Revolutionsanalyse "Rechte imitieren die Revolte"

Es gibt eine Rückkehr des Faschismus, meint die Autorin Bini Adamczyk. Der revolutionäre Gestus der neuen Rechten sei aber nur vorgeschoben. Die sinnvolle Reaktion auf den Rechtsruck? Wut, keine Furcht.

68er-Demo in München
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68er-Demo in München

Ein Interview von


Zur Person
    Bini Adamczak, arbeitet als Autorin und Künstlerin in Berlin. 2004 erschien "Kommunismus. Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird" (Unrast Verlag), dessen englische Übersetzung 2017 einen Shitstorm in der US-Rechten auslöste.

SPIEGEL ONLINE: Frau Adamczak, welches Erbe hat uns die 68er-Bewegung hinterlassen?

Bini Adamczak: Die 68er-Bewegung war sehr erfolgreich, aber nicht siegreich. Sie hat viele gesellschaftliche Veränderungen erkämpft, konnte aber weder Staat noch Kapital entmachten. Deswegen ist unsere heutige Wirklichkeit nicht unmittelbar das, was die Achtundsechziger gewollt haben. Es ist ein Mischverhältnis - und das kann natürlich unglücklich ausfallen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit konkret?

Adamczak: Die Achtundsechziger haben etwa gegen das lebenslange Arbeiten in einem Lohnarbeitsverhältnis gekämpft. Stattdessen wollten sie eine selbstbestimmte Arbeitszeit. Damit war aber natürlich nicht gemeint, dass die Leute zwar selbst entscheiden können, ob sie morgens, nachts oder am Wochenende arbeiten wollen, aber die Deadline weiter von ihrer Chefin gesetzt wird. Hier verdreht sich Selbstbestimmung zur Selbstausbeutung.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Beziehungsweise Revolution" vergleichen Sie 1968 und 1917.

Adamczak: Die Revolutionswellen sind zunächst sehr ähnlich, beide wollten zum Beispiel die Trennung der Menschen in zwei Geschlechter aufheben. Allerdings in entgegengesetzte Richtungen.

SPEIGEL ONLINE: Was heißt das?

Adamczak 1917 ging es darum, die Familie abzuschaffen. Sämtliche Tätigkeiten, die vorher in der Familie verrichtet wurden, wie die Erziehung von Kindern, Sorge um Kranke, Herstellung und Zubereitung von Lebensmitteln, Saubermachen, Sexualität wurden neu organisiert. In dem Moment, wo all diese Aufgaben von großen gesellschaftlichen Institutionen übernommen werden, wird die Familie überflüssig - sie stirbt ab und damit auch die Spaltung der Gesellschaft in Öffentlichkeit und Privatheit. Damit wäre dann die Geschlechtertrennung und Ausbeutung überwunden.

SPEIGEL ONLINE: Und diese Idee findet sich auch bei der 68er-Bewegung?

Adamczak: Nein, mit der zweiten Frauenbewegung wird die Idee, dass die anzustrebende Gleichheit eine Gleichheit mit Männern sein soll, infrage gestellt. Es kommt zu einer Feminisierung der Gesellschaft, einer Aufwertung der Konsumsphäre, das geht bis in die Lohnarbeitsverhältnisse, aber auch in die Körper und die Pflege hinein. Gleichzeitig kommt es in den Jahrzehnten nach 1968 zu einer Vervielfältigung von Geschlechtern, weswegen wir sagen können: Die Utopie von 1917 war eine Welt ohne Geschlecht. Die Utopie von 1968 ist eine Welt von unzählig vielen Geschlechtern. Das ist heute Realität geworden.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt doch erstmal nach einem Erfolg.

Adamczak: Einerseits ja. Aber andererseits gab es eine feindliche Übernahme des Erbes von 1968, und zwar durch den Neoliberalismus. Das hat zu immer weiteren Spaltungen der Gesellschaft geführt.Die Kritik an dieser Vereinzelung der Menschen kann jedoch auch eine reaktionäre Form annehmen. Gegenwärtig erleben wir, wie eine faschistische Antwort auf diese neoliberale Situation der Singularisierung erstarkt.

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SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass wir uns derzeit vor einem neuen faschistischen Angriff fürchten müssten?

