Biedenkopfs Geburtstag Zukunftsperspektiven? Geschenkt!

Nachträglich zum 75. Geburtstag hatte sich CDU-Parteichefin Angela Merkel für ihren Parteifreund Kurt Biedenkopf etwas ganz Besonderes ausgedacht: ein Podiumsgespräch mit dem Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. Fazit der vollmundigen Veranstaltung: mehr Optimismus, weniger Bürokratie.

Von Ronald Heinemann


 Jubilar Biedenkopf: Betriebe in Deutschland mal machen lassen
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Jubilar Biedenkopf: Betriebe in Deutschland mal machen lassen

Berlin - Um die "drängenden Fragen der Zukunftsgestaltung" (Einladungstext) sollte es im Berliner Konrad-Adenauer-Haus, der Bundesgeschäftsstelle der CDU, gehen. Über "realistische, pragmatische, aber auch optimistische Zukunftsvisionen" wollte der ehemalige Generalsekretär Kurt Biedenkopf gestern Abend mit dem Trendforscher Matthias Horx diskutieren. Aber es war eine nachträgliche Geburtstagsfeier für den am 28. Januar 1930 Geborenen, man war milde gestimmt und ersparte dem dankbaren Publikum streitbare Positionen oder gar konkrete Lösungen zur Rettung der Deutschland AG.

Konsequent also, dass sich CDU-General Volker Kauder für den "geballten Optimismus" der Veranstaltung bedankte. Und Angela Merkels anfängliches Lächeln verschärfte sich angesichts der Fülle an Munitionierungsbegriffen für kommende Wahlkampfveranstaltung sogar zu einem veritablen Dauergrinsen. Die Stimmung war bestens.

Warum Deutschland alt aussieht

Ein Thema der Diskutanten: die immer älter werdende Gesellschaft und die Probleme, die sie mit sich bringt. Biedenkopf verwahrte sich gegen die These, einer vergreisenden Gesellschaft komme womöglich die innovative Kreativität abhanden: "Das kann man erstens nicht verallgemeinern", so der ehemalige Rektor der Ruhr-Universität. Und zweitens fordere er schon seit Jahren mehr Weiterbildungsmöglichkeiten für über 45-Jährige. "Demografie ist eine selbst gestellte Aufgabe und wir können entscheiden, ob wir resignieren oder gestalten."

Dass Diskussionen über den Umgang mit der stetig wachsenden Senioren-Gemeinschaft in Deutschland oft mit Kopfschmerzen einhergehen, liegt für Zukunftsforscher Horx schlichtweg an der Tatsache, dass "unserer Gesellschaft der Zukunftsbegriff abhanden gekommen" ist. Ohnehin hätte sich die Lebensqualität im Alter während des letzten Jahrhunderts enorm verbessert. Was fehlt, sind lediglich neue Sozialtechniken zum Umgang mit dem Altern, so der Prognosespezialist. "Das Thema entkatastrophieren, den Stress aus den Biografien nehmen." Und: "Mehr Kinder kriegen", rät Horx. Da gäbe es durchaus vergnügliche Methoden. Raunen im Publikum, Beifall für die Visionäre.

 Zukunftforscher Horx: In Humankapital investieren
DPA

Zukunftforscher Horx: In Humankapital investieren

Nächste Runde: Arbeitsmarkt - und ob der Staat die Eigeninitiative der Menschen im Land behindert. "Das industrielle Modell der Nachkriegsgesellschaften hat viele Freiheiten erwirtschaftet. Die aber wurden zugunsten von existenzieller Sicherheit nach und nach aufgegeben", erklärte Horx. Mehr noch: Der Sozialstaat habe zu lange Denken und Handeln übernommen und der Gesellschaft die Selbständigkeit regelrecht ausgetrieben.

