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Bildband "Afro-Cuba": Kräuter, Götter und Zigarren

Foto: Anthony Caronia

Bildband "Afro-Cuba" Wo die wilden Götter wohnen

Kommunikation mit dem Übersinnlichen? Kein Problem, dafür gibt's Muscheln und Kokosnüsse. In einem Bildband zeigt der Fotograf Anthony Caronia die magische Welt der afrokubanischen Kulte. Die sind nicht nur abseits der Zivilisation präsent: Auch Jennifer Lopez greift, wenn nötig, auf sie zurück.

Die Orishas sind hartnäckig. Weder die spanischen Kolonisatoren noch Fidel Castro und Genossen haben sie aus der Karibik vertreiben können. Changó, Yemayá, Elleguá, und all die anderen Yoruba-Gottheiten, die seit dem 17. Jahrhundert mit den Sklaven aus Westafrika gekommen sind, sind nach wie vor präsent im Alltag der rund 11 Millionen Kubaner.

Man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt: Sie sitzen auf den Hausaltären, sie tauchen in den Rhythmen der Karibikinsel auf. Und wenn eine kubanische Señora in der Kirche eine Kerze für die Heilige Barbara oder den Heiligen Lazarus anzündet, dann meint sie wahrscheinlich den Donnergott Changó sowie Babalú Ayé, den Herrn über die Krankheiten und Seuchen. Denn als die Kolonisatoren den aus Afrika verschleppten Sklaven die Ausübung ihrer Religion untersagten, fanden die einen pragmatischen Ausweg: Sie identifizierten die ihnen aufgezwungenen katholischen Heiligen einfach mit den ihnen vertrauten Göttern. Den heiligen Christophorus etwa, den "Christusträger", setzten sie mit Aggayú gleich, dem Fährmann, der den Menschen durch schwierige Zeiten hilft.

"Was die Bevölkerung anbetrifft, ist Kuba zwar die weißeste karibische Insel, doch in Bezug auf die afrikanische Kultur ist sie die schwärzeste", sagt der Fotograf Anthony Caronia, der sich seit Mitte der Neunziger mit der Santería beschäftigt - unter diesem Sammelbegriff fasst man die verschiedenen afrokubanischen Kulte zusammen. Der Italiener, Jahrgang 1968, hat sich den Orishas und ihren Jüngern nicht nur fotografisch genähert. Er hat sich auch spirituell voll in die Welt der afrikanischen Geister begeben und einen padrino (Paten) gefunden, der ihn in die Rituale des "Palo Mayombé"-Kultes einführte. Caronia wurde ein "Sohn von Ochosi", der "einsame Jäger" unter den afrokubanischen Heiligen.

Kein Foto ohne Einverständnis der Geister

Diese inbrünstige Verbundenheit mit seinem Thema prägt auch Caronias Bildband "Afro-Cuba": "Keine einzige Fotografie wurde ohne die Zustimmung der Orishas gemacht", erklärt der Fotograf - die Götter seien vorher jeweils mit Muscheln und Kokosnüssen befragt worden. Weil sie offensichtlich nichts dagegen hatten, finden sich Fotos aus Santería-Ritualen in dem Buch, auf denen Teilnehmer mit glasigen Augen in die Kamera blicken, in irres Lachen ausbrechen, grimmig die Zähne fletschen und ihre Körper ferngesteuert zu den Rhythmen der heiligen Batá-Trommeln winden: Gläubige, in die der Geist des jeweiligen Orisha gefahren ist und die so während der Rituale die Gottheit verkörpern.

Den Schwarzweißbildern ist anzusehen, dass hier jemand ganz nah herangekommen ist, weil er sich ganz auf die Spiritualität eingelassen hat, die er porträtieren will. Doch die Intimität hat ihren Preis: Caronia bleibt so inbrünstig bei der Glaubensgemeinschaft, dass das Bild einer entrückten, spiritistischen Parallelwelt entsteht, die kaum Verknüpfung zum Alltag zu haben scheint. Das ist schade, denn tatsächlich hat die Santería viele säkulare, charmant-banale, popkulturelle Aspekte. Gemeinsam mit dem Voodoo in Haiti und dem Candomblé in Brasilien bildet sie eine Religion, die überall auf dem amerikanischen Kontinent präsent ist.

In jeder Stadt der USA und Lateinamerikas gibt es Botanicas, also Shops, in denen man vom Orisha-gefälligen Putzmittel über den Plastik-Heiligen für den Autorückspiegel bis zur Ritual-CD für die Beschallung des Etagenwohnung-Hausaltars alles kaufen kann, was das Herz begehrt. Und als Jennifer Lopez ihre Verlobung mit Ben Affleck löste, ließ sie sich von einer Santería-Priesterin beraten. Santería ist eben nicht nur abseits der Zivilisation, in authentisch-kubanischen Holz- und Ziegelhütten präsent.

Am spirituellen Gängelband

Genau das aber - die vermeintlich authentische Glaubenswelt der Kubaner - ist die Botschaft dieses Bildbandes. Tieropfer, traditionelle Gewänder, Palmen, Zigarrenrauch, abgewetzte Conga-Drums, unberührte Landschaften und bescheidene Hütten, in denen die Gläubigen den Heiligen huldigen: Das Kuba, das Anthony Caronia zeigt, ist zu ursprünglich, um wahr zu sein. Eine Gegenwelt, in der bescheidene Leutchen in einfachen Verhältnissen magische Kulte verrichten. So schön die Bilder sind, so sehr entsprechen sie dem Kuba-Klischee, dass man sich in Europa nur allzu gerne macht.

Die Zwischentöne in dem Bildband verstecken sich hinter Caronias religiös befangenen Erläuterungen. Im Vorwort beschreibt der Fotograf, wie er im Verlauf seines mehrjährigen Kuba-Aufenthalts in eine Glaubenskrise gerät, die ihn schließlich zum Ausstieg aus der Santería-Gemeinschaft treibt. "In Unkenntnis der wahren Bedeutung vieler Praktiken wurde meine Lebensenergie in einem Ritual zur Überwindung des Todes abgezogen, um eine im Sterben liegende Person am Leben zu erhalten", heißt es da etwas nebulös. Offensichtlich hat der spirituell beeindruckte Fotograf eine Seite der Santería-Religion kennengelernt, die einen großen Teil ihrer Popularität ausmacht. Die Orishas müssen nämlich auch als Berufungsinstanz für abergläubische und esoterische Praktiken herhalten - gegen Krankheiten, Nebenbuhler und auch bei beruflichen und ökonomischen Problemen.

"Ich begriff aber, dass ich einen Weg des Lichts brauchte, jenseits des Machtspiels, das in der Santeria existiert. Ich wollte kein Teil dieses Spiels sein", erklärt Caronia und hinterlässt den nicht eingeweihten Leser etwas ratlos. Was da passiert ist? Man erfährt es nicht.

Jedenfalls mochte der italienische Fotograf dann doch nicht länger am spirituellen Gängelband der Geister laufen. In einem monatelangen, "schwierigen inneren Kampf" hat er sich von der Religionsgemeinschaft gelöst. Und zwar mit Hilfe seines spirituellen Lehrers - denn eifersüchtig und besitzergreifend sind sie offensichtlich nicht, die afrokubanischen Götter. Wer bleibt, der bleibt, wer gehen will, der möge gehen. "Ich hatte große Erwartungen im Hinblick auf das Universum der Hexerei in dieser Welt. Im Grunde wollte ich sehen, wie Wunder geschehen. Ich erkannte, dass das absolut naiv war", resümiert der italienische Fotograf.

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