute Nachbarn entwickeln", betonte Scherf. Auch Naumann verspricht sich von seiner Moskauer Mission neue Impulse beim Thema Beutekunst, auch wenn es nicht gleich um den "Schatz des Priamos" geht.

Experten wie der Beutekunst-Fachmann Wolfgang Eichwede aus Bremen erwarten von den Gesprächen Naumanns in Moskau noch keinen Durchbruch. Er setze auf eine "Politik der kleinen Schritte", wurde Eichwede von der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass zitiert. Deutschland suche nach neuen Wegen in dieser heiklen Frage. Die russische Regierung zeige, dass sie zum Dialog bereit sei.

Der russische Kulturminister Michail Schwydkoi hat unterdessen internationale Garantien als Voraussetzung für das Ausleihen von Beutekunst-Werken wie dem "Schatz des Priamos" an Deutschland gefordert. In einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" sagte Schwydkoi: "Wir brauchen Garantien auf Ebene der G-8-Staaten." Grundsätzlich sehe er die Möglichkeit der einseitigen Übergabe von Kunstschätzen von Russland an Deutschland. Es komme dabei immer auf den Einzelfall an.

Beobachter verweisen in dieser Frage auf den Unterschied zwischen der von russischer Seite als "Trophäenkunst" bezeichneten Beutekunst, die offiziell von der Roten Armee aus Deutschland nach Russland gebracht wurde, sowie Kunstwerken, die sich einzelne Personen in den Kriegswirren aneigneten und die zweifelsfrei zurückgegeben werden müssten. Aber auch bei der "Trophäenkunst" beruft sich Deutschland auf die Haager Landkriegsordnung von 1907, die den Kunstraub als Kriegsfolge generell verbietet.



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