Biennale in Venedig Schwere Kost, die beflügelt

Globale Perspektive statt nationaler Kraftmeierei: Kurator Robert Storr setzt in der Arsenale-Ausstellung auf Themen wie Krieg und Exil. Dennoch wirkt die Schau nicht spröde, sondern bunt und vielgestaltig wie das Leben selbst.

Aus Venedig berichtet Jenny Hoch


Der Startschuss ist gefallen, die internationale Kunstschickeria nimmt die erste Etappe der diesjährigen "Grand Tour" im Laufschritt. Die Biennale in Venedig macht es ihr denkbar leicht: Seit jeher ist sie eher ein buntes Fest als ein strenges Seminar, das neben Kunst in allen Kanälen auch genug Zeit und Energie fürs Dolce Vita lässt. Umso besser, denn den Galeristen, Sammlern, Spekulanten und anderen Kunstliebhabern, die traditionell schon vor der offiziellen Eröffnung für die Normaltouristen das Gelände stürmen, steht noch einiges bevor - die Art Basel, die Documenta und die Skulptur Projekte Münster wollen binnen weniger Tage auch noch bewältigt werden.



Wie es sich für ein Spektakel von Weltrang gehört, liegen zwischen Sankt-Marcus-Platz und den Giardini, dem Park mit den Länderpavillons, Motorjachten von beeindruckender Anzahl und Größe vor Anker. Die roten Teppiche für die Abendempfänge sind schon ausgerollt - doch tagsüber steht erst einmal die Kunst im Scheinwerferlicht.

Kunst ist der neue Glamour, heißt es, und vielerorts trifft das gemessen am Star- und Millionärsaufkommen auch vollkommen zu. Das ist auf der 52. Biennale, bei der in diesem Jahr rekordverdächtige 76 Nationen vertreten sind, nicht anders. Doch guckt man sich die große Gruppenschau im Arsenale genauer an, wirkt es, als habe zugleich eine neue Ära der Ernsthaftigkeit begonnen.

Der Kurator als Entdecker

"Denke mit den Sinnen, fühle mit dem Verstand", dieses Motto hat der diesjährige Kurator Robert Storr seiner Ausstellung gegeben. Er ist der erste Amerikaner, der den Kunst-Grand-Prix seit seiner Erfindung 1895 durch den Bürgermeister von Venedig leiten darf. Der Professor, Künstler und Kurator ist so etwas wie die graue Eminenz der amerikanischen Kulturszene - was er anfasst, steht per se schon mal nicht unter Rummelplatzverdacht. Im Vorfeld war zwar gemunkelt worden, er setze mit Künstlern wie Louise Bourgeois, Sol LeWitt, Gerhard Richter oder Bruce Naumann zu sehr auf das etablierte Who is Who der Kunstwelt, aber wie sich zeigt, sind trotzdem spannende Neuentdeckungen zu machen.

Das liegt vor allem daran, dass Storr zum großen Teil auf Künstler setzt, die in der europäischen und nordamerikanischen Kunstszene weitgehend unbekannt sind. Er hat nicht nur Platz gemacht für eine große Schau afrikanischer Kunst und einen türkischen Pavillon, sondern zeigt auch überproportional viele Arbeiten aus Ländern wie Iran, Algerien, Brasilien, Ghana, Jordanien, Indien, Serbien oder Nicaragua.

Das alles geschieht nicht mit der gönnerhaften Geste des Erste-Welt-Kurators, der endlich auch mal den notorisch unterrepräsentierten Minderheiten dieser Welt ein Forum geben will, sondern ganz selbstverständlich. Große Namen hängen neben - zumindest aus alter europäischer Sicht - Unbekannten, naive Malerei neben abstrakten Gemälden, Fotoarbeiten neben Installationen oder Videokunst.

Grenzenlos politisch

Der übergreifende Topos ist die Politik, nicht nationalstaatlich-eng gesehen, sondern global verstanden. Dennoch wirkt die Schau nicht konzeptuell und spröde, sondern so bunt und vielgestaltig wie das Leben selbst. Es dominieren Themen wie Krieg und Tod, und trotzdem erstarrt der Zuschauer nicht angesichts des Elends dieser Welt, sondern wird zum mitfühlenden, verstehenden Betrachter. "Denke mit den Sinnen, fühle mit dem Verstand" - dieses Paradoxon funktioniert hier tatsächlich.

Ziemlich zu Beginn dokumentiert Yto Barradas Fotoarbeit "Die Botanik der Macht" den Umbau Marokkos in ein sauberes, vermarktbares Land. Natürliche Grünflächen werden durch hochgezüchtete Blumen ersetzt, Natur ist plötzlich nicht mehr poetisch konnotiert, sondern politisch.

