Duo Brian Eno und Yanis Varoufakis Marxismus, der sich locker macht

Ein Politiker, der als Popstar wahrgenommen wird. Und ein Popstar, der seine Prominenz in den politischen Raum trägt: Yanis Varoufakis und Brian Eno treten jetzt gemeinsam auf.
Yanis Varoufakis und Brian Eno: Gesellschaftliches Modell der Band

Yanis Varoufakis und Brian Eno: Gesellschaftliches Modell der Band

Foto: Sachelle Babbar/ ZUMA Wire/ picture alliance; Sean Gallup/ Getty Images

Yanis Varoufakis zählt an den Fingern seiner Hand ab, was geschehen müsse, damit die Welt sich zum Guten wende: Vergemeinschaftung, ein föderales Europa und so weiter: Es sind viele, derzeit umso utopischere Punkte. Varoufakis trägt sie auf seine übliche Weise vor: forsch und bestimmt, mit starkem griechischen Akzent. Unterdessen schiebt Brian Eno, der dem Wunschkonzert bisher schweigend lauschte, mit dem Zeigefinger ganz behutsam das Aufnahmegerät quer über den Tisch, weg von sich, hin zu Varoufakis, und flüstert dem Reporter zu: "Unter den akustischen Umständen dieses Raumes werden sie es beim Abhören sonst schwer haben, ihn gut zu verstehen."

Wenn es jemanden gibt, der sich mit der Wirkung von Klang im Raum auskennt, dann ist das der politisch interessierte Popstar Brian Eno. Wenn es jemanden gibt, der als linker Ökonom im politischen Raum selbst wie ein Popstar wirkt, dann ist das Yanis Varoufakis. Und wenn es eine Männerfreundschaft gibt, deren innere Dynamik etwas über Pop, Politik, Populismus und den heutigen Zustand der Linken verrät - dann ist es die zwischen Brian und Yanis.

Der 71-jährige Brite Eno hat bei Roxy Music gespielt und danach Ambient erfunden, die Musik als Möbel. Er hat unter anderem "Low" und "Heroes" produziert und damit David Bowie erst zu David Bowie gemacht, den Sound von U2 ("Achtung Baby") ebenso geformt wie den von Grace Jones, David Byrne, Laurie Anderson, John Cale, Genesis, Nico oder Coldplay.

Varoufakis ist die Leadgitarre, sozusagen

Der 58-jährige Grieche Varoufakis vertrat 2015 für wenige Monate als Finanzminister unter Alexis Tsipras die Interessen seines heillos verschuldeten Landes gegenüber der Gläubiger-Troika. Im griechischen Parlament sitzt er noch immer, auf europäischem Parkett engagiert er sich mit der von ihm initiierten Linkspartei DiEM25 (Democracy In Europe Movement 2025). Zu ihren Gründern zählen so illustre Intellektuelle wie Noam Chomsky, Slavoj Zizek - und Brian Eno.

Yanis Varoufakis & Brian Eno im Gespräch in London

Yanis Varoufakis & Brian Eno im Gespräch in London

Foto: Harry Mitchell/ Intelligence Squared

Das gemeinsame Interview im kargen Hinterzimmer der Cadogan Hall in London ist eine Ausnahme; das Verhältnis von Eno und Varoufakis ist nicht das zwischen Vater und Sohn, eher eine weltanschauliche Bromance: Als Schnittmenge beider Intellektueller erweist sich das Politische, ein Denken outside the box. Gewissermaßen ein Marxismus, der sich mal locker gemacht hat. Wenn sich die beiden begegnen, dann, wie Eno einräumt, "eigentlich nur vor großem Publikum". Fortsetzen werden die beiden ihr einvernehmliches Gespräch später vor 600 zahlenden Zuschauern, ein linksliberales zugeneigtes Publikum, von dem nicht ganz klar ist, wer wegen Eno und wer wegen Varoufakis gekommen ist.

Varoufakis erklärt jetzt, als Ökonom "mehr mit Ideen als mit Zahlen" zu tun zu haben. Und Ideen fallen in das Ressort von Eno: "Ich habe mich mein Leben lang gefragt, woher Kreativität und Intelligenz kommen", sagt er. "Inzwischen glaube ich, dass sie aus der Gemeinschaft kommen". Wäre das hier ein Gig der Yanis-&-Brian-Gruppe, die ihr Album "Our Way into an Incredibly Bright Future" vorstellt, würde Eno aber höchstens das Keyboard im Hintergrund spielen. Vielleicht würde er auch den Sound produzieren.

