Brexit "Ich habe den Verdacht, dass manche Briten dieses Drama genießen"

Normalerweise erklärt Kate Connolly den Briten Deutschland. Seit der Brexit-Entscheidung hat die "Guardian"-Korrespondentin aber das Gefühl, sie müsse sich für ihr Großbritannien entschuldigen. Warum?

Brexitbefürworter und -gegner vor dem Parlament
imago/ ZUMA Press

Brexitbefürworter und -gegner vor dem Parlament

Ein Interview von


Zur Person
  • Paula Winkler/ Hanser
    Kate Connolly arbeitet seit 1996 als Journalistin und berichtet als Korrespondentin für den "Guardian" und den "Observer" aus Deutschland. Nach dem Brexit-Referendum hat die Britin die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und darüber das Buch "Brexit Exit. Wie ich Deutsche wurde" geschrieben. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Potsdam.

SPIEGEL ONLINE: Frau Connolly, nach dem kräftezehrendem Hin und Her der vergangenen Monate schütteln viele Deutsche bloß noch den Kopf, wenn es um den Brexit geht. Sie verstehen nicht mehr, was die Briten wollen. Wissen Sie's?

Kate Connolly: Je näher der 29. März kommt, also das potenzielle Austrittsdatum aus der EU, desto panikartiger werden die Leute. Sie hamstern zum Beispiel Lebensmittel. Gleichzeitig habe ich den Verdacht, dass manche Briten dieses Drama genießen. Denn es ist ein Zusammenhalt entstanden, den man lange nicht gespürt hat.

SPIEGEL ONLINE: Man vermutet eigentlich das Gegenteil zwischen den Brexit-Lagern.

Connolly: Ja, aber als May die Abstimmung über den Vertrag mit der EU verloren hat, haben sich beide Seiten gefreut. Vor dem Parlament herrschte Karnevalsstimmung. Das fand ich pervers; es ist fast ein "Dunkirk-Spirit", wie damals im Zweiten Weltkrieg.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen damit den Moment, als britische Soldaten an der französischen Küste von Nazis eingekesselt wurden und britische Zivilisten sie in Booten auf die Insel retteten.

Connolly: Genau, als Churchill gegen jede Vernunft sagte: Wir schaffen das zusammen, wir holen euch. Das war so irrational. Es passt zur Gegenwart.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie das Ergebnis des ersten Referendums über Monate hinweg schockiert hat. Wie fühlen Sie sich heute damit?

Connolly: Sehr traurig. Wenn ich mich jetzt irgendwo vorstelle, sage ich: "Tut mir leid, ich komme aus Großbritannien." Und ich schäme mich ein bisschen, wenn meine Tochter mit ihrem Union-Jack-Roller fährt. Bei meinen letzten Besuchen Zuhause habe ich allerdings gemerkt, wie sehr das Thema in Alltagsgesprächen unterdrückt wird. Denn es hat ein großes Streitpotential, viele Ehen sind daran zugrunde gegangen.

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Kate Connolly:
Exit Brexit

Wie ich Deutsche wurde

Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann

Carl Hanser; 304 Seiten; 19,00 Euro

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SPIEGEL ONLINE: Auch Ihre Eltern haben unterschiedlich abgestimmt, schreiben Sie: Ihre Mutter dafür, Ihr Vater dagegen.

Connolly: Mittlerweile ist mein Vater aber auch dafür, vielleicht wegen der Harmonie in der Ehe. Nach 50 Jahren will man ja schließlich nicht wegen des Brexits auseinandergehen. Auf einer Familienfeier habe ich mal versucht, darüber zu reden. Aber mein Onkel hat mich davon abgehalten. Zu schweigen, das ist sehr britisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das innerhalb der "Guardian"-Redaktion, für die Sie arbeiten? Auf den Titelseiten hat sich die Zeitung gegen den Brexit positioniert.

Connolly: Da gibt es auch unterschiedliche Meinungen. Es gibt natürlich sehr viele Brexit-Gegner, jedoch auch eine kleine, aber harte linke Seite, die die EU verlassen will.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in den vergangenen Monaten neue Seiten an Ihrer Heimat entdeckt?

Connolly: Ja, die Engstirnigkeit vieler Briten. Und mir ist nochmal bewusst geworden, dass wir eine Insel sind. Früher hieß das für mich: abenteuerlicher sein, weil man ja immer weg muss. Jetzt bedeutet der Begriff "Insulaner" für mich aber, in sich zu gehen, sich zu isolieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben wegen des Brexits die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Was vermissen Sie?

Connolly: Vieles. Familie und Freunde natürlich, aber auch das großartige Theater und den Humor. Der ist im Alltag in Großbritannien sehr wichtig, er ist unser Ventil: Wenn zum Beispiel die U-Bahn nicht fährt, reagieren wir mit schwarzem Humor und lachen. Sogar über den Brexit, der ja auch bloß ein Ausdruck unserer Identitätskrise ist.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt die?

Connolly: Man kann sie zurückführen auf die Zeit, als wir ein großes Empire waren und es langsam zerbröckelte, also Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Das hat man nie verwunden.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Connolly: Deutschland und Großbritannien sehen ihre Gegenwart durch das Prisma der Vergangenheit. Für die Deutschen heißt das, dass sie ihre NS-Vergangenheit vergessen wollen. Für sie ist die EU ein Fluchtort, der sie vor sich selbst rettet. Die Briten wiederum wollen zurück zum glorreichen Empire und damit zurück in die Vergangenheit. Zuletzt hat man diese Identitätskrise sehr deutlich während des schottischen Unabhängigkeitsreferendums gespürt, das scheiterte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass es zu einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum kommt?

