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Sondierungsgespräche: Merkels Breitreifen

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Bilder von der Sondierung CSI: Merkel

Politik als Task-Force-Einsatz: Der Auftritt der Union in den Sondierungsgesprächen mit SPD und Grünen erinnert an die Inszenierung in TV-Krimiserien. Für die Opposition ist er eine Demütigung.

Es ist eine Demonstration geballter Macht: Eine fast 25 Kopf starke Truppe, die den Flur des Berliner Jakob-Kaiser-Hauses fast in seiner ganzen Breite ausfüllt. Selbstbewusst, entschlossen, erhobenen Hauptes bewegen sie sich nach vorn, in der Mitte die Bundeskanzlerin Angela Merkel, flankiert vom CSU-Vorsitzenden Seehofer, den Generalsekretären der Union, von Bundesministern, Ministerpräsidenten, Security-Leuten. Ihr Ziel: Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier, die Führungsriege der SPD. Muss man die stolze alte Partei nach dieser Bundestagswahl noch mehr demütigen? Die Union zeigt mit ihrem Aufmarsch vor dem zweiten Sondierungsgespräch, wie überlegen sie sich den Sozialdemokraten fühlt.

Es war wohl als anschaulicher Vergleich gemeint, als Peer Steinbrück im Wahlkampf wiederholt darauf hinwies, das Wahlprogramm der Unionsparteien erinnere ihn an ein Schaufenster: Viele schöne Schachteln, aber alle leer! Steinbrück hätte besser noch einmal nachgedacht: In welchem Schaufenster sind Schachteln zu sehen? Im Schaufenster steht immer das Produkt selbst. Auch Politik ist ein solches Produkt - dargeboten, vermarktet und bestenfalls sogar dem Wähler verkauft. Je nachdem, wie gut das gelingt, steht am Ende ein Resultat von 25,1 (wie bei der SPD) oder 41,5 Prozent (wie bei den Unionsparteien).

Der Begriff Sondierungsgespräch mag spröde klingen und weniger gewichtig daherkommen als Koalitionsverhandlung oder gar Regierungsbildung - doch auch hier wird Politik dargeboten, vermarktet und dem Wähler verkauft.

Die Union macht derzeit vor, wie man Sondierungsgespräche inszeniert. Nicht nur, weil sie bereits jetzt darüber diskutiert, ob eine schwarz-grüne Bundesregierung die besseren strategischen Optionen für die kommenden Landtagswahlen bietet. Sondern weil sie sich optisch geschickt präsentiert: Auf dem Weg in die Verhandlungen wirkt die Unionsspitze, wie man das bislang von Ermittlern aus dem Kino oder aus Fernsehserien kannte. Hier sind keine schnöden Bürokraten unterwegs, hier kommt ein Team, eine Task-Force bereit für den nächsten Einsatz. Fehlte nur noch der donnernde Soundtrack: "CSI: Merkel".

Anders als 2005

Die Pose von Merkel und ihren Männern hat etwas Amerikanisches, das man ihnen gar nicht zugetraut hätte: Politiker als gut ins Bild gesetzte Phalanx. Und etwas ebenso Postdemokratisches: Hier geht es nicht darum, sich nahbar zu zeigen, sondern ehrfurchtgebietend. Ein Auftritt, der auf den politischen Gegner ebenso zielt, wie auf das Publikum.

Der Union kommen dabei vorab vereinbarte Regelungen zugute: Weil anders als 2005, als die Sondierungen zur Großen Koalition im kleinen Kreis stattfanden, diesmal jede Partei jeweils sieben Unterhändler entsendet, können CDU und CSU gemeinsam 14 Politiker in die Verhandlungen schicken. Dazu kommen, weil die Kanzlerin und die entsprechenden Minister dabei sind, die obligatorischen Sicherheitsleute. Das ergibt eine beeindruckende Truppe.

Bei SPD und Grünen sind es jeweils nur sieben - ein deutlich kläglicheres Bild. Die Fotografien zeigen: Fast verloren scharen sich die Grünen um den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann. Der hat wenigstens Regierungserfahrung. Die SPD ließ sich auf dem Weg zum ersten Sondierungsgespräch Anfang Oktober unter freiem Himmel ablichten. Dabei entstanden Fotos von leutseliger Harmlosigkeit, über die man sich hinter vorgehaltener Hand sogar bei der CDU wunderte. Beim zweiten Treffen versuchten die Sozialdemokraten die Inszenierung der Union zu kopieren - mit bescheidener Wirkung.

Die Union dagegen setzte bereits bei der ersten Sondierung auf geballte Power, um das Motiv beim zweiten Treffen mit den Sozialdemokraten noch zu perfektionieren. Nun erinnert ihr Auftritt an den Slogan einer Reifenfirma: schwarz, breit, stark. Peer Steinbrück hätte fast darauf kommen können bei seinem Vergleich mit dem Schaufenster - aber: Er war einfach allzu verliebt in seine Schachteln.

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