Der Mann für den atmosphärischen Hintergrund

Denn auch im kleinen Kreis ist Varoufakis der Wortführer und Virtuose, die Leadgitarre sozusagen. Er spricht von Steuerpolitik, Finanzmärkten, Demokratiedefizit und einer grünen Energiewende so, wie er vermutlich auch Motorrad fährt - mit aberwitziger Beschleunigung, hoher Konzentration und überraschenden Schräglagenwechseln von einem Thema zum anderen. Wie Wolfgang Schäuble das seinerzeit gefunden haben mag, kann man sich plötzlich gut vorstellen.

Varoufakis' Rede ist so rasant, dass sich ihre Plausibilität quasi wie von selbst ergibt. Vergemeinschaftung gemeinsamer Güter, Vergesellschaftung der Gewinne, Vertreibung der Heuschrecken, ein föderales Europa. Doch, klingt vernünftig. Selbst dann, wenn er im Spiel mit den rhetorischen Fliehkräften mal Hegel mit Nietzsche verwechselt. Eno beschränkt sich weitgehend aufs Zuhören und wohlwollende Nicken. Manchmal steuert er eine Metapher bei, Theoretisches. Er ist, wie auch in seiner Kunst, für das Ambiente zuständig. Der atmosphärische Hintergrund, vor dem das Dingliche und Dringliche - als das Politische - umso deutlicher zur Geltung kommt.

"Wir brauchen keine Experten"

Anders als in der Romantik, sagt Eno, sei der exponierte Künstler kein Genie im eigentlichen Sinne - sondern nur derjenige, der die Idee zum Vortrag, sie vielleicht sogar zum Durchbruch bringen könne. Mit diesem demokratischen Ansatz ist es nur ein kleiner Schritt von der Musik in die Politik. Und zurück in die Romantik. Die Kraft zur Umsetzung all der vernünftigen Ideen liegt beim Volk.

Varoufakis nickt und erklärt: "Von Brian habe ich die Idee, dass ein anderes gesellschaftliches Modell denkbar ist: das Modell der Band". Eine Gemeinschaft hoch spezialisierter Individualisten, die ohne Kommunikation und Synergie "nichts als Lärm produzieren" würden. So wie es vom homo oeconomicus zu erwarten ist, den VWL-Studenten schon im ersten Semester kennenlernen - als repräsentatives Modell des profitorientierten Menschen, der sein Gegenüber entweder als Kunden oder Konkurrenten sieht.

Während Eno einem schöpferischen Dilettantismus das Wort redet, sagt Varoufakis: "Wir brauchen keine Experten. Wenn es um Politik geht, ist jeder, den diese Politik betrifft, ein Experte".

Es ist der Glaube an die Vernunft und die Kompetenz der vielen, die Varoufakis und Eno teilen. Ihre Hoffnung richtet sich nicht auf bestehende Parteien, sondern auf Bewegungen, NGOs.

Das klingt alles ein bisschen naiv, eine Prise utopisch, aber eben auch ausreichend plausibel. Ins Straucheln kommt die Hoffnung aber, spricht man Eno auf sein Verhältnis zur umstrittenen BDS-Kampagne an, der internationalen Kampagne zur kulturellen Isolation des israelischen Staats, die ja auch zu den neuen Formen politischer Teilhabe zählt. Eno ist hier sehr engagiert. Zuletzt hat er Nick Cave in einem öffentlichen Brief gebeten, nicht in Tel Aviv aufzutreten - der spielte trotzdem, vielleicht sogar deswegen. Eno quittiert die Frage mit einem Seufzen: "Warum sind es immer deutsche Journalisten, die mich nach BDS fragen?"

Vielleicht, weil wir keine "Kauft nicht bei Juden"-Haltung unterstützen? "Euer Problem in Deutschland ist", sagt Eno, "dass es immer mit diesem Satz übersetzt wird". Die Regierung in Israel nutze Kultur als Propaganda. Konzerte in Israel seien die lukrativsten der Welt, bisweilen würden bis zu fünf Millionen Dollar bezahlt. "Warum? Weil sie glauben, dass du ein richtig guter Künstler bist?"

Eno räumt ein, dass "BDS auch eine Schattenseite hat". Für ihn würden aber die positiven Effekte überwiegen. Varoufakis übernimmt und bemüht sich um Differenzierung: "Man muss unterscheiden zwischen BDS in England und BDS in Deutschland, das ohne Zweifel von Antisemiten unterwandert ist." Israel habe großes Interesse daran habe, Antisemitismus und Kritik an seiner Politik als etwas Identisches erscheinen zu lassen: "Und BDS in Deutschland spielt dem in die Hände."

Bald ist nicht mehr die Akustik, sondern das Adrenalin im Raum ein Problem. Eno schaut auf die Uhr, lächelt und sagt, plötzlich ganz ruhig: "Die Frage nach BDS hätten Sie gleich am Anfang stellen müssen. Dann hätten wir über nichts anderes geredet".