Blogger kapituliert vor Rechten "Im Moment bin ich verstummt"

Seine Familie wird massiv bedroht, aus Angst will der Blogger Heinrich Schmitz nun keine politischen Texte mehr schreiben. Auch er fordert den "Aufstand der Anständigen". Warum das kein Widerspruch ist, erklärt er hier.

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt und Blogger. Für das eingestellte Debattenmagazin "The European" schrieb er in seiner Kolumne "Recht klar" über rechts- und gesellschaftspolitische Themen. Seit 1987 führt er in Euskirchen zusammen mit einem Partner eine Anwaltskanzlei.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmitz, Sie haben einen Text veröffentlicht, den Sie "Eine Kapitulationserklärung"  nennen. Darin haben Sie angekündigt, wegen Drohungen aus dem rechten Lager nicht mehr über politische Themen schreiben zu wollen. Was ist passiert?

Heinrich Schmitz: Ich war mit meiner Frau unterwegs, als sie einen Anruf bekam. Eine Polizistin wollte wissen, ob Frau Schmitz am Apparat sei. Einsatzkräfte seien gerade in unserem Haus, um ihre Leiche zu suchen. Offenbar hat jemand bei der Polizei angerufen, so getan, als sei er ich und behauptet, ich hätte meine Frau ermordet. Ein wirklich perfider Plan.

SPIEGEL ONLINE: Warum gehen Sie davon aus, dass der Täter aus dem rechtsradikalen Spektrum kommt?

Schmitz: Das war schnell klar. Vor zwei Wochen hatte ein Student eine Petition bei change.org gestartet. Anlass dafür war mein Text "Friede, Freude, Freital?",  in dem ich schrieb, dass der Gesetzgeber sehr wohl das Demonstrationsrecht dahingehend einschränken könnte, dass Ausländerfeinde nicht vor Asylbewerberheimen protestieren dürften. Der Student hat dann ein solches Demonstrationsverbot gefordert; er hatte nach vier Tagen schon 40.000 Unterstützer. Doch plötzlich war die Petition offline. Ich erfuhr, dass er von einem Mann angerufen worden war, der damit drohte, die "neue SS" würde seine Eltern und Geschwister umbringen. Der Täter kannte sogar deren Namen und Adressen.

SPIEGEL ONLINE: Was wurde dann aus der Petition ?

Schmitz: Wir konnten die relativ anonym als Initiative #HeimeOhneHass übernehmen. Ein Text von mir war allerdings in der Einleitung verlinkt, das führte zu mir.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie damit gerechnet, auch bedroht zu werden?

Schmitz: Nein, absolut nicht. Ich habe einen beständigen "Fanclub" von bösartigen Leserbriefschreibern. Beschimpfungen, Beleidigungen, Häme, das kenne ich. Aber mit einer persönlichen Bedrohung habe ich nicht gerechnet.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, Ihre erste Reaktion sei ein "Jetzt erst recht!" gewesen, davon sind Sie aber wieder abgerückt. Warum?

Schmitz: Ich habe lange darüber nachgedacht. Wenn ich ein allein lebender Mensch ohne Familie gewesen wäre, dann wäre ich das Risiko eingegangen. Aber ich habe gesehen, wie es meine Frau und meine Tochter belastet hat. Inzwischen sind noch zwei Freundinnen von mir ebenfalls telefonisch und per E-Mail bedroht und beleidigt worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem anderen Kolumnen-Beitrag  geschrieben, dass ein Einknicken vor Drohungen dem Verbrecher eine Genugtuung verschaffe. Nun handeln Sie selbst so. Hat sich Ihre Meinung geändert?

Schmitz: Eigentlich nicht. Derjenige, der das gemacht hat, wird sicherlich eine Form der Genugtuung empfinden, weil ich jetzt keine politischen Texte mehr schreiben werde. Ich denke aber auch, dass meine "Kapitulationserklärung" gleichzeitig einen neuen Schub in die Debatte gebracht hat. Ich hoffe nur, dass dieser vielfach beschworene "Aufstand der Anständigen" jetzt bald losgeht.

SPIEGEL ONLINE: Anja Reschke hat in ihrem ARD-Kommentar  nicht nur den "Aufstand der Anständigen" gefordert, sondern auch vor einer verstummten Mehrheit gewarnt. Gehören Sie jetzt dazu?

Schmitz: Im Moment bin ich verstummt, um meine Familie zu schützen. Ich habe mir zwei Jahre lang Mühe gegeben, gegen diese Entwicklung anzuschreiben. Ich habe erst einmal meinen Teil getan. Jetzt sind die dran, die auf dem Sofa gesessen haben. Wenn die sagen, sie stehen auf und mischen sich ein, wären wir schon ein Stück weiter. Oder sie sagen: "Ich bleibe weiter hinter der Gardine stehen". Da kann ich nur sagen: Wenn ihr gerne in Angst und Schrecken leben wollt, was seid ihr dann für ein Volk?

SPIEGEL ONLINE: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass jetzt ein breiter Widerstand einsetzt?

Schmitz: Ich fürchte, die Reaktionen werden wieder abebben. Ich glaube nicht, dass sich genug Leute aus der Mitte diesem Extremismus entgegenstellen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise haben Sie einigen durch Ihre öffentliche Kapitulation den Mut genommen.

Schmitz: Ich glaube, dass ich die Leute mehr motiviert als demotiviert habe. Vielleicht ist es so, dass jetzt andere sagen: "Ey, wenn der Schmitz schon die Schnauze hält, der sich in jede Diskussion reingeschmissen hat, wo führt das hin? Da müssen wir jetzt weiter machen."

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich abseits der Texte noch weiter engagieren?

Schmitz: Ich werde mich hier in einem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge einbringen. Und ich werde Menschen mit entsprechenden Problemen vertreten, ich bin ja nicht nur Kolumnist, sondern auch Anwalt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten nicht mehr über politische Themen schreiben, nun haben Sie mit mir doch darüber gesprochen. Warum?

Schmitz: Die Öffentlichkeit schützt. Wenn ich Samstag vor einer Woche niedergestochen worden wäre, wäre das vielleicht im Lokalteil eine kleine Meldung gewesen. Wenn mir jetzt etwas zustößt, ist das Echo größer. Vor einem Irren kann mich aber niemand schützen.