Biermann und Berlin Angst vor Ikarus

Kulturpolitisches Elend in Berlin - das jüngste Opfer: Wolf Biermann, dem die Ehrenbürgerschaft der Stadt offenbar aus Gründen der sozialistischen Staatsräson verweigert werden soll. Dabei braucht Berlin den Dichter dringend, um sich seiner Geschichte zu vergewissern.

Von Claus Christian Malzahn


Wolf Biermann gilt als der deutscheste aller deutschen Dichter, schon deshalb, weil er ein Wossi ist: 1953 floh er als junger Kommunist aus der Adenauer-Republik in Ulbrichts Arbeiter-und-Bauern-Staat. 23 Jahre später bürgerten die Greise des SED-Politbüros ihn wieder aus. Sein legendäres Konzert in Köln im November 1976 ist inzwischen Wegmarke der jüngeren deutschen Geschichte - so wie der Aufstand am 17. Juni, der Mauerfall oder die Wiedervereinigung.

Dichter Biermann: Das Leben als Deutschland-Roman
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Dichter Biermann: Das Leben als Deutschland-Roman

Biermanns Leben ist an diese deutschen Daten geheftet wie eine zweite Haut. Die Idee, ihm in der deutschen Hauptstadt die Ehrenbürgerwürde anzutragen, erscheint da nur logisch. Biermann hat in Berlin gelebt und gewirkt - nur Tucholsky und Brecht haben zuvor ähnlich große politpoetische Bugwellen an der Spree entfachen können.

Die Geschichte der deutschen Teilung, die auch Biermanns ganz persönliches Drama ist, hat in keiner Stadt solche Narben hinterlassen wie in Berlin. Doch ausgerechnet hier wird eben jene Geschichte von Regierungsseite seit Jahren politisch vernebelt, verklärt, vertan. Und zwar aus Gründen des politischen Prinzips - nicht etwa, weil Dilettanten am Werk sind.

Seit Monaten wird in den Reihen der Koalitionsparteien nach den absurdesten Argumenten gesucht, um Biermanns Ehrung zu verhindern. Fürsprecher findet Biermann in der Opposition, bei Grünen, FDP und CDU - eine Kultur-Schwampel sozusagen. Vor allem der CDU-Abgeordnete Uwe Lehmann-Brauns hat sich für den Dichter stark gemacht. In den achtziger Jahren, als in der Sozialdemokratie Dialogpapiere mit der SED ausgehandelt wurden und man sich auch in der Berliner SPD-Linken in Nicaragua besser auskannte als am Prenzlauer Berg, gehörte er zum Reformflügel der Berliner CDU mit exzellenten Kontakten zur Bürgerrechtsszene Ost-Berlins.

Dass die SED-Nachfolgerin PDS kein Interesse an einem Ehrenbürger Biermann hat, muss nicht verwundern. Es beweist nur, dass sich diese Partei eben nicht von ihrer Geschichte gelöst hat, sondern in den alten Ressentiments gefangen ist. Die zögerliche Haltung der Sozialdemokraten aber ist peinlich. Lehmann-Brauns Vorschlag wird von der SPD als parteitaktisches Manöver diffamiert. In Wahrheit betreibt aber die SPD taktische Spielchen. Denn mit ihrer distanzierten Haltung will sie vor allem ihren Koalitionspartner schützen, der einen öffentlichen Auftritt Biermanns in Berlin anlässlich der Annahme der Ehrenbürgerschaft ungefähr so fürchtet wie weiland Honecker eine Rede von Bärbel Bohley auf dem Alexanderplatz.

Als die Koalition von SPD und PDS im Herbst vergangenen Jahres neu aufgelegt wurde, obwohl rechnerisch und politisch auch die Bildung einer rot-grünen Regierung in Berlin möglich gewesen wäre, begründete Bürgermeister Klaus Wowereit seine Vorliebe für das rot-rote Modell mit zwei Hauptargumenten. Erstens sei ein Bündnis von SPD und PDS wesentlich stabiler als eine Koalition der Sozialdemokraten mit den unsicheren grünen Kantonisten. Zweitens symbolisiere das Zusammengehen von SPD und PDS auch das Zusammenwachsen von Ost und West.

