SPIEGEL ONLINE

Vorwurf der Kampagne Grünen-Politiker Nouripour will nicht mehr mit "Bild" sprechen

Die "Bild"-Zeitung hat Claudia Roth "Doppelmoral" im Kampf gegen Antisemitismus vorgeworfen. Der grüne Bundestagabgeordnete Omid Nouripour zieht Konsequenzen und kündigt an, das Blatt zu meiden.

In einem Video, das Omid Nouripour am Donnerstagmorgen auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, bezeichnet der Grünen-Politiker Vorwürfe der "Bild"-Zeitung als Kampagne und als infam. Das Blatt hatte Anfang der Woche unter anderem seiner Parteikollegin Claudia Roth "Doppelmoral" im Kampf gegen Antisemitismus vorgeworfen.

Anlass war ein Treffen der Bundestagsvizepräsidentin mit dem iranischen Parlamentspräsidenten Ali Laridschani in Belgrad am Rande der Versammlung der Interparlamentarischen Union. Laridschani hatte die Existenz des Holocaust 2007 als "offene Frage" bezeichnet und 2009 die Holocaust-Leugnung des damaligen Präsidenten verharmlost. Wer so offenkundig mit zweierlei Maß messe, dem könne man seine Bekundungen gegen Antisemitismus nicht mehr glauben, so der Vorwurf.

Am Dienstag warf die Boulevardzeitung auch anderen deutschen Politikern ihre Kontakte zu Vertretern des iranischen Regimes vor. "BILD dokumentiert, wie Politiker, Verbände und Journalisten Antisemitismus salonfähig machen", verkündete das Blatt und nannte unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und den Staatsminister im Auswärtigen Amt Niels Annen (ebenfalls SPD).

BILD.de Screenshot: "Vorwürfe, die hauen richtig böse rein"

BILD.de Screenshot: "Vorwürfe, die hauen richtig böse rein"

In seinem Video erinnert Nouripour, der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, an den Terroranschlag auf die Synagoge in Halle und sagt, es dürfe in diesem Land keinen Platz für Antisemitismus geben. Aber die Angriffe der "Bild"-Zeitung würden den Antisemitismus-Begriff "ausleiern". "Das sind Vorwürfe, die hauen richtig böse rein", sagt Nouripour. "Das ist infam."

Der iranischstämmige Politiker wirft der "Bild"-Zeitung vor, den Spielraum der Diplomatie zu zerstören. Es sei der Sinn von Diplomatie, "den Gesprächsfaden zu erhalten". Nouripour erinnert daran, dass der damalige Außenminister Guido Westerwelle 2011 den damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in Teheran traf, um zwei Journalisten der "Bild am Sonntag" aus dem Gefängnis freizubekommen. Die Journalisten waren inhaftiert worden, nachdem sie ein Interview geführt hatten, obwohl sie nur mit einem Touristen-Visum eingereist waren. "Es war richtig, dass Westerwelle nach Teheran geflogen ist und eine Pressekonferenz mit dem schlimmsten Holocaustleugner von allen gemacht hat", sagt Nouripour. "Das war kein Antisemitismus, das war ein kluger Akt."

"Ein kluger Akt": Ahmadinedschad und Westerwelle schütteln sich am 19. Februar 2011 die Hände

"Ein kluger Akt": Ahmadinedschad und Westerwelle schütteln sich am 19. Februar 2011 die Hände

Foto: AFP / President Office

Sein Verhältnis zur "Bild"-Zeitung sei immer kompliziert gewesen, so Nouripour, aber bislang habe er stets versucht, mit der Redaktion zusammenzuarbeiten. Er lobte die Syrien-Berichterstattung des Blattes und sagte, es gebe in der Redaktion "tolle Leute". Aber bis die Antisemitismus-Kampagne eingestellt sei, "bis wir so etwas nicht mehr sehen", so der Grünen-Politiker, "werde ich mit der Zeitung nicht mehr sprechen".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Teasers hieß es, die "Bild"-Zeitung habe Roth Antisemitismus vorgeworfen. Wir haben die Stelle präzisiert.

csc