Venedig-Biennale Kuscheln wirkt

Die Biennale in Venedig ist immer auch ein Wettstreit der Nationen: 91 Länder kämpfen in Pavillons um die Aufmerksamkeit der Besucher. Nur wenige Künstler trauen sich, auf den Konkurrenzdruck zu pfeifen.

Ingela Ihrman/ Foto: Marte Edvarda Tidslev

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Wenn in dieser Woche die Kunstbiennale beginnt, wird sich eine schrille Mixtur aufgekratzter Menschen durch die Gassen Venedigs schieben - Journalisten, exzentrischer Kunst-Jetset, superreiche Sammler, Partybummler und alle, die dazugehören wollen.

Die Lagunenstadt ist immer einzigartig für Touristen, ein urbaner Sonderfall, der mittlerweile gehörig ächzt und bröckelt - aber sobald die Kunstbiennale beginnt, scheint sich Venedig wieder zu verjüngen und flirrt wie sonst nie.

Auch wer sich schon oft an den Souvenirhändlern auf dem Markusplatz in Richtung der Stadtteile Arsenale und Giardini vorbeigedrängelt hat, wer vielleicht etwas angetrunken ausgeraubt wurde oder Mondpreise für ein Stück Pizza bezahlt hat, freut sich deshalb in dieser Woche wieder auf Venedig. Denn interessant wird es immer.

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"May you live in interesting times" hat der aus New York stammende Kurator Ralph Rugoff seine Hauptausstellung untertitelt.

Ob es nun ein Fluch oder ein Segen ist, in einer sich rasant verändernden Welt zu leben, damit befassen sich nun 79 Künstler mit jeweils zwei Werken. Doch der Clou neben der internationalen Schau sind in Venedig die nationalen Beiträge. In diesem Jahr kämpfen 91 Länder in den Giardini, im Arsenale-Gelände und in der Stadt verstreut mit ihren Auftritten um Aufmerksamkeit und um den Goldenen Löwen.

Anne Imhof gewann ihn zuletzt für ihre Performance "Faust" im Deutschen Pavillon, und allein schon deshalb wird in diesem Jahr der Deutsche Pavillon wohl nicht ausgezeichnet werden - was der diesjährigen Künstlerin Natasha Sadr Haghighian, die ihn bespielt, größtmögliche Freiheit lässt, den Kunstzirkus um den Goldenen Löwen mit Abstand und Humor zu hinterfragen.

Gerade deshalb darf man gespannt sein auf ihren Beitrag, für den sie sich das Pseudonym Natascha Süder Happelmann zugelegt hat, nur mit einem Plastikstein auf dem Kopf auftritt und eine Schauspielerin für sich sprechen lässt. Süder Happelmann hat eine kollaborative Soundinstallation angekündigt, die immer anders klingt, je nachdem, wann der Pavillon besucht wird.

Video-Still von Süder Happelmann: größtmögliche Freiheit
Jasper Kettner

Video-Still von Süder Happelmann: größtmögliche Freiheit

Die anderen 90 Länder haben sich für den gewohnten Biennale-Konkurrenzkampf in Stellung gebracht. Ganz neu mit dabei ist Ghana, für das der britische Stararchitekt David Adjaye neue Räume im Arsenale-Gelände entworfen hat. Dort stellen sechs Kunstschaffende aus, darunter Ibrahim Mahama, der vor zwei Jahren auf der Documenta 14 die Torwache in Kassel mit unzähligen Jutesäcken verhüllt hat, einer empfindlichen Haut aus gebrauchten Kakaosäcken. Ein bedrückendes Werk über Kolonialismus und Ausbeutung.

