Boulevard-Theater bei Sat.1 "Öff-Öff" gegrunzt und abgeschaltet

Sat.1 feilt am Innovationskonzept: Nach dem Erfolg der Impro-Comedy "Schillerstraße" soll nun am Samstagabend das tot geglaubte Boulevard-Theater Quote bringen. Gestartet wird heute Abend mit dem Humor-Desaster "Ewig rauschen die Gelder", im Dezember folgt "Urmel aus dem Eis".

Die Sache steht schon länger im Raum. Bereits im Juli kündigte Sat.1-Unterhaltungschef Matthias Alberti auf einer großen Pressekonferenz in Hamburg an, dass sich der Sender neuen Formen der Samstagabend-Unterhaltung zuwenden würde. Eine Brettspiel-Show nach dem Muster von "Mensch ärgere dich nicht" war damals genauso Teil der Präsentation wie eine Bühnen-Verfilmung des Kinderbuch- und Marionettentheaterklassikers "Urmel aus dem Eis" sowie die von Fiction-Leiterin Alicia Remirez geförderte ambitioniert-aufwendige deutsche Variante der BBC-Serie "Cutting it", die inzwischen unter dem Titel "Bis in die Spitzen" läuft.

Die Stimmung war aufgeräumt; der Einstandsflop von Geschäftsführer Roger Schawinski mit "Anke Late Night" war vergessen, die frisch eingeführte Telenovela "Verliebt in Berlin" nach Quoten-Kriterien ein Erfolg, und mit einem neuen Talk-Format wollte man auch gleich noch den Sonntagabend umkrempeln.

Die mediale Reaktion auf so viel Experimentierfreude war zunächst positiv: Wirkte der wankende Riese RTL im Vergleich mit dem kleineren Konkurrenten nicht ideenlos bis verzweifelt? Die später präsentierte Sat.1-Sonntags-Talkerin Bettina Rust jedenfalls wurde größtenteils freundlich begrüßt, und auch "Bis in die Spitzen" bekam gute Rezensionen. Inzwischen ist die Begeisterung etwas abgekühlt: Rust ist mangels Zuschauerinteresse schon wieder abgesetzt und auch die teure Friseur-Soap glänzt nicht gerade durch Rekordquoten.

Ausgerechnet jetzt aber steht der kniffligste Programmpunkt auf der Innovationsliste an: die Hinwendung zur Samstagabend-Baustelle mit "Urmel" und anderen abgefilmten Boulevard-Theaterstücken. "Ewig rauschen die Gelder" heißt der erste Testballon in dieser Richtung, der heute abgeschickt wird; die Urmel-Unternehmung hat man für Mitte Dezember angesetzt. Beide sind veritable Desaster.

Bei "Ewig rauschen die Gelder" handelt es sich um die Adaption der Farce "Cash and Delivery" des britischen Autors Michael Cooney. Erzählt wird die Geschichte eines Betrügers (Jacques Breuer), der dem Sozialamt diverse erfundene Untermieter vorgaukelt und für diese alle möglichen Gelder kassiert - allerdings weniger aus Boshaftigkeit denn aus Resignation: Das Amt wird als so dämlich, geradezu zahlungsgeil dargestellt, dass er sich der Zuwendungen kaum erwehren kann. Auftritt Jochen Busse als Außendienstler der Behörde, der sich beim Kontrollbesuch unter eifrigem Türenschlagen, Personalrochaden und Verkleidungstravestien jeden noch so großen Bären aufbinden lässt.

Schwer zu sagen, was ärgerlicher ist - die reaktionäre Botschaft, die im Hartz-IV-Zeitalter allen Empfängern solcher oft bitter benötigter Leistungen Hohn spricht, oder schale Wortspiel-Witzeleien wie "Was ist der Trostpreis?" - "Ein Toaster" - "Also ein Toastpreis" oder "Habt ihr sie noch alle? - Nee, das meiste ist verkauft". Irgendwann kann und mag man den immer weiter gedrehten Verwechslungen, die noch Auftritte für das unvermeidliche Sendergewächs Hugo Egon Balder als Partnerschaftsmoderator, Georg Uecker als Bestatter und Elke Sommer als Amtschefin vorsehen, nicht mehr folgen, und sehnt dringend das Finale herbei, das den Betrüger zum Inspektor der Betrugsabteilung befördert.

