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19. Oktober 2012, 18:01 Uhr

Zoff um Breivik als Bühnenheld

Das Schweigen der Belämmerten

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Skandal in Weimar? Das Deutsche Nationaltheater hat die Lesung eines Textes des norwegischen Attentäters Anders Breivik kurzfristig aus dem Haus verbannt. In Kopenhagen ist dagegen ein Stück namens "Manifest 2083" zu sehen, in dem ein Hüne in die Haut des Mörders schlüpft. Ein Horror-Abend.

In Weimar bekam der Chef des Nationaltheaters kurzfristig kalte Füße. Thomas Schmidt, der Interimsleiter der Bühne, verkündete am Donnerstag, er wolle den Argumenten des norwegischen Mörders Anders Breivik "kein Podium bieten". Trotzdem wurde die Generalprobe zu der seit Monaten für diesen Freitag angekündigten Veranstaltung "Breiviks Statement" in der Nationaltheater-Spielstätte E-Werk planmäßig durchgezogen. Erst zur Premiere muss der Schweizer Regisseur Milo Rau die Aufführung in ein nicht weit entferntes Kino verlegen. "Hier findet eine Skandalisierung durch Distanzierung statt", sagte der renommierte Dokumentartheatermacher Rau SPIEGEL ONLINE, "dabei ist das, was wir tun, völlig legal".

Rau will am Freitagabend in "Breiviks Statement" eine türkischstämmige Schauspielerin verlesen lassen, was der Rechtsradikale Breivik, der im Juli 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete, am 17. April vor dem Osloer Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit sagte. Durch Twitter und andere Kanäle gelangte der Redetext des Rechtsradikalen damals schnell an die Öffentlichkeit. Rau zielt darauf ab, durch den öffentlichen Vortrag, den er, wie man das heute so tut im Theater, eine Lecture Performance nennt, klar zu machen, "dass 80 bis 90 Prozent der westeuropäischen Bevölkerung unterschreiben würden, was Breivik sagt".

Die Person des Täters interessiere ihn nicht, sagt Rau, "nicht mal in seiner Erbärmlichkeit". Für ihn ist das Statement, das er im Rahmen eines theatralischen "Kongresses" (er trägt den eher irreführenden Namen "Die Moskauer Prozesse") in Weimar vorstellt, "ein Text aus Europa, der mehr oder weniger zufällig durch Breivik gesprochen wird".

Copy-und-Paste-Bastelei

In Kopenhagen ist seit Montag dieser Woche eine andere Aufführung zu sehen, die auf wohl noch drastischere Weise den Mann zum Bühnenhelden macht, der in Oslos Regierungsviertel Bomben zur Explosion brachte und auf der Insel Utøya wahllos Jugendliche erschoss. Im "Cafeteatret", einem knallengen Kellertheater mit schwarzgetünchten Wänden, in dem nur 48 Zuschauer Platz finden, zeigt der dänische Regisseur und Stückeschreiber Christian Lollike "Manifest 2083", sein Stück über den Mörder Anders Breivik.

Es basiert nur zum Teil auf Texten des Mörders, der Titel aber stammt praktisch von ihm. "2083. A European Declaration of Independence" überschrieb Breivik das 1500 Seiten lange Konvolut, das er sich in jahrelanger Copy-und-Paste-Bastelei im Netz zusammengesampelt und selbst verfasst hatte und vor seiner Tat wieder ins Internet stellte. Der Titel hat unter anderem damit zu tun, dass sich im Jahr 2083 jene Schlacht vor Wien zum 400. Mal jährt, in der ein europäisches Entsatzheer die Osmanen (und damit Muslime) schlug und ihren Vormarsch nach Mitteleuropa stoppte.