Adamczak: Im Kapitalismus sind unsere sozialen Beziehungen durch eine grundsätzliche Unsicherheit oder Prekarisierung geprägt. Das hat sich mit dem Neoliberalismus wieder verschärft und ist seit der Weltwirtschaftskrise offenkundig geworden. Die Rechte reagiert darauf, indem sie behauptet, gegen den Neoliberalismus zu kämpfen. Inhaltlich ist diese Rechte aber komplett unkreativ und alles andere als rebellisch. Alle Leute, gegen die sie kämpft, sind ohnehin schon von der bürgerlichen Gesellschaft als Feinde, als Verliererinnen, als Unterdrückte auserkoren - seien es Wohnungslose, Geflüchtete oder Menschen, die wegen Sexualität oder Geschlecht diskriminiert werden. Die Rechten sagen: Wir können euren Lebensstandard sichern, wenn ihr euch mit uns verbündet gegen die, denen es noch schlechter geht. Tatsächlich gibt es unbestreitbar eine Rückkehr des europäischen Faschismus. Eine sinnvolle Reaktion darauf wäre nicht vor allem Furcht, sondern Wut.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir uns die Wahlergebnisse der letzten Jahre anschauen, scheint dieses Versprechen der Rechten zu funktionieren.

Adamczak: Die Funktion der faschistischen Bewegung ist, das Unbehagen in der Gesellschaft aufzugreifen und ihm die Form einer konformistischen Revolte zu geben. Die Rechte tut so, als wäre sie gegen das Establishment gerichtet und wolle eine Revolution. Aber sie imitiert die Revolte nur.

Anti-Vietnam-Krieg-Demo in Washington, 1967.
DPA

Anti-Vietnam-Krieg-Demo in Washington, 1967.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Adamczak: Die Rechten kritisieren Kindesmissbrauch, aber nur dann, wenn er von Schwulen ausgeht. Sie kritisieren das Patriarchat, aber nur, wenn es von Muslimen ausgeübt wird. Sie kritisieren kapitalistische Ausbeutung, aber nur, wenn die Unternehmen zufälligerweise von Juden oder von Ausländern geleitet werden. Sie formulieren eine scheinbare Kritik der Herrschaft, die dazu dient, die Herrschaft aufrechtzuerhalten und noch auszudehnen.

SPIEGEL ONLINE: Und welches Angebot hat die Linke parat?

Adamczak: Ein Universelles, das sagt, wir ziehen die Linien der Zugehörigkeit nicht gegenüber solchen, die schwächer sind, die noch schlechter dran sind. Stattdessen fragt sie nach den tatsächlichen Ursachen der Misere: Es waren ja keine Geflüchteten, die Hartz IV eingeführt haben. Die Fragen sind also: Woher kommt die Angst? Woher kommt das Leiden? Was führt zur Verarmung unserer Lebenswelten? Das Angebot der Linken besteht nicht in nationaler Loyalität, sondern in universeller Solidarität. Es geht weder darum, sich individuell durchzuwurschteln, noch darum, sich in einer nationalen Gang gegen andere Nationen zusammenzuschließen. Sondern darum, unsere Lebensbedingungen gemeinsam anzueignen. Also nicht jede gegen jede, sondern alle mit allen.

SPIEGEL ONLINE: Da würden viele widersprechen. Sowohl links und rechts wollen ja den Umsturz, die Revolution.

Adamczak: Der historische Faschismus ließ die Eigentumsverhältnisse weitgehend unangetastet und eine Partei wie die AfD will noch nicht mal Hartz IV abschaffen. Die Fraktionen der Rechten, die behaupten gegen das "Establishment" oder gar gegen das "System" zu sein, wollen Revolution nur als Form - wenn auch lieber aufseiten der Staatsmacht als gegen sie. Inhaltlich kommt der Faschismus aber aus den Tiefen der kapitalistischen Gesellschaft. Er will nur den Konkurrenzkampf der Individuen in einen Konkurrenzkampf der Nationen und angeblichen "Rassen" verwandeln, mit mörderischen Mitteln.

SPIEGEL ONLINE: Und außerhalb der Rechten?

Adamczak: Unser vorherrschendes Bild von Revolution ist das eines bewaffneten Massenauflaufs der zum Staatssturz führt. Dieses Bild verbindet sich nicht zuletzt mit der Französischen und der Russischen Revolution. Die aktuelle Forschung zeigt, dass dieses Bild bereits für die historischen Revolutionen nicht stimmt: Sie sind viel vielfältiger und widersprüchlicher. Meine These ist, dass es in emanzipatorischen Revolutionen weder darum geht, das Individuum zu befreien, noch den Staat zu erobern, sondern darum, die sozialen Beziehungen zu verändern: von Beziehungen der Konkurrenz zu Beziehungen der Kooperation und Solidarität. Das Spektakel um die Staatsgewalt lenkt vom Wesentlichen ab.



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