Wahrscheinlich muss man den Erfolg der Improvisationsshow "Schillerstraße" mit Cordula Stratmann berücksichtigen, um die Rückkehr des tot geglaubten Theatergenres in die Samstags-Primetime überhaupt ansatzweise nachvollziehen zu können. Im Grunde wirkt "Ewig rauschen die Gelder" wie die Simulation von Impro-Comedy. Man mag womöglich auch Verständnis für den Wunsch mancher (TV-Film-)Darsteller haben, sich einmal den speziellen Timing-Anforderungen dieser Kunstform auszusetzen und sich einer unmittelbaren Publikumsreaktion zu stellen. Aufgezeichnet wurde im Studio in Köln-Ossendorf, und die geladenen Zuschauer, offenbar eingeschworene Fans des Seichten, johlen bisweilen. Das alles erklärt allerdings nicht, warum man sich dieses Guckkastentheater am heimischen Bildschirm antun sollte.

Bei der gar als Zweiteiler daherkommenden Urmelei stellt sich die Frage noch stärker: Wirklich für Kinder scheint der eher krachledern-anzügliche Humor nicht gedacht zu sein. Andererseits sind die quietschbunten Gummi-Kulissen und die permanenten Tiersprach-Lispelwitze so infantil, dass Erwachsene eigentlich auch nicht gemeint sein können. Eine gute Dreiviertelstunde dauert es, bis Titelrollen-Darsteller Dirk Bach im knallgrünen Ganzkörperkostüm aus seinem Ei schlüpft, um sich, begleitet von heftigen Sehnsuchtslauten, an den Busen von "Wutz" Barbara Schöneberger zu drücken.

Die hat zu diesem Zeitpunkt schon geschätzte 100 Mal "Öff-Öff" gegrunzt, während Heinrich Schafmeister als verrückter Professor Tibatong seine Schützlinge zur Spracherziehung "Fischers Fritze" aufsagen lässt. Und über allem thront Tetje Mierendorf, bekannt durch die hauseigene Innovation "Mein großer dicker peinlicher Verlobter", und stimmt als Seele-Fant traurige Gesänge an. Das Ganze verströmt eine Trashigkeit, die bestenfalls mit karnevalistischen Nehmerqualitäten zu ertragen ist. Zwischendurch staunt man ungläubig, dass gestandene Mimen wie Heinz Hoenig und Götz Otto bei dem Mummenschanz mitmachen. Richtig aus dem Herzen spricht einem nach langen Stunden erst die finale Songrevue "Sachen gibt's, die gibt's gar nicht".

Angeblich hat man die Quotenmesslatte beim Sender zunächst nicht allzu hoch gehängt - über 15 Prozent Marktanteil bei den 14-bis-49-Jährigen würde man sich schon freuen, heißt es. Nur zu gerne würde Alberti 2006 mit ähnlich gestrickten Boulevardkomödien nachlegen. Die Motive des Programmplaners liegen dabei auf der Hand: Das Budget, mit dem sich auf diese Weise ein Primetime-Sendeplatz bestücken lässt, liegt natürlich weit unter dem eines eigenproduzierten Spielfilms. Aus Zuschauersicht aber ist die Entwicklung keine wünschenswerte: Die "Theaterstadl"-Wiederholungen sind im Premiere-Heimatkanal doch eigentlich gut aufgehoben und würden vollkommen ausreichen.


Ewig rauschen die Gelder: 19. November, 20.15 Uhr, Sat.1
Urmel aus dem Eis: 17./18. Dezember, 20.15 Uhr, Sat.1)

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.