Brasilianischer Kunstboom Erst die Kohle, dann der Caipirinha

Krise? Mas que nada! Auf der größten Kunstmesse Lateinamerikas in São Paulo liefen die Geschäfte bestens - und äußerst sachlich. Der internationale Markt stürzt sich auf die brasilianische Moderne - und nimmt die Street-Art des Landes gleich auch noch mit.

Aus São Paulo berichten Nicole Büsing und Heiko Klaas


Caipirinhas, Luxusvillen und groß gewachsene Blondinen in waghalsigen High Heels. Dazu der obligatorische Swimming Pool - natürlich mit Unterwasserbeleuchtung. Wäre dies Südflorida in den Boomzeiten der Kunstmesse Art Basel Miami Beach, dann wäre der Rest der Geschichte klar. Spätestens nach drei Drinks würden sich die ersten Gäste ihrer Garderobe entledigen und im Pool landen. Irgendwann gäbe es kein Halten mehr, und die Klatschpresse hätte ihre Story, frei nach dem Motto: Die spinnen doch, die Kunstbetriebler.

In São Paulo aber, der mit rund elf Millionen Einwohnern größten brasilianischen Stadt, gibt sich die Kunstszene viel seriöser, auch auf ihren Partys. Protziges Nouveau-Riche-Verhalten ist hier verpönt, Villenviertel und Favelas sind in dieser Stadt der Gegensätze ja auch nie weit voneinander entfernt.

In Oscar Niemeyers strahlend weißem Biennale-Pavillon im Ibirapuera Park, der grünen Lunge der Stadt, herrscht allerdings entspannte Stimmung. Sogar im Jogging-Outfit schlendern manche Besucher über die fünfte Ausgabe der Kunstmesse SP Arte. Sie ist die größte und wichtigste Lateinamerikas. 80 Galerien, überwiegend aus Südamerika, aber auch aus Frankreich, Spanien und Portugal, üben sich in einer Disziplin, die in Europa und den USA zuletzt wenig Freude bereitet hat: dem Verkaufen von Kunst in Zeiten der Krise.

Doch während die Umsätze auf den Kunstmessen in Europa und den USA zuletzt ziemlich mau waren, herrscht südlich des Äquators Goldgräberstimmung: Brasilianer und internationale Sammler raffen die letzten frei verkäuflichen Reste der brasilianischen Moderne zusammen, deren Werke aus den fünfziger bis achtziger Jahren den Vergleich mit den Meisterwerken der nordamerikanischen und europäischen Kunst nicht zu scheuen brauchen.

Selbst Jay Jopling, Stargalerist aus London, stattete der Messe einen Blitzbesuch ab. Und das, obwohl er zur gleichen Zeit mit seiner Galerie "White Cube" auf der Kunstmesse in Hongkong vertreten war. Sarina Tang, Sammlerin, Kuratorin und Kunstberaterin aus New York, ist sich sicher: "Die brasilianische Kunst der Moderne wurde lange Zeit als Dritte-Welt-Kunst abgestempelt. Das wird jetzt offenbar im Schnelldurchlauf korrigiert."

Tang, in Shanghai geboren und in São Paulo aufgewachsen, kennt sich aus mit boomenden Märkten. Die Entwicklung in China hat sie von Anfang an mitverfolgt. Dort hat sich praktisch aus dem Nichts eine oftmals allzu marktgängige und effekthascherische Gegenwartsszene ausgebildet, deren Preise von Spekulanten und Auktionshäusern künstlich in die Höhe getrieben wurden.

Der jungen brasilianischen Szene attestiert Tang ein höheres Maß an Substanz: "Zeitgenössische brasilianische Kunst bedient sich eines viel internationaleren und fundierteren Vokabulars als junge Kunst aus China oder Russland. Deshalb wünsche ich ihr ein breiteres Publikum."

Die Messedirektorin Fernanda Feitosa sieht das ähnlich. Auch sie hofft auf eine weniger extreme Entwicklung als in China: "Ich kann mir durchaus vorstellen, dass auch hier die Preise eines Tages explodieren werden. Doch zu viel Geld im Markt ist auf Dauer nicht gut. Besser wäre es, wenn wir uns Schritt für Schritt weiter entwickeln würden."

