Blüm & Sodann Weihestunde im Seniorenstadl

Der Ex-Arbeitsminister (West) stand mit dem Tatort-Kommissar (Ost) in Berlin auf der Bühne: Eine Premiere, die, nun ja, alle Kategorien sprengt. Am Ende jedenfalls singt man gemeinsam "Der Mond ist aufgegangen" - alle sieben Strophen.

Von Reinhard Mohr


Es gibt Dinge, die man selbst gesehen haben muss. Man würde sie sonst nicht glauben. Der meist recht flüssige Wortfindungsprozess stockt ja nicht nur bei schwerem Liebeskummer, fristloser Kündigung und im Bierzelt auf der Münchner "Wies’n", sondern zuweilen auch beim Schreiben über einen Abend im Theater, für den es eigentlich keine Worte gibt. Nicht einmal eine Genrebezeichnung, eine ungefähre Eingrenzung dessen, was auf der Bühne passiert ist, eine Definition. Zurück bleibt nur ein taubes Gefühl und der dringende Wunsch, schnell an ein gutes Glas Weißwein zu kommen.

Norbert Blüm (l.) und Peter Sodann, als Kommissar Ehrlicher bekannt: Es geht um alles - und nichts.
DPA

Norbert Blüm (l.) und Peter Sodann, als Kommissar Ehrlicher bekannt: Es geht um alles - und nichts.

Die Deutschlandpremiere von "Blüm & Sodann" gestern Abend im Berliner Admiralspalast an der Friedrichstraße, direkt gegenüber dem ehemaligen Grenzkontrollpunkt der DDR – im Volksmund "Tränenpalast" genannt –, ist ein solcher Fall.

War das nun ein Seniorenstadl mit Weiterbildungsmöglichkeit?

Eine Rentner-Performance? Altherrenkabarett? Die Muppets-Show für Arme und Alte? Eine Maßnahme der Arbeitsagentur für Arbeit? Die Rache für Hartz IV? Marianne & Michael reloaded? Eine Thomas-Bernhard-Travestie à la "Herr Blüm und Herr Sodann langweilen sich und gehen auf die Bühne, um sich die Zeit zu vertreiben?" Oder einfach nur die erste bittere Konsequenz der demographischen Katastrophe?

Auch die Veranstalter, die merkwürdig im Hintergrund bleiben, konnten sich offenbar nicht so recht entscheiden. Hieß es im Presseheft noch, es handle sich bei den rund zweistündigen Darbietungen von Norbert Blüm, 72, Arbeits- und Sozialminister unter Helmut Kohl, und Peter Sodann, 71, Schauspieler und "Tatort"-Kommissar aus Halle, um eine "Ost-West Varieté Show", so versprachen die Plakate gar einen handfesten "Ost-West-Schlagabtausch". Und einen "Heimatabend" obendrein.

So verwirrt man gerade die Älteren unter uns. Wer weiter las, musste freilich schon Ungutes befürchten.

"Wir möchten selbst unbequeme Wahrheiten mit Heiterkeit zum Vortrag bringen", bekennt da Norbert Blüm, der durch seinen historischen Satz "Die Renten sind sischä!" längst in den Olymp des Humorstandorts Deutschland eingezogen ist. Peter Sodann, tatsächlich einer der besten "Tatort"-Kommissare, ergänzt: "Für billige Comedy mit Altmännerwitzen stehen wir noch viel zu sehr im richtigen Leben." Da kommt also noch was auf uns zu.

Das Schönste aber: "Wir werden gemeinsam singen!" Und wirklich, sie haben es getan. Am Ende stehen Norbert Blüm und Peter Sodann Hand in Hand auf der Bühne und singen alle sieben Strophen von Matthias Claudius’ "Der Mond ist aufgegangen".

Ein "Widerstandslied" gegen den kalten Zeitgeist.

Großer Beifall, Standing Ovations, und die bange Frage im schön restaurierten Raum: Was war das denn, bitteschön?

Ein Abend für die Gemeinde Ost

Wir haben drüber geschlafen und uns darauf geeinigt: Es war eine Messe, ein Gottesdienst, eine Weihestunde der Wohlmeinenden, ein Abend für die Gemeinde. Hinzuzufügen ist: Für die Gemeinde Ost.

Denn selten hat man erlebt, dass der Beifall sich, nach wenigen Minuten ideologisch exakt vorhersehbar, etwa im Verhältnis 90:10 (Ost:West) verteilt.

