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Deutscher Pavillon: Der sperrige Biennale-Beitrag

Foto: Francesco Galli/ La Biennale di Venezia

Deutscher Beitrag in Venedig Wie ätzend will man sein?

Besucher der Kunstbiennale haben Schwierigkeiten mit dem deutschen Beitrag. Abweisung, Auskunftverweigerung und Anonymität sind Teil der Idee - doch lohnt sich ein Werk, das Menschen nicht erreicht?

"Oh, sind Sie die Künstlerin? Es tut mir leid, ich habe mich gar nicht eingelesen", sagt der ältere Herr, der gerade aus dem Pavillon heraustritt, auf die Frage, wie ihm der deutsche Beitrag in Venedig gefalle. Der Däne mit hellblauer Schirmmütze, weißem Haar zum Zopf gebunden, war mit verschränkten Armen unter dem Gerüst mit den Lautsprechern für die Trillerpfeifen-Soundinstallation hindurchgeschlendert und am anderen Ende wieder ins Freie getreten. Den Raum mit der Hauptinstallation hatte er sich nicht angeschaut. Alles sei interessant, sicherlich, er sei nur etwas müde, entschuldigt sich der Mann, er habe schon so viel gesehen.

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Deutscher Pavillon: Der sperrige Biennale-Beitrag

Foto: Francesco Galli/ La Biennale di Venezia

"Ankersentrum" heißt das sperrige Werk eines Kollektivs um die Kunstfigur Natascha Süder Happelmann.  Wer sich im Netz informiert und die durchgeskripteten Pressekonferenzen verfolgt hat, der kann mit dem monumentalen Betonwall, aus dem ein dreckiges Rinnsal aus Latex fließt, und den verstreuten Steinen davor etwas anfangen. Ein paar Meter weiter stapeln sich blaue Erntekisten und ein Werbeschild für eine genmanipulierte Tomatensorte. Es geht um Zuwanderungspolitik, Ausgrenzung, Identität.

Ganz konsequent wird allerdings über dieses Werk keine Auskunft erteilt. Der Auftritt soll den Besucher überrumpeln, "kein business as usual", so Kuratorin Franziska Zolyom, man habe es anders machen wollen als andere. Kein Programmheftchen, keine Tafel, auf der die Genese der Installation erklärt wird, das wäre ja so wie bei jedem anderen Werk auf der Biennale.

Das Hauptportal des Pavillons bleibt verschlossen, nur zwei Seiteneingänge gewähren Zugang. Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung schlüpfte eine Schauspielerin in die Rolle einer Sprecherin und las von Karteikarten ab, ohne auf Fragen einzugehen.

Wenige Interessierte

Verweigerungshaltung ist also Teil des Konzepts, doch das geht auf der Biennale unter, weil es die meisten Besucher nicht provoziert, sondern kaltlässt. Ohnehin gibt es nur wenige Interessierte: Wenige Tage nach der offiziellen Eröffnung ist die Biennale nicht gut besucht. Keine endlosen Warteschlangen wie auf den Preview-Tagen, zu denen sich einige Tausend Auserwählte zur mehrtägigen Riesenparty treffen und Venedig zum Herz der Kunstwelt wird. Jetzt haben nachmittags drei Besucher die riesigen Arsenale-Hallen für sich.

In den Giardini konkurrieren die Länderpavillons um Aufmerksamkeit, doch die Venedig-Touristen haben so ihre eigenen Herangehensweisen. Ein Architekten-Paar aus Buenos Aires will gar nicht wissen, worum es dem deutschen Beitrag geht, stattdessen nur kurz hereinschauen, um die rückwärtige Konstruktion der Staumauer zu inspizieren und die Bohrlöcher in den Wänden, die noch von der Architekturbiennale aus dem Jahr zuvor stammen. Zwei Russinnen, die in der Schweiz studieren, vermuten, es gehe im "Ankersentrum" um die Entfremdung von Mensch und Natur, deshalb strahle das Werk wohl diese Kälte aus.

Konkurrenz aus Kanada

Kaum jemand möchte sich die Mühe machen, in Dialog zu treten. Denn das Konkurrenzprogramm ist viel einfacher zu erfassen: Der kanadische Pavillon gleich nebenan ist stets gut gefüllt mit Besuchern, die sich eine dreißigminütige Doku über das Leben der Inuit im ewigen Eis anschauen.

Gegenüber im französischen Pavillon inszeniert Laure Prouvost so sorgsam ihren mystischen Film "Deep Sea Blue Surrounding You" über das Unbewusste, dass er einen Sog wie ein Unterwasserstrudel entwickelt. Auch für die Hauptausstellung hat Biennale-Kurator Ralph Rugoff viele Werke gewählt, die schnell zu verstehen sind. Bei einer Schau dieser Größe vielleicht ein angemessenes Kriterium.

Trotzdem geht es viel um Migration, Vertreibung und Zuwanderungspolitik als drängende Fragen unserer Zeit. Größtes Aufsehen, weil viel Empörung, rief das "Barca Nostra" genannte Schiffswrack hervor, das Christoph Büchel im Arsenale-Hafen aufbockte. 2015 war es untergegangen mit vielen Hundert Flüchtlingen an Bord, vielleicht waren es sogar tausend, die starben, welcher Europäer weiß das schon?

Nun blicken die Biennale-Besucher, die sich auf dem Außengelände kurz beim Espresso stärken wollen, auf das zerlöcherte Todesschiff. Die Meinungen darüber, ob "Barca Nostra" ein gelungenes Mahnmal oder zynische Effekthascherei sei, gehen auseinander.

Sehr deutsch

Wenig Meinung gibt es zur Staumauer im deutschen Bau. "Wir blicken in viele ratlose Gesichter", sagt die Mitarbeiterin am Eingang des Pavillons. Die Idee sei, dass über offene Geheimnisse nicht gesprochen werde, etwa wie in Flüchtlingszentren mit Schutzsuchenden umgegangen werde, deshalb sei das auch hier im Pavillon so. In einer Feedback-Runde habe man aber der Kuratorin vorgeschlagen, wenigstens die drei auf der Homepage veröffentlichten Projektvideos zu zeigen.

Als einzige vermittelnde Hilfestellung bietet eine deutsche Kunstzeitschrift gleich palettenweise ihr Sonderheft zur Biennale zur Mitnahme an. Auf dem Titel ist die vermummte Süder Happelmann mit Steinattrappe auf dem Kopf zu sehen. Eigentlich hatte sie mit Kollektivität und Offenheit gegen die Konkurrenz der Nationen antreten wollen, doch in seiner Unzugänglichkeit wirkt das Projekt nun doch sehr deutsch. Aufhalten möchte sich hier kaum jemand. Das ist zwar eine sehr gute Pointe im Sinne des Konzepts, aber keine für den Besucher. Der denkt im Zweifelsfall darüber gar nicht nach.

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