Bhutan Die Hollywood-Revolution

Erst acht Jahre ist es her, als das Fernsehen Bhutan eroberte. Seitdem hat die Flimmerkiste das kleine Himalaja-Königreich vollkommen verändert. Die Menschen sind süchtig nach Hollywood-Filmen und indischen Seifenopern - mit negativen Folgen.


Thimphu - 40 Kanäle tragen die Außenwelt in das abgeschiedene Land, dessen Führer bislang immer auf die Wahrung der Tradition setzen. Die Einwohner des kleinen Staats im Hochgebirge zwischen Indien und China bekamen ihre erste Fernseh-Kostprobe 1999. Ein Auslöser für die Einführung des Mediums war sicherlich die Verstimmung vieler Bürger, die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich nicht selbst verfolgen zu können.

Bhutanische Familie Om: Seit der Fernseher im Haus ist, hat die 55-jährige Kencho (li) Streit mit ihrem Mann wegen langer Fernsehnächte
REUTERS

Bhutanische Familie Om: Seit der Fernseher im Haus ist, hat die 55-jährige Kencho (li) Streit mit ihrem Mann wegen langer Fernsehnächte

Inmitten des medialen Geflimmers werden zunehmend besorgte Stimmen laut, welche die buddhistisch geprägte Kultur Bhutans in Gefahr sehen. Denn wie dereinst im Westen hatte der Einzug des Fernsehens auch in Bhutan sofort Auswirkungen auf das Zusammenleben in der Familie. "Als wir noch keinen Fernseher hatten, haben wir oft zusammen gesessen, und die Kinder haben gesungen und Geschichten erzählt", berichtete Ngyenam, eine Frau mittleren Alters aus dem kleinen Dorf Yuwakha vor den Toren der Hauptstadt Thimphu.

Kinder werden aggressiv

Weil ihre Kinder häufig draußen unterwegs waren, habe sie sich abends auf ihre Gebete konzentrieren können, sagt die gläubige Buddhistin. Doch jetzt ist alles anders: "Seit wir einen Fernseher haben, habe ich kaum noch Zeit für etwas", klagt Ngyenam. "Obwohl ich mein Gebetsrad drehe, sind meine Gedanken doch immer beim Fernsehen. Mit dem Fernsehen kann ich überall hin. Das ist, als könnte ich an alle Orte reisen, zu denen ich möchte."

Ihr Mann Sngay Tshering meint auch schon negative Wirkungen auf die Kinder beobachtet zu haben. "Sie sind sofort sauer, wenn wir ihnen sagen, sie sollen nicht fernsehen. Das bereitet uns Sorgen, weil sie dann nicht ordentlich lernen", sagt der pensionierte Beamte. Im ganzen Dorf hat sich das Leben verändert, berichtet das Ehepaar. Die Einwohner trinken und erzählen nicht mehr wie früher bis spät in die Nacht. Wenn die Dämmerung hereinbricht, sind die Straßen leergefegt, und die Menschen versammeln sich vor dem Fernseher, um sich von den Seifenopern aus dem benachbarten Indien fesseln zu lassen.

Staatssender soll Werteverfall stoppen

Nicht nur das Dorf Yuwakha hat sich seit dem Einzug des Fernsehens verändert, das ganze Land ist im Medienfieber. Die Behörden in der Hauptstadt werden deshalb langsam unruhig. Seit Generationen versuchte die Regierung, fremde Einflüsse aus Bhutan fernzuhalten, um die buddhistische und ländliche Tradition des Landes zu wahren. Nur schrittweise ließen die Staatschefs Veränderungen zu, immer auf Abstand zum schnellen Modernisierungstempo in asiatischen Nachbarstaaten bedacht.

Viele fürchten aber auch, dass neben der Veränderung der Lebensgewohnheiten mit dem TV auch das ausgeprägte Konsumdenken der Außenwelt Einkehr in Bhutan hält - mit unabwägbaren Folgen für das arme Land. "Fernsehen und Werbung rufen Bedürfnisse hervor", sagt Phuntsho Rapten, Forscher im Zentrum für Bhutan-Studien. In einem Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von jährlich umgerechnet rund 950 Euro sei dies bedenklich, da sich die Lust auf Flachbildschirme, Autos oder westlichen Luxus nicht ohne weiteres verwirklichen ließen, gibt Rapten zu bedenken.

Die Regierung versucht nun gegenzuhalten - mit einem eigenen Fernsehsender. Das "Bhutan Broadcasting Service Network" (BBS) fördert einheimische Programme, die eine neue unterhaltsame Sicht auf die nationalen Traditionen werfen. "Das wichtigste sind Inhalte mit Lokalbezug", sagt BBS-Leiter Mingbo Dukpa. "Es gibt so viel Schrott im Fernsehen, und wenn alle Menschen irgendwann nur noch Schrott gewöhnt sind, besteht die Gefahr, dass sie die Realität aus den Augen verlieren."

Von Karishma Vyas, AFP



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