Veruntreuungsvorwürfe Bolschoi sagt Premiere von Nurejew-Ballett ab

Eine Woche vor der Erstaufführung eines Ballettstücks über den legendären Tänzer Rudolf Nurejew hat das Bolschoi-Theater das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Planänderung soll politische Gründe haben.

Der Zuschauersaal des Moskauer Bolschoi-Theaters
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Der Zuschauersaal des Moskauer Bolschoi-Theaters


Für Montag war eine Kostümprobe angesetzt, am Dienstag hätte die Weltpremiere stattfinden sollen. Doch nun hat das Moskauer Bolschoi-Theater ein neues Ballettstück über die Tanzlegende Rudolf Nurejew überraschend abgesagt. Die Aufführung sei auf unbestimmte Zeit verschoben.

Dem britischen "Guardian" zufolge hat die Absage politische Gründe. Demnach sei der Regisseur des Stücks, Kirill Serebrennikov, in seiner Wohnung von Ermittlern befragt worden. Bei der Untersuchung gehe es um die Veruntreuung staatlicher Kultursubventionen, heißt es.

Schon im Mai waren Hausdurchsuchungen in Serebrennikovs und 15 weiteren Wohnungen sowie dem von ihm geführten Theater Gogol-Centre durchgeführt worden. Auch in diesem Fall lautete der Vorwurf "Veruntreuung staatlicher Fördergelder". Die Ermittler warfen den Beteiligten vor, insgesamt 2,9 Millionen Euro unterschlagen zu haben. Während der Regisseur auf freiem Fuß blieb, wurden der Buchhalter und der ehemalige Direktor des Theaters damals festgenommen.

Kritik an Staat und Kirche

Serebrennikow beklagt seit Langem, dass Kulturschaffende in Russland von den Behörden drangsaliert werden. Für ein Filmporträt von Peter Tschaikowski, das Serebrennikov vor einigen Jahren plante, wurden zum Beispiel bereits bewilligte Fördergelder zurückgezogen - weil bekannt wurde, dass Tschaikowskis Homosexualität im Film vorkommen sollte.

Für seine Arbeit als Theater- und Opernregissseur wird Serebrennikov allerdings gefeiert. Seit den Filmfestspielen in Cannes, 2016, ist er weltweit vor allem als Filmregisseur bekannt. Er ist bekannt dafür, kritisch mit den herrschenden Strukturen umzugehen. In seinem Film "Der die Zeichen liest" etwa geht er hart mit Kirche und Staat in Russland ins Gericht.

Auch das nun abgesagte Stück am Bolschoi dürfte politisch unbequem sein. Im Rahmen eines Gastauftritts in Paris hatte sich der Tänzer Rudolf Nurejew 1961 von seiner sowjetischen Balletttruppe abgesetzt und um politisches Asyl in Frankreich gebeten. In den folgenden Jahren wurde er im Westen zu einem der größten Ballettstars. Fast 25 Jahre arbeitete er am Wiener Staatsopernballett. 1993 starb Nurejew an den Folgen der Immunkrankheit AIDS.

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"Der die Zeichen liest": Kreuzigung ist auch eine Option

Die Produktion lief unter strenger Geheimhaltung, berichtete die russische Zeitung "Kommersant" an Sonnabend. Demnach sei nicht einmal der Name des Hauptdarstellers publik gemacht worden. Dem Blatt zufolge hätte die Aufführung, in der auch einigen Personen des russischen öffentlichen Lebens dargestellt werden sollen, der weltweite Höhepunkt der Ballettsaison sein sollen.

Für Montag hat das Bolschoi-Theater eine Pressekonferenz angesetzt, in der es um die Gründe für die Absetzung des Stücks gehen soll.

Die Geschichte des Bolschoi-Theaters

mak



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vepchi 09.07.2017
1. Guardian?
Man kann das auch dem "Moskowski Komsomolets" und anderen russischen onlib
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