Ökonomisches Wachstum? "Nur wenn wir voll auf Humankapital setzen und Deutschland mehr in die Breite bilden", rät der Leiter des "Zukunftsinstituts" mit Blick auf die skandinavischen Nachbarn. Finnland hätte in drei aufeinander folgenden Jahren rund 18 Prozent seines Bruttosozialprodukts eingebüßt, weiß Horx. Konsequenz der Finnen: "Die haben ihren Bildungssektor ausgedehnt und die Abiturquote auf 91 Prozent erhöht." Das wiederum hätte zu einer deutlichen Anhebung des Lohnniveaus geführt. Heute, sagt Horx, "bekommen sie in Helsinki keinen Hamburgerbrater für unter 15 Euro die Stunde."

Bürokratie? Iiiiih!

Und dann unsere Kurzichtigkeit, was die eigenen Ressourcen angeht: "Wir haben kaum materielle Armut, aber dafür ein Bildungsproblem", meint der Trendguru. Wenn man nur massiv in die "geistige Wertschöpfung" der Bürger investieren würde, dann käme das Kapital auch wieder zurück.

Biedenkopf ist bezüglich des intellektuellen Kapitals der Deutschen nicht ganz so optimistisch. Aber immerhin hätten die Menschen realisiert, dass die Möglichkeiten des Staates begrenzt und nicht mehr ausweitbar sind: "Mit zunehmendem Maße sehen sich die Bürger gezwungen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen." Vor allem Arbeitslose fingen an, Eigenverantwortung zu übernehmen. "Wir brauchen aber noch mehr Bereitschaft Experimente durchzuführen", beklagt der Ex-General. Wie genau das aussehen soll, bleibt offen.

Zum Glück kommt wenigstens der Mittelstand in Fahrt, der Wille zur Innovation ist unverkennbar. Wenn nur die Blockade-Mentalität der Behörden nicht wäre: "Mit welchem Bürokratieaufwand kleine Unternehmen befrachtet werden, ist Irrsinn", wettert Biedenkopf. Die Gäste im Saal - einige Bundestagsabgeordnete und vor allem Alt-Westberliner Mittelstand - mögen solche Sätze.

 Biedenkopf-Gratulantin Merkel:Glückliches Dauergrinsen
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Biedenkopf-Gratulantin Merkel:Glückliches Dauergrinsen

Kurt Biedenkopf, selbst langjähriges Mitglied der Geschäftsführung der Henkel AG, rät deshalb fachmännisch: Einfach die Betriebe mal machen lassen! "Da wird kein Arbeitgeber seine Mitarbeiter ausbeuten." So etwas könne sich weder ein Chef von zehn, noch von 2000 Angestellten leisten. Denn, so die etwas entrückte These: "Die würden alle sofort kündigen und woanders anfangen", weiß Sachsens ehemaliger Ministerpräsident. Diesmal kein Raunen im Publikum, sondern brandender Applaus.

Beim Gleichstellungsprinzip und dem Wunsch, es loszuwerden, dann ein erneuter Schulterschluss von Zukunftsforscher und Ex-Generalsekretär. Die klassische Formel, Reiche werden immer reicher und Arme zunehmend ärmer, sei Quatsch, so Horx. Zwar hätte man durch die wirtschaftlich erfolgreichen Nachkriegsjahre eine hohe Homogenität der Gesellschaft erreicht. Doch könnten diese sich nur durch Ungleichheiten weiter entwickeln. Schließlich sei Gleichheit kein Schlüssel zur Gerechtigkeit. Jubilar Biedenkopf hakt gekonnt nach: "Ungleichheit wird immer stärker als Ungerechtigkeit empfunden, wenn das Gefühl verloren geht, aus eigener Kraft seine Verhältnisse zu verbessern."

Die gefühlte Ungleichheit also ist an allem schuld, wie gut dass wenigstens CDU-Generalsekretär Volker Kauder den Ausweg aus der Misere auf ein Wort zu reduzieren wusste: "Das Zauberwort heißt 'Bürokratieabbau' - geht schnell, kostet nix."



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