"Der Mörder Breivik ist ein gewöhnlicher Mensch"

Lollike und sein Solodarsteller Olaf Højgaard nennen ihren 90-Minuten-Abend ebenfalls eine Lecture Performance - und doch suchen sie auf spektakulär identifikatorische Art einen Weg in die Psyche des Täters. In Lollikes Anatomie eines Scheusals werden nicht nur Texte von Breivik voller Fremdenhass und Islamophobie vorgetragen und kommentiert. Sondern der hünenhafte Darsteller Højgaard kriecht mehr und mehr hinein in die Haut des Mörders. Der Schauspieler zerkleinert wie Breivik Düngemittel für den Bombenbau, vor einem riesigen Bild, das den Hof zeigt, auf dem der Täter lebte. Er hantiert mit einer Freimaurer-Uniform, wie Breivik eine hatte. Er malt sich Breiviks Bart ins Gesicht, er streicht sich das Haar glatt wie der Mörder. Und er streckt seinen kräftigen rechten Arm, dessen Muskeln er angeblich mit den gleichen Steroidpillen aufgepäppelt hat wie Breivik, zum Rechtsradikalen-Gruß.

"Der Mörder Breivik ist keine Bestie, sondern ein gewöhnlicher Mensch", sagt Regisseur Lollike, ein smarter, jungenhafter Typ, der Bertolt Brecht bewundert und Michael Moore. Der Theatermacher und sein Schauspieler Højgaard wollten mit ihrem Brevik-Abend schon im Januar 2012 herauskommen. Doch in Norwegen protestierten Angehörige von Opfern Breiviks gegen diesen Plan, auch dänische Medien schlugen Alarm, deshalb fand die Uraufführung von "Manifest 2083" erst jetzt in der Kopenhagener Kellerbühne "Cafeteatret" statt.

Klar üben Einzelmenschen, die durch Fühllosigkeit und Mordlust auffallen, traditionell eine starke Faszination aus auf Künstler und Intellektuelle, ob es sich nun um den römischen Kaiser Nero handelt oder um Charles Manson oder um das reale Vorbild für Hannibal Lecter, den wir aus dem "Schweigen der Lämmer" kennen. Im Theater erzählen Shakespeares Stücke ebenso von teils wahren Mordtaten wie es es zum Beispiel Bernard-Marie Koltés "Roberto Zucco" tut.

Der leicht großspurige Schwindel der Theatermacher besteht im Fall Breivik allerdings darin, dass Regisseure wie Rau und Lollike stets vorgeben, sie müssten einen Diskurs eröffnen, der anderswo nicht stattfindet. In Wahrheit jedoch haben Internet, Fernsehen und Printmedien den Fall Breivik und die Person des Täters erschöpfend dargestellt; und auch die eigene Rolle der Medien bei der Vermenschlichung respektive Dämonisierung Breiviks und bei der Verbreitung von dessen Thesen wurde an vielen Orten so gründlich kritisch untersucht, dass man von einem größeren Nachholbedarf ernsthaft nicht reden kann.

Vermutlich ist die Sprengkraft des Täter-Theaters auch deshalb eher gering. Proteste gibt es jedenfalls im Kopenhagener Theater keine. Beklommen und sehr still betrachten die Zuschauer die allmähliche Verwandlung des Darstellers Højgaard in Breivik, von dem Lollike sagt: "Er hat selber gehandelt wie ein Schauspieler, in allem was er tat."

Wird einem Breivik begreiflicher oder gar sympathischer durch den Theaterabend? Nein. Er zeigt den Mann als scheußlich mittelmäßige Existenz. Zugleich lehrt er den Zuschauer begreifen, dass erst ein inhumaner Faktor, der jenseits aller Jedermanns-Einfühlung liegt, Leute wie Breivik die letzten Skrupel nimmt und sie loswüten lässt. Am Ende versagt sich das Publikum erstmal den Applaus. Eine Minute lang wird nur geschwiegen in Kopenhagen. Es ist das Schweigen der Belämmerten angesichts des theatralen und des menschlichen Horrors.

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