Bios letzter Talk "Köstlich, köstlich, wunderbar!"

Alfred Biolek hat Schluss gemacht, Alfred Biolek macht weiter. Der dienstälteste und beliebteste deutsche Talk-Master feiert seinen Abschied vom Boulevard, gibt aber den Kochlöffel noch lange nicht ab.
Von Henryk M. Broder

Von wegen: Es tut sich nichts in der Republik, alle Räder stehen still, keiner wagt mehr was, der Reformstau drückt den Menschen aufs Gemüt. Das Gegenteil ist wahr. Dieter Bohlen und Thomas Anders haben ihre Scheidung erklärt, jeder will jetzt eigene Wege gehen, "Bild" und Viva verlosen Superstar Küblböck ("Holt euch Daniel ins Bett!"), und Alfred Biolek, der Großmeister des Kuschel-Talks, tritt ab, um einer Nachwuchskraft eine Chance zu geben. Zumindest im Show-Business kann von einem Reformstau keine Rede sein, da ist die wilde Wutz los.

Gestern also ging die Ära Bio zu Ende. Und wie immer, wenn eine historische Zäsur vor der Tür steht, hatte man sich etwas Besonderes ausgedacht, eine "Trilogie des Abschieds" unter dem Titel "Glaube, Liebe, Hoffnung", damit es ein Abschied auf Raten wird. "Sag beim Abschied leise Servus" wäre auch ein schönes Motto gewesen, aber das hätte nur einen Einteiler hergegeben.

Nach "Glaube" und "Liebe" war nun "Hoffnung" an der Reihe, und da war es ganz klar, dass Verona Feldbusch eingeladen werden musste, die gerade guter Hoffnung ist. "Sagt man das immer noch so?", fragte Biolek mit gespielter Unschuld, und "die werdende Mama" antwortete mit einem stolzen "Ja!".

Vorher aber wurde Barbara Becker über ihr entbehrungsreiches Leben auf einer Arme-Leute-Insel vor der Küste Floridas ausgefragt, wo es "keine Milch, kein Brot und keinen Zucker" zu kaufen gibt, die Fähre zum Festland als "Brücke in das wahre Leben" dient und "der ganze Rassismus ein komplett anderer" als in Deutschland ist. Doch das war es nicht, worüber Barbara Becker sprechen wollte und sollte. Ihr Thema, mit dem sie sich einen Platz in der Hall of Fame erkämpft hat, ist die "Trennung von Boris" und die war für sie "ein Schock" gewesen.

Obwohl wir das schon ein paar Mal gehört haben, tat Biolek so, als sei er überrascht, was es alles im wahren Leben geben würde. "Wie bist du damit umgegangen?", fragte er im perfekten Selbsterfahrungsgruppen-Deutsch und wollte anschließend wissen: "Wie geht es dir heute?" "Immer besser!", antwortete die Mutter zweier Söhne, worauf Biolek erleichtert aufatmete und sich echt was traute: "Gibt es Momente, wo du dich nach dem alten Leben sehnst?"

"Köstlich, köstlich!"

Zum Schluss wurde es dann sehr privat. "Du hast einen Freund?" "Ja." "Wunderbar!", freute sich Bio, als wäre ihm eine große Sorge von der Seele genommen. Nun ist Biolek niemand, von dem man investigative Härte erwartet. Was wir an ihm schätzen, ist die Leichtfüßigkeit, mit der er auftritt, die Höflichkeit, die er praktiziert, und die Oberflächlichkeit, die er verkörpert. Er ist die Antithese zu Friedman, dem Wadenbeißer, und das Vorbild, das Beckmann und Kerner nie erreichen werden.

Biolek lacht über seine eigenen Pointen, ruft "köstlich, köstlich!", wenn einem Gast ein Witz gelingt, und schlägt sich begeistert auf die Schenkel, um die Gäste mit seiner guten Laune anzustecken. Er ist der "elder statesmen" unter den Plaudertaschen, sozusagen der Johannes Rau unter den Talk-Mastern. Das alles spricht für ihn, dennoch wären wir ihm dankbar gewesen, wenn er auf seine liebe Art Barbara Becker eine klitzekleine Frage über die Höhe ihrer monatlichen Apanage gestellt oder die junge Frau statt nach dem Verhältnis zu ihren Eltern danach gefragt hätte, wovon sie heute lebt und ob sie sich arg einschränken muss.

Aber so was liegt ihm nicht, es könnte als ein Eingriff in die Privatsphäre empfunden werden. Da fragt er lieber Verona Feldbusch, die sich wie eine "Carmen" aufgetakelt hat, ob sie "saure Gurken mit Eis" essen und "dazu Malzbier" trinken würde und ob die Schwangerschaft "überraschend" gekommen sei wie ein Gewitter nach einem heißen Sommertag. Denn irgendwie so muss es gewesen sein. "Frau Feldbusch, Sie sind schwanger", habe ihr die Ärztin gesagt, worauf Verona, schlagfertig wie immer, geantwortet habe: "Das geht nicht, ich habe eben einen Hund bekommen."

Doch inzwischen ist das Baby ("Es wird ein kleiner Junge") sehr willkommen, denn auch "die Werbepartner haben die Schwangerschaft begrüßt". Sie macht eben das Beste aus jeder Lage, zurzeit ist Verona dabei, ein Buch zu schreiben, das "Der kleine Feldbusch" heißen soll. Ganz bestimmt wird es ein Bestseller, wie schon die Bücher von Dieter Bohlen, Stefan Effenberg und Alfred Biolek.

Freilich: Glamour, Sex und Kreißsaalromantik sind nicht genug, da muss noch etwas anderes her, das die Menschen beeindruckt: Schicksal und soziales Engagement; deswegen hatte Bio außer Barbara und Verona auch noch den Sänger Thomas Quasthoff, dessen Mutter während der Schwangerschaft Contergan genommen hatte, und zwei junge Afrikaner, die in der Aids-Vorsorge arbeiten, eingeladen. Es war, Talkshow-technisch gesehen, der ideale Mix und ein perfekter Abgang für den Gastgeber. Nächste Woche gibt es noch eine kleine Zugabe: Hans-Jürgen Rosenbauer im abschließenden Gespräch mit Alfred Biolek. Und dann ist endgültig Schluss, dann gibt es Biolek nur noch bei "Alfredissimo!" zu sehen, 40-mal im Jahr, überall in der ARD. Kochend, schmeckend und schmatzend und wie immer von Promis umnebelt.

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