Boomender Kunstmarkt Der Dollar-Koller

Kunstexperten weltweit schlagen Alarm: Der boomende Markt drohe an seiner eigenen Gier zu ersticken. Gemach, gemach! Ja, die Preise werden fallen. Aber wer ein wahrer Kunstfreund ist, darf sich drüber freuen.
Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

Der New Yorker Milliardär David Rockefeller, 92, dürfte sich verdutzt die Augen gerieben haben. Das Gemälde "White Center" (1950) des für seine meditativen Farbfelder bekannten amerikanischen Malers Mark Rothko hatte Rockefeller in den Sechzigern für gerade einmal 11.000 US-Dollar gekauft. Im Mai dieses Jahres erwarb es nun ein anonymer Telefonbieter für den Rekordpreis von 72,8 Millionen US-Dollar (rund 51 Millionen Euro) bei Sotheby's. Kein schlechtes Geschäft - und kein Einzelfall: Der Kunstmarkt boomt noch immer.

Der "Contemporary Art 100 Index" des britischen Spezialversicherers Hiscox verzeichnet bei zeitgenössischer Kunst allein innerhalb der letzten zwölf Monate einen Wertzuwachs von 55,3 Prozent. Und die Londoner Frieze Art Fair hat es gerade wieder allen gezeigt: Überall gähnten ausverkaufte Messestände den Besuchern entgegen, während die Galeristen die Champagnerkorken knallen ließen; von Katerstimmung keine Spur. 68.000 Besucher vermeldet die trendige Kunstmesse als neuen Rekord.

Sammeln gilt als hip - Kunst ist der neue Pop

Parallel dazu freuen sich die etablierten Auktionshäuser über eine wahre Flut von Rekorden. So etwa Sotheby's in London - in einer Serie von drei Auktionen erzielte das Haus das beste Saisonergebnis aller Zeiten: Zeitgenössische Kunst kam für satte 66.250.000 Britische Pfund (rund 95 Millionen Euro) unter den Hammer.

Und nicht nur die Zahlen künden vom großen Kunstrausch: Der gepflegte Plausch über die Leipziger Schule gehört heute zum obligatorischen Party-Talk, wer sammelt, gilt als hip. Damien Hirst, Matthew Barney und Neo Rauch sind bei vielen 25- bis 45-Jährigen, die sich gern auf Vernissagen tummeln, bekannter als der Rapper 50 Cent. Kunst - so könnte man sagen - ist der neue Pop.

Doch jetzt melden sich die Kreativ-Kassandras zu Wort. Sie prophezeien, die "Kunstblase" sei kurz davor zu platzen. Die massiven Verluste auf den US-amerikanischen Anleihe- und Immobilienmärkten seien Vorboten für den Kunstmarkt. Das "Wall Street Journal" malte Ende September unter der Angst einflößenden Überschrift "Art's Anxiety Attack" das jähe Ende des Booms aus. Für die Londoner Auktionen sah das Finanzblatt gar eine Art "Jüngstes Gericht" voraus. Das Fachblatt "The Art Newspaper" hält sich bedeckter, ist letztlich aber nicht weniger fatalistisch: Ja, der Hype sei bald vorbei. Nur wann genau, das wisse keiner so genau.

Wiederholt sich der große Crash von 1990?

Zuletzt sorgte Eli Broad, 74, den das US-Magazin "ARTnews" zu einem der zehn wichtigsten Sammler zählt, für Verunsicherung. Nach den großen Verlusten der auch im Kunstsektor engagierten Hedgefonds-Manager werde der Markt an Kraft verlieren, ja sogar in den nächsten sechs bis zwölf Monaten eine massive Korrektur erleben - bis hin zu einem Crash wie dem von 1990.

Der damalige Crash bescherte nicht nur Großsammlern massive Verluste. Viele junge Galerien verschwanden plötzlich von der Bildfläche, Künstlerkarrieren endeten so abrupt wie sie begonnen hatten. Aber ist Broads Warnung nicht nur der pessimistische Unkenruf eines "Old Boys", der sich nach der guten, alten Zeit zurücksehnt, als eine Handvoll Gentleman-Sammler weltweit alles unter sich ausmachte?

Der Schwarzwälder Sammler Thomas Grässlin beobachtet den internationalen Kunstmarkt seit Jahrzehnten. Er zeigt sich gelassen: "Es ist sehr viel Geld im Umlauf und zahlreiche Fondsgesellschaften unterwegs. Geld aus dem Ostblock, China, Nahost. Wenn im November keine Bereinigung im Aktienmarkt durch die Immobilienkrise erfolgt, wird auch am Kunstmarkt für die nächsten fünf Jahre nichts passieren."

