"Big Brother"-Finale 84 Kondome und eine Heilige

Hätten Sie's gemerkt? Die achte Staffel des einst so umstrittenen Medienphänomens "Big Brother" ist vorbei. Die Welt rund um den Container ist längst eine Parallelgesellschaft mit eigenen Gesetzen und Paarungsgewohnheiten. Trotz mieser Quoten ist ein Ende nicht abzusehen.

Parallelgesellschaft nennt man so was wohl. Längst ist die einst heftig debattierte Reality-Soap "Big Brother" zum Nischenfernsehen geworden, in dem ein kleiner Kreis von Menschen jenseits jedes öffentlichen Diskurses eigene Rituale pflegt, eigene Feste feiert und eigene Lieder singt. Es ist also eine fremde Welt, die sich dem Mainstream-Zuschauer beim zufälligen Reinzappen auftut. Eine gewisse anthropologische Neugier ist unbedingt von Nöten, um die Mandys und die Mellys in ihrem TV-Gehege beim gegenseitigen Schminken und Frisieren zu beobachten.

Dabei hat der Sender RTL II, für den sich die gedrosselten Quoten bei günstigen Produktionskosten wohl immer noch auszahlen, am gestrigen Montagabend durchaus versucht, beim Finale der achten Staffel wieder an den deutschen Mainstream anzudocken. Die dreistündige Show wurde inszeniert, als handele es sich um die Übertragung des EM-Endspiels.

Draußen vor dem Container in Köln hatte man extra eine Art Fanmeile aufgebaut: Eine erstaunlich große Menschenmenge rief regelmäßig "Finale" und stimmte ständig aufgepeitscht die EM-Hymne "Seven Nation Army" an. Auf einer riesigen Leinwand wurden die Ereignisse im Haus übertragen. Im benachbarten Coloneum deuteten derweil die beiden Moderatorinnen Charlotte Karlinder und Miriam Pielhau die Telefonvotings, mit denen die fünf Finalisten im Hause sukzessive rausgewählt wurden, als handele es sich dabei um Hochrechnungen zur Bundestagswahl.

Aber bei "Big Brother" ist dieses Ereignis nun eben auch von zentraler Bedeutung, ihm kommt die Funktion einer Repräsentantenwahl in diesem Parallelkosmos zu. Und viel befriedigender als bei der Bundestagswahl ist es natürlich, dass man für 50 Cent pro Anruf beliebig oft für seinen Wunschkandidaten stimmen kann.

Während draußen die Fans also beim Singen der EM-Hymne in ihre Handys tippten und im Studio die Lage analysiert wurde, blieb es im Container selbst unwirklich still. Über drei extrem lange Stunden hinweg wurde gezeigt, wie sich die stetig dezimierende Bewohnerschaft an den Händen hielt und schwieg. Am Ende gewann dann Isi, die Stripperin mit Abitur, die gleich bei ihrem Einzug gesagt hatte, dass sie durchaus bereit wäre, Sex vor der Kamera zu haben, die dann aber als einzige das halbe Jahr "Big Brother" erschreckend abstinent zubrachte. Insgesamt sollen – es gibt ja immer Leute, die so was nachzählen – 84 Kondome im Haus benutzt worden sein.

Keines davon aber war im Zusammenhang mit Isi im Einsatz. Selbst in den enthemmtesten Augenblicken zeigte sich junge Frau nämlich von ihrer selbstlosen Seite, etwa als sie den dicken Kevin zu dessen Geburtstag Sekt aus ihrem Bauchnabel trinken ließ. Ist Isi eine Heilige? Die 250.000 Euro Siegesprämie hat sie sich auf jeden Fall verdient. Zu einer Szene voll surrealer Schönheit kam es gestern schließlich, als sie nach ihrem Sieg für zehn Minuten ganz alleine im Container zurückblieb. Da liebkoste Isi erst den Goldfisch im Aquarium, um schließlich entrückt den Gospel "Kumbaya, My Lord" anzustimmen.

In religiöser Verzückung hatte sich zuvor übrigens auch schon Jürgen Milski, Überlebender der ersten "Big Brother"-Staffel und Moderator der achten, präsentiert. "Hallelujah" schmetterte er bei der Präsentation seiner neuen Single auf der Fanmeile. Der Rest des Techno-Schlager-Textes war dann aber doch in weltlichem Übermut gedichtet worden. Unter anderem jubilierte Jürgen in seinem Lied: "Wenn auch die Pole schmelzen und das Wasser steigt, Hauptsache, Big Brother bleibt."

Eine Prophezeiung, die sich offenbar bewahrheitet: Die Bewerbungen für die neunte Staffel dürfen ab jetzt eingereicht werden.

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