Bildersturm der Taliban Mit Äxten und Schaufeln gegen das Weltkulturerbe

Zwei Drittel der Buddha-Statuen in Afghanistan sind offenbar zerstört. Auch die beiden weltberühmten Felsstatuen von Bamiyan wurden bei dem Bildersturm der Taliban versehrt. Die Unesco hat einen Sonderbotschafter gesandt, doch bislang wirkt die internationale Diplomatie hilflos.


Die 53 Meter hohen Fels-Statuen von Bamiyan sind die größten Buddha-Bildnisse der Welt
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Die 53 Meter hohen Fels-Statuen von Bamiyan sind die größten Buddha-Bildnisse der Welt

Islamabad/Kabul - Das radikalislamische Taliban-Regime in Afghanistan hat trotz internationaler Proteste mit der Zerstörung zweier weltberühmter antiker Buddha-Statuen begonnen. "Unsere Leute zerstören die Statuen mit Äxten und Schaufeln, um sicher zu gehen, dass nichts unversehrt bleibt", wurde der Informationsminister der Taliban, Kudratullah Dschamal zitiert. Auf Nachfrage räumte er ein, nicht genau zu wissen, wie weit das Zerstörungswerk an den beiden Felsstatuen im Bamiyan-Tal fortgeschritten ist, sagte aber: "Seien Sie versichert, dass weder ihre Beine noch Köpfe verschont werden. Unsere Soldaten arbeiten hart daran, auch die übrig gebliebenen Teile zu zerstören."

Mullah Kudratullah Dschamal wiederholte, keine der Buddha-Statuen im Lande werde von der angekündigten Vernichtung verschont bleiben. Zwei Drittel der Statuen seien zerstört, den Rest werde man in zwei bis drei Tagen erledigt haben. Unklar ist das Schicksal der rund 6.000 Skulpturen im Museum von Kabul. Dschamal betonte, dass Statuen im gesamten Land zerstört würden.

Mit Äxten und Schaufeln Die Maßnahme geht auf den Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar zurück, der die Vernichtung aller bildlichen Darstellungen in Afghanistan anordnete, da sie mit dem Islam unvereinbar seien. Der Bildersturm hat in der ganzen Welt Entsetzen und Entrüstung ausgelöst. Sogar islamische Länder verurteilten den Angriff auf die Statuen - darunter auch Pakistan, der engste Verbündete der Taliban. Mehrere Bemühungen zur Rettung des wertvollen Kulturerbes waren gescheitert.

Die beiden Buddha-Statuen in Bamiyan, 125 Kilometer westlich von Kabul, sind 36 und 53 Meter hoch und stammen aus dem dritten und fünften Jahrhundert. Letztere gilt als die weltweit größte Darstellung eines stehenden Buddhas. Die Figuren gehörten zu einer Klosteranlage, die bis zum achten Jahrhundert existierte; die Gegend wurde erst im elften Jahrhundert islamisiert. Im afghanischen Bürgerkrieg waren die Statuen bereits durch Artilleriefeuer beschädigt worden.

Hilflose Unesco

Die UNESCO entsandte den früheren französischen Botschafter in Pakistan, Pierre Lafrance, nach Afghanistan. Wie die private afghanische Nachrichtenagentur AIP meldete, traf Pierre Lafrance in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad den Taliban- Botschafter Mullah Abdul Salam Zaif und verlangte einen Stopp des Zerstörungswerkes.

Am Sonntag will Lafrance nach Kandahar in Süd-Afghanistan reisen, um beim Taliban-Außenminister Wakil Ahmad Mutawakil zu protestieren. Lafrance war vom Generaldirektor der UN-Kulturorganisation Unesco, Koichiro Matsuura, mit der Mission beauftragt worden.

Das Regime, das fast ganz Afghanistan beherrscht, war schon immer isoliert. Es wurde - außer von Pakistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien - nie als Regierung Afghanistans anerkannt. In den Vereinten Nationen wird das Land am Hindukusch immer noch von den Gesandten des vertriebenen Präsidenten Burhanuddin Rabbani repräsentiert. Die hungernde Bevölkerung erhält nur Nothilfe, zum Wiederaufbau des Landes will niemand den Taliban die Hand reichen, weil sie sich durch ihre Menschenrechtsverletzungen disqualifiziert haben.

Selbst die Ziehväter der Taliban sind entsetzt

Taliban-Anführer Mullah Mohammad Omar beruft sich bei seiner Entscheidung, buddhistische Statuen zerstören zu lassen, zwar auf seine geistlichen Ratgeber. "Wir schätzen den Islam höher als alles sonst. Ich bin gezwungen, islamische Prinzipien umzusetzen", sagte Omar. Auf die Frage, warum er gerade jetzt Kulturgüter vernichtet, die er Jahre lang unangetastet ließ, verweisen viele Beobachter jedoch auf die Frustration mancher Taliban über ihre Isolation.

Die könnte jetzt sogar in der islamischen Welt noch zunehmen. Selbst die geistigen Ziehväter der Taliban sind entsetzt. "Ich habe ihnen geraten, nichts zu überstürzen und auch islamische Gelehrte in anderen Ländern zu konsultieren", sagte Samiul Haq vom Madrasa Haqqania in Pakistan, einer Islamschule, an der auch viele Taliban studiert haben. Die Vizepräsidentin des indischen Oberhauses, Najma Heptulla, eine Moslemin, bezeichnete den Bildersturm der Taliban als "Besudelung im Namen des Islam".

Experten glauben, dass die Entscheidung zur Zerstörung der Buddhastatuen auch unter den Taliban nicht unumstritten ist. Hinter der "Fatwa", dem religiösen Urteil, auf das sich Omar beruft, steckten Leute, die Afghanistan weiter isolieren wollten, während liberalere Taliban wie Außenminister Wakil Ahmed Mutawakil eher auf eine Öffnung gegenüber dem Westen setzten.

Was Diplomaten raten

Schon seit Jahren bieten die Taliban beispielsweise den USA an, über die Auslieferung Ibn Ladins zu reden. Sie verlangen Beweise und offizielle Kontakte. Dass solche Gesprächsangebote nie genutzt wurden, halten auch manche westliche Diplomaten für einen Fehler.

Einig sind sich alle Beobachter, dass nun Kreativität gefragt sei. Mit Drohungen seien die Taliban ganz sicher nicht von der Zerstörung der Kulturgüter abzuhalten.

Ob Angebote wie die Indiens und des Metropolitan Museums in New York, die Statuen zu übernehmen, weiterhelfen, halten viele allerdings auch für fraglich. "Vor dieser Krise und im Stillen wäre das eine Option gewesen, aber nach der Entscheidung Omars gibt es kaum ein Zurück", meinte ein Kenner der Taliban in Pakistan.



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