Wie kommt es, dass Brasilien unter Experten als eines der Zentren der internationalen Moderne gilt? Felipe Chaimovich, Kurator am Museo de Arte Moderna in São Paulo, erklärt es so: "In den fünfziger Jahren hat Brasilien sich vollkommen neu positioniert: als Führungsmacht Lateinamerikas und der Dritten Welt. Oscar Niemeyer hat die neue Hauptstadt Brasilia realisiert, die Biennale von São Paulo wurde international ausgebaut. Künstler wie Lygia Clark oder Helio Oiticica haben damals angefangen, neo-konkrete Kunst zu produzieren, die auch internationale Anerkennung fand."

Genau diese Kunst eines radikalen, wenngleich etwas verspäteten Aufbruchs in die Moderne wird jetzt verstärkt von Sammlern und Museen aus aller Welt gesucht. Auseinanderfaltbare, fragile Edelstahlskulpturen von Lygia Clark, zarte Papierarbeiten von Mira Schendel oder ein mit reduzierten geometrischen Formen bemalter Raumteiler von Ivan Serpa: Auf der SP Arte sind diese Klassiker zu haben - allerdings zu Preisen, die selbst das Budget großer internationaler Museen sprengen.

Emma Lavigne, Kuratorin am Pariser Centre Pompidou, sieht die Museen daher ins Hintertreffen geraten: "Es dauert sechs bis sieben Monate, manchmal auch ein Jahr, bis ein Museum wie das Centre Pompidou die Entscheidung über einen Ankauf treffen kann. Das geht durch mehrere Gremien." Privatsammler könnten da ungleich schneller reagieren.

Demnächst auf der Art Basel: Street Art aus São Paulo

Wem die museumsgängige High Art hingegen zu etabliert ist, der kommt in São Paulo auch auf seine Kosten. An allen Ecken der Stadt entsteht fantasievolle, bunte Graffiti-Kunst. Seit São Paulos Bürgermeister Gilberto Kassab vor zwei Jahren alle großen Werbetafeln und Leuchtreklamen aus dem Stadtbild verbannt hat, stehen umso mehr Flächen zur Verfügung. Die Protagonisten der Szene sind stadtbekannt. Die Zwillinge Gustavo und Otavio Pandolfo,34, Künstlername: "Os Gêmeos", sind zur Zeit besonders angesagt.

Ihre farbintensiven Malereien haben den Weg in die erste Liga der brasilianischen Kunstszene gefunden: Die Top-Galerie Fortes Vilaça verkauft ihre Gemälde mit großem Erfolg. Dass sie dennoch weiterhin im Stadtraum aktiv sind, ist für die beiden Sprayer Ehrensache. Auch ihr Kollege Kboco, 31, dessen geometrisch-harmonische Kreis- und Liniensysteme auf den Fassaden vieler brasilianischer Städte zu finden sind, hat es geschafft: Seine Galerie Marilia Razuk zeigt Kboco dieses Jahr erstmals auf der Top-Kunstmesse Art Basel.

Motor der Szene ist der quirlige Galerist Baixo Ribeiro. Er gründete vor fünf Jahren die Talentschmiede "Choque Cultural". Ribeiro war zuvor 15 Jahre lang in der Skateboard- und Fashionszene aktiv. So bekam er den direkten Draht zu den jungen Stars der Graffiti-Szene. Heute vernetzt er sie mit Sprayern aus New York, Los Angeles, Paris und London. Baixo Ribeiro vermittelt seinen Sammlern, meistens Liebhaber zeitgenössischer Malerei, dass Street-Art aus São Paulo eine hohe malerische Qualität besitzt, egal ob auf Häuserwänden oder auf Leinwand.

Ribeiro: "Wer auf der Straße malt, bekommt ein direktes Feedback vom Publikum. Wenn die Leute etwas nicht mögen, verschwindet es nach wenigen Tagen wieder. Gute Arbeiten dagegen sind auch nach zehn Jahren noch im Stadtraum präsent."



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