Bremer Kunstfund "Es ist ein Munch, keine Frage"

Kunst-Sensation in Bremen: Hinter der Leinwand des Bildes "Die tote Mutter" von Edvard Munch entdeckte die Bremer Kunsthalle ein weiteres, bisher unbekanntes Gemälde des norwegischen Meisters.

Bremen - Für den Direktor der Kunsthalle Bremen, Wulf Herzogenrath, ist es eine "große Sensation". Vor einem Jahr hatte das Munch-Museum in Oslo die Kunsthalle gebeten, ihr Gemälde "Die tote Mutter" des norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944) näher zu untersuchen. Man erhoffte sich, auf der Rückseite Notizen, Aufkleber oder ähnliches zu finden. Tatsächlich fand die Bremer Restauratorin Barbara Wiemers etwas viel Spektakuläreres: ein bis dahin unbekanntes Munch-Bild.

Heute wurde das Werk in Bremen erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das um 1898 entstandene Gemälde zeigt ein nacktes, sitzendes Mädchen und drei bedrohliche Männerköpfe. Die Kunsthalle gab der unsignierten Komposition entsprechend den Titel "Mädchen und drei Männerköpfe". Das Gemälde, das laut Herzogenrath einen "unschätzbaren Wert" hat, ist zunächst für rund drei Monate in der Kunsthalle Bremen zu sehen. Anschließend soll es im Munch-Museum in Oslo gezeigt werden.

Zu Tage kam das Bild, als Restauratorin Wiemers die "Tote Mutter", die seit 1918 im Besitz der Kunsthalle ist, ausrahmte. Dabei entdeckte sie Farbspuren auf einer zweiten Leinwand, die bisher für eine Stützleinwand gehalten worden war. Eine Röntgenaufnahme schaffte Klarheit: Unter der "Toten Mutter" erschien eine Komposition im Munch-Stil. Daraufhin wagte es die Kunsthalle, die obere Leinwand abzuspannen. Zum Vorschein kam das bisher unbekannte Bild.

"Es ist ein Munch, gar keine Frage", betont Kunsthistorikerin Barbara Nierhoff. Dafür spreche etwa, dass die Aufspannung der Leinwand beim Bild "Die tote Mutter" völlig unberührt war. Zudem weise die Rückseite der "Toten Mutter" Farbspuren der unteren Leinwand auf. "Das lässt darauf schließen, dass die Farbe des unteren Bildes beim Aufspannen der zweiten Leinwand noch nicht trocken war." Da Munch keine Schüler gehabt habe, könne nur er das untere Bild geschaffen haben. Die Untersuchung eines Fingerabdrucks am oberen Rand soll weitere Gewissheit bringen.

Herzogenrath sagt, über Munchs Motiv, die eine Leinwand über die andere zu spannen, könne nur spekuliert werden. Möglich sei, dass dem Maler aus Geldmangel ein freier Keilrahmen fehlte und er daher einen bereits benutzten noch einmal gebrauchte. Dazu passe die überlieferte chaotische Arbeitsumgebung Munchs. "Er ließ Bilder sogar im Regen stehen." Löcher und Vogelexkremente auf seinen Werken beseitigte er nicht. "Es muss noch ein paar Fehler erhalten, ehe es richtig gut wird", soll Munch gesagt haben.

Nach den Worten von Nierhoff erinnert die Komposition "Mädchen und drei Männerköpfe" an keines der bekannten Munch-Bilder. Es greife zwar Elemente aus früheren Werken auf. Das Mädchen etwa, das schamhaft mit im Schoß zusammengefalteten Händen sitzt, ähnele dem Mädchen aus Munchs "Pubertät" (1893). Auch die drei Männerköpfe tauchen in der Lithografie "Begierde" (1898) wieder auf. Da Munch aber weder die Komposition noch das Sujet des bislang unbekannten Bildes wieder aufgriff, spreche vieles dafür, dass er das Werk verworfen habe.

Janet Binder, ddp

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