Börne-Preis für Alice Schwarzer Sturmgeschütz, ausgezeichnet

Deutschlands prominenteste Feministin hat den Börne-Preis bekommen, Harald Schmidt trat als Laudator auf. In ihrer Dankesrede schreckte Alice Schwarzer nicht vor riskanten Vergleichen zurück - und zog Parallelen zwischen Juden und Frauen.

Von Elsemarie Maletzke


Arm in Arm sehen sie aus wie Schneeweißchen mit ein bisschen Rosenrot: Alice Schwarzer und Hannelore Elsner. Die Feministin ganz in Schwarz mit roten Ballerinas, die Schauspielerin ganz in Weiß mit schwarzen Stilettos. Die Weiße zeigt der Schwarzen, wie man ohne zu schwanken in diesem Schuhwerk den Abgang über die Steintreppe der Frankfurter Paulskirche bewältigt.

Alice Schwarzer hat gerade den mit 20.000 Euro dotierten Börne-Preis für kritischen Journalismus verliehen bekommen; Hannelore Elsner las dazu Texte des 1786 exilierten jüdischen Journalisten und "glänzenden Zeitschriftstellers" Ludwig Börne.

Börne? "War das nicht der, der Joschka Fischer in Turnschuhen vereidigt hat?", scherzt TV-Entertainer und Laudator Harald Schmidt, der als einziger Juror Alice Schwarzer, "das Sturmgeschütz des Feminismus" nominiert hatte. Ob seine Wahl sie überrascht habe, wird sie gefragt. "Ja und nein." Bei einem Satiriker wie Schmidt müsse man auf Zuckerbrot und Peitsche gefasst sein. Die Ehrung ist das Zuckerbrot, das Prädikat "Sturmgeschütz" die Peitsche.

Viel Prominenz, bisschen Renitenz

Zur Ehrung ist tout Frankfurt aufgelaufen, die betagte Margarete Mitscherlich an Krücken, Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach im klatschmohnroten Jackett, der Frankfurter Marcel Reich-Ranicki, viele alte Schlachtrösser der Frauenbewegung, wenige junge.

Eine kleine Gruppe schlägt vor der Kirchentür Krawall, Frauen und auch ein paar Männer vom Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten, denen Schwarzers Polemiken gegen Sexarbeiterinnen querstecken. "Als gäbe es Fair-Trade-Puffs", spottet sie.

Hohe Erwartungen waren an die Laudatio von Harald Schmidt geknüpft, der nun die "Päpstin" im "Vatikan der Frauenbewegung" und rabiate Porno-Bekämpferin preisen soll.

Schmidt sieht indessen Preiswürdigkeit und eigene Hybris glänzend vereint: Der Börne-Preis sei ihm ein doppelter Anlass zur Freude. Alice Schwarzer habe ihn hoch verdient, und er wollte schon immer einmal in der Paulskirche sprechen. Schmidt outet sich als Feminist und Kenner von Ludwig Börne, der mit den Rechten der Frauen nicht viel am Hut hatte. ("Das Weib lebt nur, wenn es liebt. Es findet sich erst, wenn es sich in eine Mann verliert").

Frauenleid und Judenschmerz

Schwarzer schreibe mit heißem Herzen. Sie nutze die Fakten als Abschussrampe und entfalte freischwebend ihre polemische Kraft. Dass sich beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre manchmal ein paar Kacheln lösten, sei wohl unvermeidlich. Es werde kein neuer Feminismus gebraucht, sondern neuer Elan, den alten durchzusetzen.

Schwarzer, das "Sturmgeschütz", schreckt nicht vor schwerem Kaliber und hoch riskanten Vergleichen zurück, wenn es um Parallelen von Juden und Frauen geht. Beide seien entrechtet und erniedrigt; Parias, die vom Rand der Gesellschaft in ihre Mitte drängten. "Wenn Börne von seinem großen Judenschmerz spricht, weiß ich, was er meint." Wusste Börne auch vom Frauenschmerz? Er hatte gleiche Bürgerrechte für Juden wie für alle Menschen gefordert – aber nicht für die Frauen. Darum mussten sie sich schließlich selbst kümmern – im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Schwarzer nennt die selbsternannten "Alphamädchen" eine zweite Welle der Girlie-Bewegung, "neue alte Mädchen jenseits der 30", für die zu sprechen sie nicht den geringsten Ehrgeiz hege. "Das sollen sie selbst tun, so sie etwas zu sagen haben."

Während sie als Feministin in der Tradition von Olympe de Gouges stehe, die in der französischen Revolution Frauenrechte einforderte und dafür unter der Guillotine starb, von Hedwig Dohm, der deutschen Frauenrechtlerin und Simone de Beauvoir, blickten die alten Mädchen nur auf ihre eigenen Belange, Männer und Karriere – eine erbärmliche "Geschichtslosigkeit" und "Kaltherzigkeit, für die sie sich nicht einmal schämen."

"Ich bin nicht die Feministin vom Dienst", sagt Schwarzer stolz. Der Feminismus sei heute allgegenwärtig, dank einer großen Bewegung. "Ich spreche nur für mich und für die Sache, die ich mir zu eigen gemacht habe" Sie sei keine Vorsitzende und keine Funktionsträgerin. Deshalb sei sie auch nicht abzulösen. Nur zu ehren.



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