Geschichte der Popkultur Als der Polizeireporter zum Konzert musste

Der Berliner Historiker Bodo Mrozek hat eine Popgeschichte der Jahre 1956 bis 1966 geschrieben. Sein Buch beschreibt den sozialen Aufstieg von Popkultur - und erinnert in vielem an die Gegenwart.

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Ein Interview von Tobi Müller


Zur Person
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    Bodo Mrozek, 1968 in Berlin geboren, ist Historiker. Zurzeit ist er Fellow am Berlin Center for Cold War Studies des Instituts für Zeitgeschichte München (IfZ) und assoziiert am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF). Mrozek vertrat die Professur für Theorie und Geschichte der Populären Musik an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Mitherausgeber einer zweibändigen Popgeschichte (Transcript 2014). Für SPIEGEL ONLINE schrieb er eine Kolumne über Begriffsgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mrozek, 1959 gab es in Berlin-Wedding Krawalle sogenannter Halbstarker, die Mopeds fuhren. Die Tageszeitung "Die Welt" forderte, die Mopeds zu konfiszieren. Der Bezirksbürgermeister war klüger und versprach einen Jugend-Treffpunkt mit Jukebox zu schaffen. Ist die Geschichte der Popkultur eine Geschichte ihrer Zähmung?

Bodo Mrozek: Es ist in jedem Fall die Geschichte einer schwierigen Etablierung. Die Ursprünge des Pop liegen in der Kriminalisierung von Kultur. Bis weit in die Sechzigerjahre hinein dachte man, dass Klänge abweichendes Verhalten auslösen. Man glaubte deshalb, über Musik auch das Verhalten von Jugendlichen ändern zu können: Mal setzte man sie als "Ventil" ein; mal wollte man sie gleich ganz verbieten. Heute sind wir vergleichsweise tolerant geworden. Wir skandalisieren noch Texte, aber nicht mehr abweichende Kleidungsstile oder Sounds.

SPIEGEL ONLINE: Die "Halbstarken" waren Arbeiterkinder, die Etablierung von Pop in Mode und Design spielte sich später in der Mittelschicht ab. Wie verhält es sich heute, wenn viele davon ausgehen, dass die Unterschicht sexistischen Hip-Hop hört, während die Mittelschicht Bart trägt und achtsamen Elektro kauft?

Mrozek: Hip-Hop bleibt nicht auf die Unterschicht beschränkt. Und Aufmerksamkeit erregen nur noch Überschreitungen der Sexualmoral oder wenn zu Gewalt aufgerufen wird. Ansonsten haben wir heute mit Hip-Hop kein Problem mehr. Aber mir geht es nicht darum, die Geschichte einer geglückten Liberalisierung zu erzählen. Es handelt sich vielmehr um ein stetes Wechselspiel zwischen Abweichung und Normalisierung. Heute geht das soweit, dass ekstatisches Tanzen, einstmals geächtet, sogar einen Zwang darstellen kann. Zum Konzert von Bill Haley schickte man noch den Polizeireporter, nicht den Kulturberichterstatter. Doch heute fühlen sich Arbeitnehmende verpflichtet, zur Afterwork-Party zu gehen, weil die Firma das gerne sieht und von der richtigen Popkompetenz Karrierechancen abhängen können.

SPIEGEL ONLINE: Lärm spielt noch heute eine Rolle, wenn Clubs aus Wohngegenden verdrängt werden. Und Hoodies, also für Hip-Hop typische Kapuzenpullis, führen zu vermehrten Kontrollen, oft verbunden mit Hautfarbe.

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Pop-Historie: Als der Rock'n'Roll nach Deutschland kam

Mrozek: Die Angst vor Hoodies in vielen Staaten wird heute aber eher von Rassismus grundiert, und weniger von einer ausgeprägten Pop-Feindlichkeit. Und die neu zugezogenen Bewohner von Berlin-Prenzlauer Berg, die gegen Clubs agitieren, wollen die Clubkultur zwar nicht vor ihrer Haustür haben, sie aber nicht gänzlich abschaffen. Die gehen selber auch gerne mal tanzen, aber bitte woanders. Das ist der große Unterschied zu damals, als die Ablehnung total war. Das Max-Planck-Institut fand Mitte der Sechziger heraus, das Goldfische auf Musik mit einem veränderten Herzschlag reagieren. Und sofort geisterte die These vom "plötzlichen Musiktod" durch die Presse. Mir begegnete ein Artikel darüber in den Archiven der Stasi, mit heftigen Anstreichungen. In der DDR wurden 1965 dann tatsächlich Bands zwangsaufgelöst.