Dass Grün nicht gleich Grün ist, zeigt auch die Arbeit von Gabriele Basilico. Auf seinen Aufnahmen der zerbombten Stadt Beirut wuchern die Pflanzen. Es wirkt, als müsse sprichwörtlich Gras über die Sache wachsen, auch wenn die Natur die Spuren der Zerstörung nicht völlig zu kaschieren vermag.

Ansichten des Krieges sind allgegenwärtig: Der Israeli Tomer Ganihar zeigt verletzte Plastikpuppen, die mit schmerzverzerrten Gesichtern auf Krankenhausbetten liegen, in Paolo Canevaris Videoarbeit über das Nato-Bombardement Belgrads 1990 kickt ein Junge wie besessen vor einer Hausruine mit einem Ball herum. Nur sein Atem ist zu hören, und mit Schaudern wird dem Betrachter klar, dass es sich bei dem Ball um einen menschlichen Schädel handelt.

Von dem Argentinier León Ferrari stammt eine Jesusfigur, die an die Tragflächen eines US-Airforce-Flugzeuges genagelt ist. Damit rückt er die Supermacht gar in die Nähe der Inquisition. Und wer im Dunkeln nach dem altbekannten Notausgangsschild "Exit" sucht, wird sich die Augen reiben: Gleich zweimal ist dort gelb leuchtend "Exil" zu lesen. Der Algerier Adel Abdessemed kommentiert damit sinnfällig die auswegslose Lage vieler Flüchtlinge. Nedko Bolakov dokumentiert seine Recherche zu dem Streit zwischen Russland und seinem Heimatland Bulgarien um das Produktionsmonopol für das berühmt-berüchtigte AK-47-Gewehr, das ein gewisser Michail Kalaschnikow in den 1940er Jahren konstruierte. Das Ehepaar Ilya und Emilia Kabakov entwirft eine utopische Stadt namens "Manas" zwischen Erde und Kosmos.

Die politische Seite der Dreadlock-Frisur

Dem 2006 verstorbenen Amerikaner und Paul McCarthy-Schüler Jason Rhoades ist mit "Tijuanatanjierchandelier" ein ganzer Raum gewidmet. Darin empfängt einen ein Tohuwabohu aus wild durcheinander gehängten Neon-Reklamen für mexikanische Restaurants und Freudenhäuser. Dazwischen unzählige Souvenirs wie Strohhüte, tönerne Tassen, Glasfiguren, sowie Wäschestücke und Matratzen. Rhoades thematisiert hier die Außenwahrnehmung Mexikos zugleich als Urlaubsparadies und Flüchtlingsland.

Obwohl Robert Storr die Afrika-Sonderausstellung "Check-List Luanda Pop" nicht eigens kuratiert hat, sondern sie gebrauchsfertig von dem angolanischen Privatsammler Sindika Dokolo übernommen hat, fügt sie sich nahtlos in seinen internationalen Ausstellungsparcours ein. Ohne den in Europa oft üblichen Folklore-Kitsch werden Themen wie Aberglaube, Safer Sex und Identitätsfragen erörtert. Ingrid Mwangi zeigt in ihrem Video die politische Seite der Dreadlock-Frisur, Mounir Fahni baut aus Lautsprechern die Kulisse Manhattans, inklusive der zwei Türme des World Trade Centers und lässt den Betrachter das Attentat mittels Geräuschen noch einmal miterleben.

Yinka Shonibares "How to blow up two heads at once" macht die Zerrissenheit und Vielschichtigkeit afrikanischer Identität vielleicht am besten deutlich: Zu sehen sind zwei kopflose Figuren, die sich gegenseitig mit altmodischen Pistolen bedrohen. Sie sind im viktorianischen Stil gekleidet, allerdings mit bunt bedruckten Stoffen, die als gemeinhin typisch afrikanisch gelten. Sofort fragt man sich: Sind da zwei assimilierte Afrikaner dabei, sich gegenseitig zu meucheln? Oder symbolisieren die afrikanischen Stoffe an weißen Soldaten die Einverleibung ihres Kontinents durch die Kolonialmacht?

Tatsächlich ist der Fall noch verwickelter: Die sogenannten afrikanischen Stoffe werden in Wahrheit in den Niederlanden hergestellt, bis heute sitzen die Großexporteure dieser vermeintlich authentischen afrikanischen Erzeugnisse dort und in England. Afrikanische Identität und Kultur erweisen sich somit als Konstrukte.

Im schlimmsten Fall werde seine Ausstellung eben ein Amuse Geule, also ein Appetithäppchen für den Kunstbetrieb, hatte Robert Storr angesichts seines geringen Budgets vorher geunkt. Das Gegenteil ist der Fall. Sie ist ein gelungener Gegenentwurf zur nationalen Repräsentation, die in den Pavillons gepflegt wird. Statt länderbezogener Kraftmeierei öffnet sich hier der Blick zu einer globalen Perspektive.

In diesem Sinne serviert Storr ein hervorragendes Hauptgericht - solide gekocht und aufregend gewürzt. So ein Erlebnis macht lange satt.



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