Luc Bondy am Berliner Ensemble Die erotische Inflation wütet

Wo ist sie nur, die Idealfrau? In "Don Juan kehrt aus dem Krieg zurück" lässt Regie-Altmeister Luc Bondy den tollen Samuel Finzi als einzigen Mann auf 35 Frauen los. Der abgekämpfte Verführer ist aber vollends überfordert von den neuen Geschlechterverhältnissen, die der Krieg mit sich gebracht hat.

Ruth Walz

Von Christine Wahl


In exponierten Zeiten macht der Feminismus selbst vorm Varietétheater nicht halt. "Ist denn ein Mann kein Mensch?", fragt eine der Frauen, die sich in der Inszenierung des Regie-Altmeisters Luc Bondy am Berliner Ensemble in einer entsprechenden Zwanziger-Jahre-Bühnenlounge versammelt haben. Das Ergebnis ist eindeutig. "Nein!", hallt es aus neun Kehlen zurück, bevor die attraktiven Beine wieder kollektiv beim Charleston geschwungen werden oder mindestens eine Dame unter unverkennbaren mimischen Begleiterscheinungen zu tief ins Champagnerglas schaut.

Dabei mangelt es - notgedrungen - akut an maskulinem Anschauungsmaterial in Ödön von Horváths Stück "Don Juan kommt aus dem Krieg zurück". Zumindest, was die Quantität betrifft: Wir befinden uns im Spätherbst des Jahres 1918. Und jener namhafte Kriegsheimkehrer wird der einzige Y-Chromosomenträger bleiben, der an diesem Abend überhaupt auftritt. Früher war er "eine stadtbekannte Persönlichkeit mit lauter erotischen Skandalaffären", wie eine geifernde Alte ihren Geschlechtsgenossinnen beim gemeinsamen Schlangestehen vor einem leeren Lebensmittelgeschäft mitteilt.

Jetzt aber schickt Horváth den berühmtesten Verführer der Weltliteratur auf die Suche nach seiner Braut. Die hatte er zwar einst selbst verlassen. Doch nun erscheint sie ihm als die Vollkommenheit schlechthin: "Ich bin durch diesen Krieg ein besserer Mensch geworden", glaubt der Frauenheld. Dass die Angebetete längst tot ist, weiß vorerst freilich nur der Zuschauer. Don Juan hingegen trudelt - proportional zur ökonomischen Inflation jener Jahre - in eine Art erotische Inflation hinein. In jeder der 35 Frauen, denen er im Laufe des knapp zweistündigen Theaterabends begegnet, sucht er sein Idol.

Wobei Horváth ausdrücklichen Wert darauf legt, dass es in seiner 1935 entstandenen Variation des legendären Don-Juan-Stoffes zu "keiner einzigen Liebesszene" kommt: Zwar erliegen die hier von zehn Schauspielerinnen in wechselnden Rollen verkörperten Damen dem Frauenhelden reihenweise. Aber wirklich geliebt wird er von keiner. Denn wir bewegen uns in eher metaphysischen Gefilden: Vom Krieg gezeichnet, schleppt sich Don Juan einem toten, mithin in irdischen Sphären nie zu erreichenden Ideal hinterher. "Und die Frauen wollen es ihm, und auch sich selbst, immer wieder beweisen, dass er alles, was er sucht, auf Erden finden kann", schreibt Horváth im Vorwort.

Der Hausdrache kriegt eins auf die Turmfrisur

Dankbarer, weil prinzipiell durchaus nuancenreicher Theaterstoff ist es also, was sich die 65-jährige Regie-Legende Luc Bondy im Berliner Ensemble vorgenommen hat. Zumal mit Akteuren wie Samuel Finzi oder Kathrin Angerer nicht nur verbriefte Hochkaräter auf der Bühne stehen, sondern auch die denkbarsten Antipoden jenes musealen Theaterstils, den man an der ehemaligen Brecht-Bühne zurzeit pflegt.

Finzi ist - abgesehen von seiner Fernsehrolle als Polizeipsychologe "Flemming" - eher als Meister des intelligenten Verfremdungslapsticks bekannt denn als biederer Traditionalist. Und Angerer gehörte zu den Avantgardistinnen der ersten Stunde, als Frank Castorf in den neunziger Jahren an der Berliner Volksbühne genial begann, Klassiker zu zerlegen, um sie anschließend so klug wie originell neu zusammenzusetzen.

Die Konstellation versprach im Vorfeld also durchaus produktive Spannung - die sich am Abend selbst allerdings schnell legte. Die zahlenmäßig unterrepräsentierte Volksbühne hat es erwartungsgemäß schwer im Theatermuseum. Bondy, einstmals Weggefährte Peter Steins an der legendären Berliner Schaubühne, erschöpft sich in denkbar konventionellen Arrangements.

Zwischen historisch korrekten Krankenhausbetten, Prostituierten-Kämmerchen, pflichttreu hergezeigten Zwanziger-Jahre-Strapsen und finalem Kunstschnee rollt das Stationendrama auf Karl-Ernst Herrmanns Bühne sozusagen vom Blatt ab. Ein paar Schauspielerinnen, die gerade nicht an der Reihe sind, fungieren stets als zeithistorisches Sittenbild, indem sie die rampennahen Varieté-Tischchen bevölkern. Oft wird dabei auch die interessante Ambivalenz zwischen der vergleichsweise ideologiefreien, aus reinem Männermangel-Pragmatismus geborenen Emanzipation und dem gleichzeitigen Willen zur Hingabe im Spirituosen-Glas versenkt.

Seine großen Augenblicke hat der Abend erwartungsgemäß dann, wenn Finzi und Angerer aus der psychologischen Tonart ausbrechen - wobei sie sie mitnichten verraten, sondern eher einen wohltuenden Mehrwert schaffen. Wie Finzi als schlagfertig-ironiebegabter, dabei aber zutiefst nihilistischer Verführer in einem latent parodistischen Selbstmitleids-Tremolo beklagt: "Ich find es halt nicht, mein Ideal!" - das hat ebenso Klasse wie Kathrin Angerers schön überspannte Eifersuchtszenen als Professorenwitwe oder ihre kleinen Tätlichkeiten als Magd einer von Swetlana Schönfeld adäquat gespielten monströsen Alten: Wenn's ihr zu viel wird, haut Angerer dem Hausdrachen mit einem Zeitungsstapel kurzerhand die Turmfrisur platt. Und sehenswerte Auftritte haben auch Larissa Fuchs als jugendliche Klassenkämpferin oder die große Ilse Ritter in diversen Rollen.

Davon abgesehen aber plätschert der Abend ähnlich leise dahin wie die sie untermalende Live-Musik aus der Seitenloge.



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albert schulz 18.10.2013
1. ganz so schlecht kann Ödön von Horváth nicht sein
Ganz witzig begonnen, der Artikel, wie ein Tiger zum Sprung angesetzt, aber als Bettvorleger gelandet. Irgendwie kommt nach der Einführung so gar nichts Erhellendes mehr über das Stück oder die Darsteller, sondern nur der Versuch eines kläglichen Verrisses, der aber in sich unbegründet bleibt. Man erspürt als Leser das Dilemma eines Schreibers, wenn plötzlich das schwindende Honorar seine Strahlkraft verliert. Mir passiert das auch, nicht gerade selten, ein paar gute Gedanken, aber dann herrscht Leere. Dann schicke ich den Kram nicht mehr los. An dem Artikel ist nichts, an dem man sich gedanklich festhalten könnte, und das Stück ist auch reichlich unbekannt. Da müßte was mehr geschrieben sein.
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