SPIEGEL ONLINE: Das Buch folgt dem "ungeraden Jahrzehnt" von 1956 bis 1966, von einem Jugendphänomen bis zu "altersunabhängiger Popkultur". Bei Grönemeyer in der Arena und einem Elektro-Act im Club lassen sich aber schon noch Altersunterschiede feststellen.

Mrozek: Ja, Lebensalter können auch durch einen spezifischen Geschmack markiert werden. Aber der Bildungshintergrund spielt auch eine Rolle. In den Fünfzigerjahren hörten Gymnasiasten so gut wie niemals Rock'n'Roll, sondern Klassik oder Jazz, und dann auch nur den anspruchsvollen Be Bop, also Zuhör-Jazz. Dixieland war eher für die Mittelschichten, die Arbeiterschaft hörte Rock und Schlager.

SPIEGEL ONLINE: Der Untertitel Ihres Buches lautet "Eine transnationale Geschichte", Sie schwenken von beiden deutschen Staaten auch nach Frankreich, Großbritannien und die USA. Tatsächlich sind viele Popgeschichten nationalstaatlich geprägt. Was verändert Ihr Ansatz?

Mrozek: Er lenkt den Blick auf den Beitrag, den die Pop-Kultur zur Internationalisierung und Globalisierung geleistet hat. Pop-Kultur war immer international. Und das vergessen wir gerne, wenn wir heute über die Figur des internationalen Hipsters reden, der in San Francisco seinen Flat White trinkt, um dann zu behaupten, für den "einfachen", weniger gebildeten Menschen sei das zu kompliziert, der brauche eine nationalkulturelle Heimat. Mein Buch zeigt aber, dass es über Jahrzehnte vor allem die so genannten einfachen Leute waren, die die Internationalisierung vorangetrieben haben - gegen den teils heftigen Widerstand der Eliten.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist Pop als universitäres Fach sehr neu, in den Feuilletons hat es Jahrzehnte gedauert, bis sich Pop-Kritik durchsetzte. Woher kommt diese Weigerung im weltweit immerhin drittgrößten Markt für Tonträger?

Mrozek: Ich glaube, es gibt in Deutschland ein starkes Beharren auf Traditionen, auf einer Elitenkultur, die historisch hergeleitet wird. Die verspätete Nation versuchte lange, sich über die Musik zu definieren, zum Beispiel über die Männergesangsvereine oder auch die Repertoires der Opernhäuser, die sich im 19. Jahrhundert zu nationalisieren begannen. Später kommt der ausgeprägte Anti-Amerikanismus dazu, da treffen sich zwei ganz unterschiedliche Stränge: der Anti-Amerikanismus der Nazis bis 1945 sowie die Ablehnung der Massenkultur der linken Eliten in der Bundesrepublik danach, die Pop-Kultur oft synonym mit den USA gesetzt haben.

Preisabfragezeitpunkt:
18.04.2019, 02:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Bodo Mrozek
Jugend – Pop – Kultur: Eine transnationale Geschichte (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
866
Preis:
EUR 34,00

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch die Macht der von jungen Frauen geführten Fanclubs in den Fünfzigerjahren, die Druck auf die Radios gemacht haben, Rock'n'Roll zu spielen. Pop war also auch eine Schule der gesellschaftlichen Teilhabe: Gibt es heute Entsprechungen?

Mrozek: Heute ist die Durchsetzung von Musik nicht mehr notwendig, weil Pop nicht mehr der Verknappung unterliegt. Früher kam es oft zu Konflikten, wenn zum Beispiel die Jugend im Kino anfing zu tanzen - der Jugendklub war noch nicht erfunden. Und weil das Radio ihr einziger Zugang zu Musik war, mussten Jugendliche eben an die Sender schreiben. Die Crowd von heute kann sich sehr viel leichter organisieren und hat ganz andere Mittel. Fridays for Future ist ein Beispiel, wie sich Massen in einem Ausmaß organisieren lassen, wie wir es noch nicht einmal 1968 hatten. Ob die Jugend für die Artikulation ihrer Interessen aber noch den Umweg über die Pop-Kultur braucht, wird man sehen. Manches an der Popkultur des 20. Jahrhunderts gehört schon jetzt mehr der Geschichte als der Gegenwart an - auch wenn unsere globalisierte Gegenwart ohne den Beitrag der Popkultur sicher nicht die wäre, die sie heute ist.



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