S.P.O.N. - Der Kritiker Der Beginn einer neuen Ordnung

Die Linke sah in der Masse immer die Lösung. Die Rechte dagegen nur ein Mittel zum Zweck. Das ist die bittere historische Pointe des Brexit.

Eine Kolumne von


Arthur Koestler konnte es nicht fassen. Da waren die Massen und ihre Not, da waren das System und seine Ungerechtigkeit, da waren die Linke und die Lösung - aber die Massen wählten die Rechten, die Faschisten, den eigenen Untergang.

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Das war in den Dreißigerjahren. Der ungarisch-deutsch-englische Schriftsteller Koestler, ein zentraler europäischer Denker wie George Orwell, geriet selbst in den Sog der Ideologien, der ihn fast verschlang.

Er warnte früh vor dem Kommunismus, er kämpfte immer gegen den Faschismus, er war auf Seiten der Vernunft, die es stets schwer hatte auf diesem Kontinent, der sich feierte im Namen der Rationalität.

Bis sie, so schien es, gesiegt hatte.

Die Europäische Union war - ohne Verklärung und bei aller Kritik am real existierenden undemokratischen Zustand, die gerade an dieser Stelle seit Jahren wiederholt wurde - eine vernünftige Antwort auf die blutigen Fragen der oft so irrational wütenden Nationalstaaten.

Jetzt scheint sie durch das britische Kampfvotum selbst historisch zu werden. Jetzt werden wir wohl Referendum für Referendum und Wahl für Wahl die Auflösung und Abwicklung der EU beobachten können. Jetzt haben die Hetzer, Rassisten und Opportunisten erst einmal gewonnen.

Man muss leider gerade mit etwas Fatalismus auf diesen gerontischen Kontinent blicken, der sich, so sieht es aus, vom 21. Jahrhundert verabschiedet.

Es ist ein Sieg der Nostalgie, der Vergangenheit, der Alten, traditionell das Reservoir der Rechten, gegen die Zukunft, die Jugend, die Gerechtigkeit, traditionell auf Seiten der Linken.

Es ist ein Coup, ein demokratischer Staatsstreich, es ist der Beginn einer neuen Ordnung, die vieles von dem in Frage stellt, was gewohnt und sicher schien.

Etwa der Gang der Geschichte auf ein gutes Ziel zu, wie ihn Francis Fukuyama nach dem Fall der Mauer beschrieben hat, das "Ende der Geschichte", was zu Blindheit und Bequemlichkeit führte.

Die Masse als Mittel zum Zweck

Damals, 1989, begann mit dem falschen Glauben an den Automatismus des demokratischen und kapitalistischen Systems, was am 23. Juni 2016 endete.

Es muss nicht so kommen, und viele werden dafür kämpfen, dass es nicht so kommt, viele werden, wie Koestler, wie Orwell, für die Vernunft eintreten, für die Zukunft, für Gerechtigkeit.

Was in diesem Fall heißen würde, eine demokratische Konterrevolution zu starten, die EU durch radikale Reformen aus der Krise zu führen, die Ungerechtigkeit dort zu kritisieren, wo sie entsteht.

Aber die Drift ist nun einmal gerade umgekehrt, und die Enttäuschung über die Irrationalität der Massen ist dabei ein - siehe Koestler - altes linkes Thema.

Die Linke, und das ist möglicherweise ihr Problem, sah in der Masse immer die Lösung, sie glaubte an die Masse, sie wollte sie, ernsthaft, emanzipieren.

Die Rechte dagegen, und das ist ihr tückischer Triumph, sah in der Masse immer nur ein Mittel zum Zweck, sie stachelte sie an, sie wollte nie etwas anderes, als dass alle an ihrem Platz bleiben.

Eliten-Hass, angeführt von der Elite

Und genau das ist die bittere historische Pointe dieser massenpsychologischen Verführungsaktion mit Namen Brexit, bei der die britische Boulevardpresse eine entscheidende Rolle spielte: Es war ein Putsch, der die Putschisten ans Messer liefern wird.

Denn dieser "Aufstand", so nennt es die "Financial Times", ist ein Aufstand der Verlierer der letzten 30 Jahre, der angeführt wird von denen, die entscheidend verantwortlich sind für all das, wogegen sich der Brexit-Protest richtete - die Konservativen und die Marktradikalen.

