Borderline-Journalismus Tom Kummer verpatzt seine zweite Chance

Die "Berliner Zeitung" hat sich von dem Autor Tom Kummer getrennt, nachdem der Schweizer Journalist dem Blatt eine bereits mehrfach veröffentlichte Reportage als neu verkauft hat. Kummer hatte vor fünf Jahren mit gefälschten Prominenten-Interviews für einen Medienskandal gesorgt.


Berlin - In der jüngsten Wochenendbeilage der "Berliner Zeitung" erschien eine lange Reportage über einen kunstvollen Autofriedhof bei Los Angeles. Der Autor: Tom Kummer, jener verfemte Star-Journalist, der Mitte 2000 mit zahlreichen gefälschten Interviews die Chefredakteure des renommierten "SZ"-Magazins zu Fall brachte. Nach dem ostdeutschen Blatt "Das Magazin" hatte auch die "Berliner Zeitung" dem Schweizer Autor eine zweite Chance gegeben - und wurde enttäuscht: Kummers Reportage mit dem Titel "Der Traum vom Auto" entpuppte sich zwar nicht als Fälschung, es stellte sich jedoch heraus, dass Kummer den gleichen Text bereits 1999 im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht hatte. Teile des Artikels waren bereits 1998 in der "Neuen Zürcher Zeitung" erschienen.

Derart getäuscht erklärte der Chefredakteur der "Berliner Zeitung", Uwe Vorkötter, heute "in eigener Sache" das Ende der Zusammenarbeit mit Kummer. Das Blatt habe bereits am 7. Februar und am 19. Juni 2004 Beiträge von Kummer veröffentlicht, deren Wahrheitsgehalt aber vor der Veröffentlichung überprüft, schrieb Vorkötter. Bei der jüngsten Reportage habe die Redaktion erst nach der Veröffentlichung festgestellt, dass sie in Teilen schon mehrfach erschienen war. "Der Autor hat uns vorsätzlich getäuscht", die Sicherungsmechanismen der Redaktion hätten versagt, so der Chefredakteur. Für die "Berliner Zeitung" habe Kummer den sechs Jahre alten Artikel nur leicht umgeschrieben, zum Teil habe er nicht einmal das Alter der Protagonisten geändert.

Die "Berliner Zeitung" lege hohe Maßstäbe an ihre Qualität und kritisiere Fehlentwicklungen in Gesellschaft und Medien, schrieb Vorkötter, daher halte er es "für unabdingbar, eigene Fehler offen zu legen". Wie andere Publikationen auch habe die "Berliner Zeitung" Kummer eine Chance geben wollen, den Weg zurück in den Beruf zu finden. Als Kummers erster Artikel in der "Berliner Zeitung" erschien, ein Interview mit dem Kinoveteran Dennis Hopper, hatte Vorkötter gesagt: "Dass jemand lebenslänglich Schreibverbot bekommt, ist auch nicht Sinn der Sache."

Tatsächlich hatte Kummer bis zum Sommer 2003 keine einzige Zeile in Deutschland veröffentlicht. Im Mai 2000 hatte er für Aufsehen gesorgt, als bekannt wurde, dass das "SZ"-Magazin mehrere gefälschte Interviews des Journalisten mit Hollywood-Stars, darunter Brad Pitt, Kim Basinger und Sharon Stone, veröffentlicht hatte. Die Interviews, die Kummer von 1993 bis 2000 anbot, waren stets lustig, sehr persönlich und extrem unterhaltsam. Mit Kummer schienen die Stars über jene intimen Dinge zu reden, die Journalisten sonst verschlossen bleiben.

Als der Schwindel aufflog, entschuldigte Kummer seine Fälschungen als "Konzeptkunst", mit der er die Verlogenheit Hollywoods bloß stellen wollte. Die "SZ" trennte sich daraufhin von dem Autor und den verantwortlichen Redakteuren des "SZ-Magazins", Ulf Poschardt und Christian Kämmerling. Kummers Skandal-Geschichten gingen als "Borderline-Journalismus" in die deutsche Mediengeschichte ein. Im SPIEGEL sagte Kummer damals über das "SZ-Magazin" und andere Abnehmer seiner Storys: "Ich gehe davon aus, dass die Leute wissen, was sie tun, wenn sie mit mir in Kontakt treten."



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