Die Zahl seriöser Sammler wächst

Einige Marktbeobachter halten die von Grässlin angeführte Internationalisierung des Kunstmarkts für den entscheidenden Faktor, der einen großen Crash nicht sehr wahrscheinlich mache. Cheyenne Westphal, Leiterin der Abteilung für Zeitgenössische Kunst bei Sotheby's Europe, sagte kürzlich in der "Wirtschaftswoche": "Waren es früher nur amerikanische und westeuropäische Bieter, kauft heute ganz Asien - China, Hongkong, Korea. Hinzu kommt Osteuropa mit Russland, der Ukraine und Georgien. Und im Nahen Osten ist der Bau großer Museen geplant, für die noch Kunstwerke gesucht werden."

Nicht nur im fernen Georgien, auch in Deutschland wächst die Zahl der ernst zu nehmenden Sammler kontinuierlich. Christina Schroeter-Herrel, Leiterin der Kunstberatung Deutsche Bank AG, stellt folgende Beobachtung an: "Die Zahl derer, die wirklich mit Interesse und Leidenschaft sammeln und mit der Kunst auch leben wollen, ist erfreulich hoch. Es kommen immer mehr jüngere Kunstsammler dazu. Sie haben teilweise beachtliche Kunstvermögen geerbt, setzen diese Tradition fort oder gründen auch neue Traditionen."

Der Galerist Gerd Harry Lybke (Berlin/Leipzig), der Zugpferde wie Neo Rauch oder Matthias Weischer im Programm hat, gibt sich ebenfalls gelassen, sieht aber ein Ende des großen Rausches kommen: "Korrekturen am Kunstmarkt gibt es immer, ob aus inhaltlichen Gründen oder aus Spekulationsüberschuss", sagt er. "Das betrifft aber nur die Auktionspreise, also den Secondary Market, und nicht den Markt der Künstler und Galerien an sich. Bei den Versteigerungen ist man mittlerweile in so hohen Gefilden, dass sich am Schluss nur noch zwei oder drei Leute unendlich überbieten. Da geht es gar nicht mehr um den Wert der Arbeit oder um inhaltliche Dimensionen, sondern nur darum, wer im Saal oder am Telefon die Arbeit, die er haben will, bekommen kann" - also um einen bloßen Egotrip.

Gier nach Auktionsrekorden und Partyskandälchen

Wäre eine Verlangsamung zumindest im Auktionsmarkt nicht sogar für alle Beteiligten wünschenswert? Museen und Ausstellungshäuser beäugen die Gier nach Auktionsrekorden, Partyskandälchen und Gesellschaftsklatsch ohnehin kritisch. Yilmaz Dziewior, Direktor des Kunstvereins in Hamburg, versucht seit Jahren, mit seinem Programm dem Hype entgegenzuwirken: "Wenn Museen und andere Ausstellungsinstitutionen auf eine "mögliche Marktkorrektur" warten, ist dies schon ein grundsätzlicher Fehler", findet er. "Eine verstärkte inhaltliche Beschäftigung mit den aktuellen gesellschaftlichen und kunstimmanenten Themen sollte stattfinden, unabhängig davon, ob der Markt floriert oder kollabiert."

Und auch der Sammler Thomas Grässlin, der mit seiner Mutter und seinen drei Schwestern kontinuierlich am Aufbau der museumstauglichen Familiensammlung arbeitet, findet durchaus Wege, sich abseits vom Hype zu bewegen: "Es gibt eine Reihe von jungen Künstlern, die im Moment Konzept-orientiert arbeiten, deren Preise noch erschwinglich sind", erklärt er. "Das liegt sicher daran, dass die Kunst nicht so leicht konsumierbar ist und damit eine langsamere Preisentwicklung erfährt. Da dies die Kunst der Zukunft ist, empfehle ich sie den jungen Sammlern."

Ein Wegbrechen der Spitze wäre keine Katastrophe

Galerist Lybke hat die Käuferschichten genau analysiert. Das Gros der weltweit wirklich wichtigen Sammler schätzt er auf mittlerweile 6000, vor 10 bis 15 Jahren seien es nur 15 bis 20 gewesen. Die kauften überwiegend in Galerien und auf Messen, sind jedoch bereit, für bestimmte Werke auf Auktionen bis zu 20 Prozent mehr zu zahlen. "Und dann gibt es noch sechs Leute, die bereit sind, 1000 Prozent mehr als in der Galerie zu zahlen - und das bei einem lebenden Künstler. Da folgen nicht mehr viele in diese hohen Sphären. Diese Spitze kann meinetwegen auch abbrechen."

Man müsse sich nur eines klar machen: Ein Wegbrechen der Spitze auf dem Secondary Market, - sprich: bei Auktionen - wäre kein Crash und keine Katastrophe. Die Galeriepreise blieben überwiegend stabil, und eine gesunde Basis an leidenschaftlich Interessierten ließe sich davon nicht beirren.

Der Pragmatiker Lybke resümiert: "Kunst ist heute mehr als je zuvor ein gesellschaftliches Phänomen. Das ist die Widerspiegelung der eigenen Generation. Die Kunst wird sich nie wieder so im Elfenbeinturm bewegen können wie vor zehn Jahren. Kunst ist öffentlich geworden!"

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