"Bild" ohne "Seite-1-Girl" Die Letzte hält die Brüste hin

Nie mehr nackt: Per Schlagzeile verkündet "Bild" den Abschied vom Pin-up-Mädchen auf der ersten Seite. Die Entscheidung wurde angeblich am Weltfrauentag getroffen, folgt aber wohl eher ökonomischen als feministischen Interessen - und ist eigentlich schon uralt.
"Bild"-Titelseite von diesem Freitag: Zum letzten Mal mit "Girl"

"Bild"-Titelseite von diesem Freitag: Zum letzten Mal mit "Girl"

Berlin - Manchmal dauert es eine Weile, bis sich die Wahrheit in der Realität niederschlägt. Unter der Überschrift "Weniger Nackte" (und illustriert mit einer Nackten) meldete der SPIEGEL in einer Kurzmeldung des Medienressorts: "Halbnackte Pin-up-Girls wird es auf der Titelseite der Boulevard-Zeitung 'Bild' nicht mehr geben." In aller Stille hatten demnach der Chefredakteur und sein Unterhaltungschef befunden, "die Masche mit den freizügigen Models" habe sich überholt. Dabei sei die Betexterin der Nacktbilder doch gerade erst berühmt geworden.

Das war im Oktober 1999 , der "Bild"-Chef hieß Udo Röbel, die Texterin Katja Kessler, und als wolle man das Nachrichtenmagazin trotzig Lügen strafen, veröffentlichte das auflagenstärkste Blatt Europas am Tag nach der SPIEGEL-Meldung nicht nur eine Nackte auf dem Titel, sondern gleich zwei: Neben der damals omnipräsenten Verona Feldbusch präsentierte Röbel "Tabatha Cash (25), Frankreichs heißeste Ex-Schauspielerin".

Und es blieb bei den Nackten - bis zu diesem Freitag. Nicht Wulffs Zapfenstreich, nicht der griechische Schuldenschnitt, sondern eine quasi interne Meldung bestimmt die Schlagzeile der aktuellen "Bild"-Ausgabe: "BILD schafft Seite-1-Girl ab" steht da geschrieben.

Auflage im stetigen Sinkflug

Der Chefredakteur heißt heute nicht mehr Röbel, sondern Kai Diekmann, ist verheiratet mit der damaligen Pin-up-Texterin Katja Kessler, Verona Feldbusch heißt mittlerweile Pooth und zieht längst nicht mehr blank. Und auch sonst hat sich einiges geändert im "Bild"-Kosmos: Die Auflage, zu Röbels Zeiten noch bei 4,4 Millionen, ist in ihrem beständigen Sinkflug im vierten Quartal 2011 bei 2,7 Millionen angekommen, und im Netz wird gerade darüber  verhandelt , ob sich "Bild" überhaupt noch "auflagenstärkste Zeitung Europas" nennen darf, oder ob sie im Wettlauf nach unten bereits die ihrerseits ebenfalls, aber nicht ganz so schnell sinkende britische "Sun" überholt hat.

Wohl um diesem Auflagen- und dem damit einhergehenden Bedeutungsverlust entgegen zu wirken, gibt sich "Bild" seit einiger Zeit einen etwas seriöseren Anstrich, macht mit investigativen Recherchen von sich reden und befragt in regelmäßigen Abständen einen "Leserbeirat". Mit dessen Votum wird die Abschaffung der Titel-Nackten begründet: "Natürlich will 'Bild' auch künftig sexy sein. Aber moderner, besser verpackt im Inneren des Blattes. So wie es viele Frauen - auch in den 'Bild'-Leserbeiräten - sich immer gewünscht hatten."

Man tut Kai Diekmann wohl kein allzu großes Unrecht an, wenn man behauptet, dass es ihm vermutlich weitgehend herzlich egal ist, was irgendein Leserbeirat von ihm verlangt (sonst hätte er bereits viel früher auf diesen bereits vor Jahren vorgetragenen Wunsch reagieren können). Die angeblich am Weltfrauentag gefällte Entscheidung hat wohl eher handfeste ökonomische Gründe.

Karawane bei der Bilderauswahl

Früher mag das vielleicht anders gewesen sein, aber kein Mensch kauft heute "Bild" wegen der Entkleideten auf dem Titel. Nackte Frauen, wesentlich nacktere sogar als beispielsweise die "schöne Eva aus Polen" der "Bild" am Freitag, die gewissermassen zum Abschied ihre Brüste mit beiden Händen in die Kamera hält, findet der nach solchem Material Suchende heute in großer Zahl und vollkommen kostenlos an jeder Ecke im Internet. Auch die Versuche von "Bild", Erotik-Inhalte über das Internet kostenpflichtig zu vermarkten, können da nur Leute erreichen, deren Drang nach Drallem sich mit absoluter Ahnungslosigkeit verbindet. Nein, was vor bald dreizehn Jahren wohl schon stimmte, ist heute so offensichtlich, dass die "Bild"-Chefredaktion Konsequenzen ziehen musste: Die Masche mit den freizügigen Models hat sich überholt.

Mit den Nackten verliert die "Bild"-Chefredaktion allerdings auch ein lustiges Ritual, von dem Katja Kessler 1999 im Interview mit der "taz" berichtete: "Die gehen bei der Bildauswahl in so einer Karawane, wie bei der Polonaise Blankenese. Mit der Hand auf der Schulter des Vordermannes ziehen die um den Tisch mit den Fotos. Und irgendwann tippt dann einer auf ein Bild, und das ist es dann." Obwohl: Der "Gewinner des Tages" muss ja immer noch gekürt werden.

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