Die Arbeiter und die untere Mittelschicht, die seit der Revolution von Margaret Thatcher Anfang der Achtzigerjahre immer stärker unter der wachsenden Ungleichheit leiden, haben sich einreden lassen, dass die EU für ihre Sorgen verantwortlich ist.

Und nun sitzen sie mit denen im Boot, die sie benutzt haben. Ihr Sieg war Systemwiderstand. Es war Eliten-Hass, angeführt von der Elite.

Die Linken hat in den vergangenen Jahren - zu ängstlich, zu zögerlich, das ist ihr historisches Versagen - immer und immer wieder auf eine Reform der EU gedrängt, friedlich und konstruktiv wie etwa Yanis Varoufakis mit seiner Bewegung DIEM25.

Die Rechten haben Rebellion an die Stelle der Reform gesetzt, sie haben den Rückwärtsgang der Geschichte eingeschaltet, und es war Krieg ohne Krieg.

Europa steht vor einem Trümmerhaufen

Der Ukip-Chef Nigel Farage hat es selbst so gesagt, sehr klar und besonders grausam, nachdem Jo Cox vor ein paar Tagen von einem nationalistischen Fanatiker ermordet wurde: Der Sieg sei errungen worden, "ohne dass eine einzige Kugel gefeuert wurde".

Für Europa bedeutet das: Groß-Britannien wird Klein-Britannien und driftet ins Abendrot. Frankreich, ob mit oder ohne Marine Le Pen, sinkt auf das Niveau von Italien. Und Deutschland hat, zumindest machtpolitisch gewonnen.

Auch das wurde hier schon mehrfach gesagt, vor allem in Zusammenhang mit der fatalen Griechenland-Politik der vergangenen Jahre: Der Zweite Weltkrieg hat einen überraschenden Sieger, und der heißt Deutschland.

Arthur Koestlers Leben hatte einen Wendepunkt, das war der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939. Er sah den Verrat damals. Alles war anders danach.

Der Krieg in Syrien ist der Spanische Bürgerkrieg unserer Tage, der Verrat Europas wiegt schwer, der Verrat an Syrien und der Verrat an den Flüchtlingen.

Moralisch steht Europa nackt da. Politisch vor einem Trümmerhaufen.

Wenn Europa seine eigenen Werte verrät, ist es nicht Wert zu überleben.



insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
nofreemen 26.06.2016
1. wie ein Horrorfilm
Reformen müssen dringend her. Wer muss diese einleiten und durchsetzen? Die Verlierer? Ja die Verlierer und ihre erste Aussage ist: es den Briten so schwer wie möglich zu machen. Wenn das kein gutes Omen ist.
jufo 26.06.2016
2. toller Artikel
Ein wenig fatalistisch vielleicht aber wenn Fatalismus das "weiter so" verhindert ist er ein willkommenes Mittel zum Zweck.
agua 26.06.2016
3.
Die Gründung der EWG diente dem Friedenserhalt.Die Aufnahme weiterer Länder diente der Macht und dem Einfluss auf Kosten der meisten EUbürger.Die Finanzkrise machte dies besonders deutlich, einschliesslich der Umgang mit von Nationalstaaten gewählten Regierungen, insbesondere in Griechenland.Der Brexit ist lediglich eine weitere Folge der Politik der Gier.Eine Konsequenz, wenn politische Entscheidungen zu viele Verlierer erzeugt.
bestrosi 26.06.2016
4. Untergangsprophet
Der letzte Satz erinnert an einen anderen Apokalyptiker ("Wenn das deutsche Volk..."). Im Übrigen beklagen sich immer diejenigen, die bei Abstimmungen verlieren. Get over it.
soalso 26.06.2016
5. Europa 2.0
hab mich an einen älteren artikel von ihnen erinnert , der diese entwicklung so schon gesehen hat. und ja, syrien muss man dem tatsächlich hinzufügen, ob nun als europäische oder als deutsche verantwortung sei mal dahin gestellt... [url]http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-der-kritiker-was-uns-friedrichzwo-ueber-europa-2-0-sagt-a-811767.html[url]
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