Brecht-Premiere am DT Uschi Glas und das Schweinesystem

Hauptsache, das Karma stimmt: Nicolas Stemann inszeniert Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" am Deutschen Theater in Berlin als federleichte Wirtschaftssatire - und verhebt sich trotzdem. Bei Laune hält einen nur die gute Musik.

Hat nur ein mittelschweres Kreuz zu schleppen: Katharina Marie Schubert als "Johanna"
Arno Declair

Hat nur ein mittelschweres Kreuz zu schleppen: Katharina Marie Schubert als "Johanna"

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Das Elend braucht nur vier Worte: "There is no alternative". Ganz am Ende von Nicolas Stemanns Inszenierung von "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" wird die Neoliberalen-Phrase auf einer Videoleinwand eingeblendet. Was als Schlusspunkt unter Bertolt Brechts Stück von Alternativlosigkeit zur Revolution gedacht ist, charakterisiert gleichzeitig einen Theaterabend, der auf völlig unerwartete Weise schiefgeht.

Ironie und Moral in ein produktives Verhältnis zueinander zu bringen, schaffen die wenigsten Künstler. Nicolas Stemann gehört zu ihnen. Mit seinen Inszenierungen von Elfriede Jelineks Texten hat er gezeigt, wie beherzt er Stücke in die Mangel nehmen kann: Er führt vor, wo sie Empörungsfolklore leisten, walzt den Slapstick aus und lässt dennoch ihren moralischen Kern intakt. Bei der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" hat ihm Brecht diese Arbeit aber leider schon abgenommen, weshalb man am Mittwochabend im Deutschen Theater in Berlin erstmalig einen sehr ratlosen Stemann zu sehen bekam.

Vielleicht hätte man schon bei der Anfangsszene misstrauisch werden sollen, so sehr zitiert der Regisseur sich selbst. Andreas Döhler, Felix Goeser und Matthias Neukirch sitzen weißgekleidet auf der Bühne und halten die grell orangefarbene Suhrkamp-Edition von Brechts Stück in der Hand. Sie kabbeln sich ein wenig um die männlichen Rollen, die sie über den gesamten Abend hinweg im stetigen Wechsel spielen werden. Wenn's Fragen gibt, wird der Text zu Rate gezogen. Das sind Stilelemente, die man aus Stemanns Inszenierungen von "Die Räuber" und "Die Kontrakte des Kaufmanns" kennt, ebenso die kleine Stadtkulisse aus Pappe, die per Video groß aufgezogen wird. Doch noch hält einen die überaus gelungene Musik von Thies Mynther bei Laune.

Auch die Aufbereitung von Brechts Ausgangszenario macht zunächst Spaß: Der erbitterte Streit zwischen den Besitzern von Fleischfabriken und ihren Arbeitern wird in den Betroffenheitsbildern von Fernsehnachrichten inszeniert. Hier eine grau gekleidete Meute, die um ihren Arbeitsplatz kämpft, dort ein Claus-Kleber-Verschnitt, der beiläufig-sonor die Misere erklärt. Auftritt Katharina Marie Schubert als Johanna Dark, die wie eine Uschi-Glas-Figur aus einem TV-Mehrteiler irgendetwas retten will. Hauptsache, das Karma stimmt.

Derartig leicht angesetzt, wirbelt die Inszenierung aber durcheinander, sobald Brechts Text etwas mehr Wind macht. Die Wut über die Zahlenspiele des Kapitalismus, in denen Menschenleben, Rinder und Millionen gleichgültig miteinander verrechnet werden - sie bricht sich bei Brecht immer wieder Bahnen, findet bei Stemann aber keinen Platz. Einmal lässt er auf einer Leinwand einblenden, dass alle drei Sekunden auf der Welt ein Mensch verhungert. Fortan zählt ein Ticker, wie viele Menschen seit Beginn der Aufführung gestorben sind. Kurze Zeit später verschwindet der Ticker aber schon wieder. Was wäre passiert, hätten sich die Opfer fürs Premierenpublikum weiterhin gut sichtbar summiert? Wann hätte man sich an das Grauen gewöhnt und wann hätte man eben diesen Gewöhnungseffekt mit Erschrecken registriert?

Die Verhältnisse wollen an diesem Abend nicht tanzen

Auf der Bühne ist das egal, schon greifen die Live-Pianisten Thies Mynther und Richard von Schulenburg wieder behände in ihre Tasten. Hier tanzt vieles, nur die Verhältnisse, die wollen irgendwie nicht.

Als hätte Stemann selbst erkannt, dass seine Banalisierung von Brecht ins Leere läuft, setzt er nach der Pause plötzlich auf Bierernst. Johanna darf flammende Reden halten, anschließend friert sie bitterlich im Schneesturm vor der Fleischfabrik. Die Tragik dieser Figur ist einem an diesem Punkt der Inszenierung aber schon herzlich egal, dafür wurde sie die vorhergehenden anderthalb Stunden zu gründlich demontiert.

Allein der herausragenden Margit Bendokat gelingt es, über den gesamten Abend Komik und Betroffenheit zu gleichen Teilen zu verschmelzen: Wie sie als muffige Alte in Ballonseide über die Bühne schiebt, ist liebevollste Parodie und damit echte Huldigung der längst untergegangenen Helden der Arbeiterklasse.

Als Johanna vom Schweine- und Rindersystem endgültig verschlungen wird, erscheint schließlich die Inschrift "There is no alternative", das oberste Gebot von Margaret Thatchers Wirtschaftspolitik. Diese Worte blinkten schon bei Stemanns Börsensatire "Die Kontrakte des Kaufmanns" auf. In Berlin wirken sie nun seltsam doppeldeutig als Rechtfertigung des müden Selbstzitats - und als Entschuldigung dafür, dass man sich mit Brechts Stück echt Mühe gegeben habe, dem Stoff dann aber dennoch nichts Neues abgewinnen konnte. Das Publikum liefert sich abschließend ein Duell der Buh- und Bravo-Rufe, das mit einem Punktvorteil für die Befürworter der Inszenierung endet.

Die schönste Pointe des Abends ist vielleicht, dass mit Richard von Schulenburg (ehemals Die Sterne) und Thies Mynther (u.a. Superpunk und Phantom/Ghost) weitere Musiker aus dem Umfeld der ja tendenziell kapitalismuskritischen Hamburger Schule ihren Weg ins Theater gefunden haben. Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen inszeniert mittlerweile an den Münchner Kammerspielen, Rocko Schamoni ist am Hamburger Schauspielhaus mit Studio Braun und dem autobiografischen Stück "Dorfpunks" vertreten.

Wenn es um die staatlich höchstsubventionierte Kunstform des Theaters geht, scheint es tatsächlich keine Alternativen mehr zu geben.



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