Connolly: Ja. Es wird dauern, weil man sich dieses Mal sicher sein müsste, dass es klappt. Und: Die Nordiren waren ja auch gegen den Brexit, die Londoner ebenfalls und in Wales war es knapp.

SPIEGEL ONLINE: Das Interesse an der britischen Kultur allerdings, zumindest in Form von Serien wie "The Crown" oder "Sherlock", scheint in Deutschland ungebrochen.

Connolly: Merkwürdigerweise ist diese Attraktivität nach wie vor intakt, die Deutschen scheinen genauso verliebt wie zuvor. Ich bin gespannt, welche Geschichte der erste "James Bond" nach dem Brexit erzählen wird. Vielleicht verliert 007 all seine europäischen Partner. Oder er wird wegen #MeToo in Bedrängnis geraten.



insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
Violator 29.01.2019
1. Es ist tragisch, aber lasst sie gehen
Sollte es zu keinem weiteren Referendum kommen, oder dieses sogar pro Brexit ausfallen, lasst sie ziehen. Entweder schaffen sie es allein, oder sie werden in ein paar Jahren darum betteln wieder mitspielen zu dürfen. Aber dann bitte ganz oder gar nicht. Wie auch immer, der Urlaub in GB wird demnächst auf jeden Fall günstiger werden :)
isi-dor 29.01.2019
2.
Na ja, ob diese Leute es wirklich "genießen"? Es mag ein paar Genießer vom Schlage eines Johnson oder Farrage geben, die sich am Elend anderer weiden, weil sie sich davon einen Sprung nach Oben erhoffen, aber die breite Masse ist das sicher nicht.
Uwe, Agentin der Liebe 29.01.2019
3. Ex negativo
Das Vereinigte Königreich hat kein Empire mehr, dafür aber die Aufmerksamkeit, die ihm aus seiner Sicht zusteht. Das kann man mit Royal Weddings allein nicht erreichen. Der Brexit ist Imagepflege ex negativo.
schwerpunkt 29.01.2019
4.
Ich bin einerseits von den Briten und dem, was sie sich mit dem Brexit auferlegt haben, fasziniert. Persönliche wirtschaftliche Folgen egal, Hauptsache eine ganz eigene nationale Emotion. Mittlerweile dürften sich die meisten Briten im Klaren darüber sein, was für sie organisatorisch und wirtschaftlich zu kommt. Und viele bleiben dennoch bei ihrer Meinung. Obwohl ich Großbritannien mag und einige meiner Freunde Briten sind, kann ich nicht nach vollziehen, was da in ihnen vor geht (wobei kein einziger meiner britischen Freunde Brexit-Befürworter ist - insofern ist dieser Kreis wohl nicht repräsentativ).Eventuell haben sie tatsächlich so wenig europäische Identität, dass es langfristig nur folgerichtig ist, dass sie damit auch aus der EU ausscheiden. Auch wenn es im Fall eines ungeregelten Brexits eine chaotische Übergangsphase geben wird und wirtschaftlich für viele mittelfristig schwieriger wird, wäre dies in dem Fall für Großbritannien die richtige Entscheidung. Nur knapp die Hälfte wollen in der EU bleiben. Wobei es nicht heißt, dass die Remainer glühende Europa-Befürworter sind ("Europa" im Sinn eine europäischen Identität, welche sich in diesem Staatenbund und später eventuell in einem gemeinsamen Staat manifestiert), sondern diesen verbleib eher oder ausschließlich eben aus wirtschaftlichen gründen sehen. Auch dann wäre es für diese es richtig aus der EU auszuscheren. Die Idee Europa und das jetzige Konstrukt EU ist mehr als nur ein wirtschaftlicher Verbund (oder sollte das zumindest sein). es ist ein Zeichen dafür, dass lange Feindschaften und Rivalitäten überwunden werden können, wir trotz aller Unterschiede eine gemeinsame Vergangenheit, eine gemeinsame Kultur und ein gemeinsames Wertesystem haben, dass uns verbindet. Wenn die Briten das mehrheitlich nicht so empfinden, dann ist der Brexit richtig. Ich persönlich empfinde mich als Europäer, noch vor meiner Identität als Deutscher. Das kann möglicherweise in dem von Frau Connolly angesprochenen Thema der faschistischen Vergangenheit liegen, auch wenn ich das nicht so wahrnehme und lange nach der unsäglichen Nazi-Diktatur geboren wurde. Nichts desto trotz bin ich dankbar in diesem Land geboren und aufgewachsen zu sein und stehe zu meiner Nationalität als Deutscher, bezeichne mich auch als Patriot. Genau deswegen bin ich ein glühender Anhänger der Idee von einem gemeinsamen Europa. Viele Briten empfinden das offensichtlich in einem mir nicht nachvollziehbaren Maße ganz anders. Das ist in meinen Augen kein Grund sich entschuldigen zu müssen. "Anders" heißt nicht "schlechter". Wenn Briten sich als Briten empfinden und das eine Identität als Europäer ausschließt, dann ist das eben so. Das gehört zur Vielfalt, welche ich gerne als weiteres Element in Europa und unserer gemeinsamen Gesellschaft gesehen hätte. Ohne jeglichen Sarkasmus: viel Erfolg!
Erkläromat 29.01.2019
5. Oh Himmel!
Wenn die Dame Deutschland den Briten genauso "gut" erklärt wie uns die Briten, soll sie bitte mit beidem aufhören....
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