Auch die Schweiz präsentiert politische Positionen. Pauline Boudry und Renate Lorenz waren viele Jahre Aktivistinnen, bis sie dazu übergingen, in Performances gesellschaftliche Entwicklungen zu hinterfragen. "Moving Backwards" heißt jetzt die in einem queeren Tanzklub inszenierte Choreografie, die den Glauben an den Fortschritt infrage stellt. Mahnend wirkt auch der neuseeländische Auftritt von Dane Mitchell. Für seine Arbeit "Post Hoc" zählt er 300 Wortlisten auf, welche Dinge und Lebewesen in unserer Welt zerstört oder ausgestorben sind und lässt diese 12.000 Wörter von einem Computer 176 Tage lang vorlesen und über Funktürme in der Stadt erschallen.

Um die Zukunft und das Klima geht es im Nordischen Pavillon, der von jeher länderübergreifend zusammenarbeitet. Die Schwedin Ingela Ihrman benutzt Algen als Material für Visionen - könnte Seegras der Rohstoff von Morgen sein? Die Finnen Maria Teeri und Janne Nabb installieren lieber modrige Komposthaufen in den schicken Giardini - als Anregung zum Nachdenken über Ökosysteme und auch über den Zustand Venedigs.

Überhaupt wird wie bei Süder Happelmann und im Nordischen Pavillon in diesem Jahr viel in Gemeinschaftsprojekten gearbeitet. Kanada lässt sich vom Kollektiv Isuma vertreten, das Filme aus dem Alltag der Inuit zeigt, darunter Live-Übertragungen aus der harschen Permafrost-Zone in Nunavut. Die Videokünstler haben zum Teil selbst noch in der Tradition der Nomaden bei Temperaturen von minus 30 Grad gelebt.

Bunt und flauschig: Shoplifter aus Island
Hrafnhildur Arnardóttir/ Finnish National Gallery/ Foto: Petri Virtanen

Bunt und flauschig: Shoplifter aus Island

Doch es gibt natürlich auch die herausragenden Einzelkünstler, die in Alleinarbeit die Stimmungen und Nöte von Gesellschaften erarbeiten. Schottland zeigt einen neuen Handyfilm über den Zusammenhang von Landschaft und queerer Identität der aktuellen Turner-Preisträgerin Charlotte Prodger. Die USA gehen mit dem Bildhauer Martin Puryear ins Rennen, der für den Außenbereich des Pavillons eine riesige abstrakte Skulptur errichtete. "Swallowed Sun", eine perforierte Holzwand, erinnert an eine Altarschranke und ruft politische Assoziationen wach. In dieser Zeit repräsentiere er sein Heimatland "nicht nur als Künstler, sondern auch als Staatsbürger", sagte Puryear der New York Times.

Haarige Kunst

Andere Beiträge setzen auf Knalligkeit: Estland wird durch poppig-obszöne Keramiken von Kris Lemsalu vertreten, der Tanzfilm "Swinguerra" von Barbara Wagner und Benjamin de Burca zollt im brasilianischen Pavillon der Transgender-Partyszene in Südamerika Respekt, und die Österreicherin Renate Bertlmann benutzt Dildos und Kondome als Material für ihre Skulpturen - in diesem Jahr hat die Feminismus-Pionierin eine Armee von 312 roten Rosen aus Murano-Glas im österreichischen Pavillon aufgespießt.

Man bräuchte viele Tage, um dies alles zu genießen - doch die meisten Besucher bringen nur einige Stunden Zeit mit für die Biennale. In unserer Fotostrecke können Sie sich über einige der wichtigsten Länderbeiträge einen Überblick verschaffen.

Wer sich nach seinem venezianischen Pavillon-Bummel ganz erschlagen fühlt, sollte sich als letzte Station auf die Inselgruppe Giudecca zum tröstenden Länderbeitrag Islands retten. Die haarige Kunst von Hrafnhildur Arnardottir darf man oftmals anfassen, vielleicht ist das auch in Venedig so. Unter dem Pseudonym Shoplifter schafft sie grellbunte Fellskulpturen, deren niedlicher Look und taktiler Reiz den Menschen beruhigt, das ist ein Urinstinkt: Kuscheln wirkt. Eine gute Idee für die in den kommenden Tagen sicherlich überdrehte Kunst-Society in Venedig.



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