Beide Argumente waren an den Haaren herbeigezogen, wie sich schnell zeigte. Erstens entpuppte sich Wowereits Traumbündnis schon im ersten Wahlgang als instabil. Denn dem Regierenden Partymeister fehlte plötzlich eine Stimme im eigenen Lager, und für einen schrecklich langen Moment geisterte das Gespenst von Heide Simonis durch das Berliner Abgeordnetenhaus. Wowereit wurde dann doch noch gewählt, aber der Schreck saß und sitzt tief. Denn die rot-rote Regierung, die mit nur einer Stimme Mehrheit regiert, scheint nun von Beginn an eine Herrschaft auf Abruf zu sein. Für die Opposition, allen voran die derangierte CDU, war die fehlende Stimme jedenfalls eine Hallo-Wach-Tablette sondergleichen.

Wowereits zweites Argument, der einstmals geteilten Stadt sei ein rot-rotes Bündnis bekömmlicher, weil die Regierung aus Sozialdemokraten und der Ost-Partei PDS quasi die Teilung überwinde, ist nicht nur falsch, sondern auch verlogen. Denn die SPD-PDS-Regierung interessiert sich nicht für die Stadtgeschichte, die zugleich auch die Geschichte des geteilten Deutschland ist. Und zwar weil die Berliner Geschichte der rot-roten-Realpolitik jeden Tag wie ein Sperrriegel in die Quere kommen könnte.

Denn warum soll ausgerechnet in Berlin eine Partei regieren, die die Teilung nachträglich rechtfertigt und in deren Reihen man die DDR - vor allem unter älteren Mitgliedern - noch immer für das bessere Deutschland oder zumindest einen legitimen Staatsversuch hält? Wo die Zwangsvereinigung von KPD und SPD schöngeredet wird und man den Mauerbau als unangenehme, aber gerechtfertigte Verteidigungsmaßnahme der DDR gegen die BRD darstellt? In dieser Koalition muss eine wahrhaftige Bestandsaufnahme der jüngeren deutschen Geschichte leider draußen bleiben.

Dass Bürgermeister Wowereit in einer Talkshow die Frage nach der Zahl der Toten an der deutsch-deutschen Grenze falsch beantwortete, war peinlich, wäre aber verzeihbar - wenn der Fauxpas nicht klares Desinteresse bewiesen hätte. Denn Wowereits Senat musste von der Öffentlichkeit geradezu dazu gezwungen werden, ein museales Konzept für geschichtsträchtige Orte wie den Checkpoint Charlie vorzulegen. Und der letzte PDS-Kultursenator Thomas Flierl machte während seiner Amtszeit vor allem mit Kotaubewegungen in Richtung alter Stasi-Kader von sich reden, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, kritischen Geistern wie dem Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen das Leben schwer zu machen. Flierl gehört dem neuen Senat nicht mehr an, die Kultur wird nun von Wowereit verwaltet. Doch das postsozialistische Elend geht weiter, wie die würdelose Diskussion um die Ehrenbürgerschaft des Dichters und Sängers Wolf Biermann zeigt.

Biermanns melancholische Verse über den Preußischen Ikarus, über die Zerrissenheit von Stadt, Land, Mensch gehören in jedes Schulbuch. Seine Überzeugungen liegen quer zu allen etablierten Programmen der Hauptstadt; schon deshalb kann er politisch gar nicht vereinnahmt werden. Aber der Unwille der amtierenden Regierungsparteien, Biermann zu ehren, adelt den 70-Jährigen auch. Die Stadt Düsseldorf brauchte fast 200 Jahre, bis die Universität den Namen des Düsseldorfers Heinrich Heine tragen konnte. Heines Urenkel im Geiste Biermann braucht die Ehrenbürgerwürde nicht. Berlin aber braucht Biermann, um sich seiner rasenden Geschichte bewusst zu werden. Seine Lieder, Gedichte und Balladen werden jedenfalls auch dann noch gelesen werden, wenn der rot-rote Senat in Berlin nur noch als Fußnote der Nachwendezeit auftaucht.

Und Klaus Wowereit? Hatte der nicht die Love Parade erfunden?



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