Länderpavillons bei der Biennale Kurz bis vor die Dachkante

Was ist global, was ist lokal? Und wie hängt beides zusammen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die 56. Biennale di Venezia, die in dieser Woche eröffnet wird. Die Länderpavillons Deutschland, Schweiz und Österreich geben spannende Antworten.

Olaf Nicolai & Manuel Reinartz

Ein wenig kompliziert formuliert ist das Thema von Okwui Enwezor, unter das er als Kurator die 56. Biennale di Venezia gestellt hat: Die Ausstellung soll das "komplexe Phänomen der Globalisierung und ihre Bezüge zur Verwurzelung im Lokalen" zeigen. Einfacher gesagt: Wie spiegelt sich das Große im Kleinen wider? Enwezor hat nicht nur die Biennale unter dieses Thema gestellt, sondern auch die Kuratoren der rund 90 Länderpavillons gebeten, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Die Kuratoren der Pavillons von Deutschland, Schweiz und Österreich sind der Bitte gefolgt.

"Die Zirkulation von Waren" im Deutschen Pavillon

Florian Ebner, Kurator des Deutschen Pavillons, legt den Fokus auf die Fotografie: Er will zeigen, wie die digitale Fotografie auf die soziale, politische und wirtschaftliche Verfasstheit der Welt reagiert. Es sei ein "politischer Pavillon" sagt Ebner, "in einer künstlerisch poetischen Form", in dem es "um Arbeit und Ökonomie, um die Zirkulation von Waren, von Menschen und vor allen auch um die Zirkulation von Bildern geht".

Hito Steyerl, Tobias Zielony, das Künstlerduo Jasmina Metwaly und Philip Rizk sowie Olaf Nicolai sind die Künstler, die Ebner eingeladen hat. "In ihrem Film 'Factory of the sun' verwendet Hito Steyerl die populäre Form des Computerspiels, um vor dieser Form der vermeintlichen Transparenz unserer digitalen Kultur zu warnen", sagt Ebner. Die Idee dazu beruht auf der Datenübertragung über Glasfaser und Lichtsignale, bei der Daten, Bilder, Texte in Licht umgewandelt, durch Kabel gejagt und am anderen Ende decodiert werden. Und das sei etwas, was im Grunde alles verbindet: Internet und Börsenhandel genau wie Daten- und Bildkommunikation.

Tobias Zielony, Berliner Fotograf, hat für seine große Fotoinstallation "The Citizen" in Berlin und Hamburg Flüchtlinge fotografiert und dabei mit afrikanischen Autoren und Journalisten zusammengearbeitet. Die in Kairo lebenden Künstler Jasmina Metwaly und Philip Rizk zeigen ihren Film "Out on the Street" auf einem eingezogenen Stockwerk, für das die Stahlträger und Holzkonstruktionen des Architekturpavillons recycelt wurden. In dem Film geht es um die neoliberalen Machtverhältnisse im Ägypten der Mubarak-Zeit.

Und oben lässt Olaf Nicolai seine Protagonisten an die Kante des Pavillon-Dachs treten. Was sie dort tun werden, ist aber noch geheim.

Im Schweizer Pavillon wird über materiell versus immateriell reflektiert

Die Künstlerin des Schweizer Pavillons wurde traditionell von einer unabhängigen Jury im Auftrag der Kulturstiftung Pro Helvetia ausgewählt und kann sich dann ihre Kuratorin selbst aussuchen. So wurde Susanne Pfeffer, Direktorin des Kasseler Fridericianum, von der Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz, 34, darum gebeten. Sie habe sofort zugesagt, denn wenn sie eine Künstlerin gewählt hätte, "wäre es Pamela Rosenkranz gewesen". Rosenkranz reflektiere nämlich über die Frage, was künstlich sei und was natürlich, was organisch und was synthetisch.

Im Pavillon, so Pfeffer, "werden viele Elemente immatriell sein - Geruch, Klang, Licht - andere sind materiell, und man wird es nicht einfach unterscheiden können. Außerdem stellt sich die Frage, ob das, was ich sehe, kulturell vorgegeben ist, oder ob sich meine Wahrnehmung rein physisch verändert hat, da sich unser neuronales System permanent erneuert" .

"Our Product" heißt die Ausstellung von Pamela Rosenkranz im Schweizer Pavillon nun. Protagonist ist das Wasser: Der große Raum ist in grünes Licht getaucht und mit einer Art "Ursuppe", einem rosafarbenen Wasser, ausgefüllt. Betreten kann man den Raum nicht. Das Begleitheft beschäftigt sich mit dem Produkt Wasser. Manche Texte sind informativ, manche lustig, manche schon zynisch.

"Verweilen und Entschleunigen" im Österreichischen Pavillon

Im Österreichischen Pavillon geht es weniger laut und bunt zu. Der Künstler Heimo Zobernig setze nicht auf eine Spektakel-Strategie, sondern auf "Verweilen und Entschleunigen" als ein Gegenmodell, sagt der Kurator Yilmaz Dziewior. Zobernig lege "die Mechanismen des Kunstsystems offen, thematisiert Hierarchien und untersucht Konzepte sowohl auf ihre konkreten wie auch metaphorischen Bedeutungen".

Dafür verändert er mit auch seinen minimalistischen Skulpturen und installativen Interventionen auch die Architektur des Pavillons von 1934. Wie das genau aussieht, wird man erst bei der Eröffnung begutachten können. Bis dahin kann man immerhin den neu gestalteten zen-artigen Garten als Vorgeschmack auf das architektonische Schau- und Lehrstück genießen.

In die Blickachse zum Österreich-Pavillon hat Enwezor eine große Orchidee-Skulptur von Isa Genzken gestellt. Es darf darüber gerätselt werden, ob der Standort mikropolitisch gedeutet werden soll.


"All the World's Futures". 56. Kunstbiennale in Venedig: 9.5.-22.11., www.labiennale.org



insgesamt 2 Beiträge
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tomski007 05.05.2015
1. Klingt das wichtig?
Gott ist das ein Blablabla! Liegt das jetzt an der Beschreibung, oder an den Werken, dass meine Lust das alles zu sehen sich kaum erhöht hat? (ja logisch ist der geruch immateriell, wird ja nur durch moleküle ausgelöst und weil wir die luft nicht anfassen können, kann sie ja keine materie sein!)
sebastianxxx 20.06.2015
2. The show must not go on ... and on .... and on
Könnte man nicht einmal diese unvermeidliche penetrante Kunst-Biennale in Venedig einfach ausfallen lassen ? Wer hat denn Lust schon wieder diesen unglaublichen Mischmasch, diese ganzen sich gegenseitig überbietenden Spektakel anzuschauen ? Könnte man nicht diesen "Verzicht" zum konzeptionellen Kunstwerk erklären? Ich würde das auch gerne unentgeltlich kuratieren !!! Für mich wäre dies das einzig erträgliche, authentische "Kunstwerk" :-)
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