Schnappschuss aus Kavanaugh-Anhörung Was denken diese Frauen?

Ein Foto wurde nach der Anhörung von Brett Kavanaugh tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt und soll den Abscheu zeigen, den sein Auftritt bei Frauen auslöste. Aber stimmt das?
Kavanaugh bei seiner Anhörung

Kavanaugh bei seiner Anhörung

Foto: JIM BOURG/ REUTERS

Was von der Anhörung des Brett Kavanaugh vor dem US-Senat bleiben wird, das ist dieses ikonische Bild.

Fast möchte man es in Öl auf Leinwand bannen, weil es scheinbar die ganze Geschichte erzählt. Dabei ist es noch nicht einmal ein Foto. Es ist ein flüchtiger Screenshot nur, der doch in seiner beinahe zentralperspektivischen Anlage und Konzentration auf den Mann im Mittelpunkt ein wenig an Leonardo da Vincis schicksalhaftes "Abendmahl" erinnert: "Nehmt, dies ist mein Leib".

Nun ist Kavanaugh kein Heiliger, sondern als Donald Trumps erzkonservativer Kandidat für einen Posten am höchsten Gericht der USA mehrerer sexueller Übergriffe beschuldigt. Dafür hatte er sich zu rechtfertigen. Man muss nicht einmal im Ohr haben, wie lautstark und dominant er alle Anschuldigungen als freche Erfindungen von sich wies. Es spiegelt sich die empörte Aggressivität des machtgewohnten Mannes bereits in seiner Mimik. Dieses Gesicht sagt, nein, brüllt: "UNVERSCHÄMTHEIT! WAS ERLAUBEN SIE SICH?"

Umso interessanter, wie betroffen bis bedröppelt die Frauen um ihn herum dreinschauen. Sie sind der Grund, warum ausgerechnet dieses Bild in den sozialen Netzwerken "viral gegangen" ist. Es dient als unbestechlicher, weil mimischer und damit unwillkürlicher Beleg für den Ekel, die Abscheu und den Unglauben, mit dem Frauen auf die Einlassungen des sexuellen Gewalttäters reagieren. Wie in der antiken Tragödie ein Chor, der dem Solisten widerspricht.

Unerschütterlicher "I stand by my man"-Blick

Tatsächlich waren im Saal bei jeder Anhörung jeweils 20 Stühle für die Parteigänger von Blasey Ford beziehungsweise Brett Kavanaugh reserviert. Nicht ohne Grund und im Wissen um die daraus resultierenden Bilder hat der Beschuldigte in den ersten beiden Reihen seine Gefolgsleute platziert, ganz vorne die Frauen. Im Foto sind die Männer rechts und links abgeschnitten. Das ist bereits eine ikonografische Aussage. Konzentrieren wir uns also auf die Frauen, die wütenden und empörten Frauen.

Bei der Dame ganz links, die den Kampf gegen ihre Tränen bereits verloren hat, handelt es sich um Martha Kavanaugh, die Mutter des ehrenwerten Richters. Gleich rechts neben Kavanaugh, mit dem Leidensblick einer Mater dolorosa, sitzt seine Gattin Ashley. Zwischen den beiden weiblichen Familienmitgliedern sehen wir Laura Cox Kaplan, die offenbar gerade eine ganze Zitrone verspeist hat. Kaplan ist eine "Freundin der Familie" (und in Begleitung ihres Mannes gekommen, hinter ihr in blauer Krawatte, Joel Kaplan, bei Facebook zuständig für die Richtlinien, ungewöhnlich genug, aber bleiben wir bei den Frauen).

Rechts neben Kavanaugh schaut Suzanne Mattan mit einem unerschütterlichen "I stand by my man"-Blick zu ihm auf. Mattan ist mit dem Beschuldigten seit Jugendtagen befreundet und dient im Ensemble als Gewährsfrau für dessen außereheliche Untadeligkeit. Ihr zur Seite sitzt Zina Bash, Republikanerin und ehemalige Anwältin von Brett Kavanaugh. Auch sie kennt ihren Pappenheimer, auch sie steht zu ihm.

Hoheit über die Bilder

Um sich versammelt also hat der wütende Mann, was sein gutes Recht ist, handverlesene "Women For Kavanaugh". Ihre Mimik ist durchaus als Ekel, Bestürzung und Betroffenheit zu lesen. Allerdings nicht über die Taten eines vermeintlichen Gewalttäters oder seine alphamännchenhafte Verteidigung - sondern über den unfairen Umgang mit einem guten Sohn, Gatten, Freund, Klienten. Nach dieser Lesart zeigt auch das Gesicht von Kavanaugh nichts anderes als die nachvollziehbare Wut eines Unschuldigen.

Dieser Screenshot und seine virale Verbreitung ist ein perfektes Beispiel dafür, wie rasch uns im digitalen Raum die Hoheit über die Bilder vom Schwarm aus der Hand genommen wird. Ein kurzer Klick, ein kurzer Blick - und weg damit. Schon drücken die Gesichter "seiner" Frauen aus, was seine Gegnerinnen und Gegner darin ausgedrückt sehen wollen.

Selbst wer um die Hintergründe weiß, zieht den allzu verführerischen Schluss, dass dieser Mann augenscheinlich selbst jene Frauen das Fürchten lehrt, die ihn doch eigentlich unterstützen sollten. Mag sein, dass Kavanaugh hier seine Inszenierung entglitten ist. Mag sein, dass er sich eine gewisse Schadenfreude selbst eingebrockt hat. Mehr aber auch nicht, #Metoo hin, #whyididntreport her.

Wer gegen den Vorwurf der Verbreitung von "Fake News" kämpft und "gefühlten Wahrheiten" jede Evidenz abspricht, der sollte sie auch dann nicht selbst verbreiten, wenn sie ihm gerade so wunderbar in den Kram passen.