Wenn Norbert Blüm in der Melodie von "Die Gedanken sind frei" variiert: "Die Banken sind frei", dann jubelt das Publikum. Ja. Genau. So isses. Recht hat der alte Mann. Wenn Peter Sodann sich darüber erregt, dass in den Augen der Wessis die DDR nur "ein einziges Gefangenlager" war, dann prasselt der Beifall wie warmer Regen auf die geschundene Ostseele. Und wenn Norbert Blüm, selten genug, doch einmal ein kritisches Wort über die DDR verliert, dann bleiben die Hände im Schoß. Das gehört nicht hierher. Das passt nicht zum Gemeindeabend.

So fällt der "Schlagabtausch" aus. Stattdessen predigen der "Herz-Jesu-Marxist" Blüm und der "betende Kommunist" Sodann gemeinsam gegen die Herrschaft des Kapitals, gegen Bankenmacht, US-Krieg und "soziale Kälte".

Sozial oder nicht sozial – das ist hier keine Frage.

Der äußerst schüttere inszenatorische Rahmen hält das Leipziger Allerlei aus Anekdoten, Liedern, Gedichten, abgelesenen Texten, Dialogen, Witzen und Kurzandachten ungefähr so stabil zusammen wie ein Windbeutel, der ins Seniorenschwimmbecken gefallen ist.

Im Jahre 2027 treffen sich die beiden "Zweiundneunzigjährigen", am Gehwägelchen auf die Bühne schlurfend, in der "Wiederaufbereitungsanlage für Unjunge", wo sie unter Aufsicht eines strengen Wärters, der zugleich noch das Klavier bedient, dem Arbeitsmarkt wieder zugänglich gemacht werden sollen – und sei es zum "Minenräumen im Großraum Islamabad".

Bundeskanzler Ackermann und das "Vater unser"

Das Grundgesetz, klar, ist längst abgeschafft, und "Bundeskanzler Ackermann" sorgt für die rücksichtslose Durchsetzung der Profitinteressen allüberall. "Soziale Gerechtigkeit" ist nur noch eine ferne Erinnerung und das Lesen aus der Bergpredigt strikt verboten. Also zitieren die beiden guten Menschen, jeder an seinem Tischlein, aus der Bergpredigt und dem Grundgesetz.

Aus unerfindlichen Gründen hat ein gewisser Stefan Aust in einem flammenden SPIEGEL-Kommentar sogar "Der Mond ist aufgegangen" auf den virtuellen Index gesetzt, angeblich wegen der darin zum Ausdruck kommenden "falsch verstandenen Hilfsbereitschaft".

Dafür kommt "Onkel Adolf", Blüms echter kommunistischer Onkel aus alten Zeiten, zu höchsten Ehren. Man schwelgt in Erinnerungen und nutzt die Gelegenheit, dem einen oder anderen Zeitgenossen eins auszuwischen. Aber ach, vor allem nach der Pause fällt die amateurhafte Pseudo-Dramaturgie des Abends völlig in sich zusammen. Mal rezitiert Sodann den DDR-Staatsdichter Johannes R. Becher, mal berichtet Blüm von seinem Besuch beim chilenischen Diktator Pinochet (ein Besuch, der damals tatsächlich mutig war), mal trägt Sodann seine Rede vor den Anti-Irakkriegs-Demonstranten in Berlin 2002 vor und zitiert aus seinem Briefwechsel mit dem Stadtrat von Halle. Es geht um Theaterschließungen und die Rente, um dumme Talkshows – in denen beide freilich sonst gerne auftreten – und Verkehrsschilder in Ost und West (im Bühnenbild hängt je ein "Wildwechsel"-Warnschild Marke BRD und DDR).

Kurz: Es geht um alles und nichts. Wenn es überhaupt irgendeinen einen roten Faden geben sollte, dann besteht er aus einem Ressentiment: Die Guten gegen die Bösen. Gut ist die Moral, böse das Kapital. Gut ist links, böse ist rechts.

Das klare Weltbild ist des Menschen Himmelreich.

Gegen Schluss aber, wie sollte es in einer Messe anders sein, geht es um den lieben Gott. Und der ist "kein Hampelmann", wie Blüm weiß. "Was wär’, wenn Gott ein Berber wär?" fragt der singende Ex-Arbeitsminister, und "Tatort"-Kommissar Sodann alias Bruno Ehrlicher antwortet mit dem Gebet der Gebete: Er spricht das "Vaterunser". Norbert Blüm nimmt die Schiebermütze ab, und das Publikum murmelt halblaut mit:

"Vater unser im Himmel/ Geheiligt werde Dein Name..."

Sie glauben es nicht? Schauen Sie selbst.

Blüm & Sodann gehen auf Tournee durch 30 deutsche Städte.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.