Material-Mix-Künstler Brian Jungen Clash der Kulte

Baseball-Handschuhe werden zur Rüstung, Turnschuhe zu Indianer-Masken: In seinen Skulpturen verbindet der kanadische Künstler Brian Jungen Kultobjekte aus der Welt des Sports mit der Symbolik der Ureinwohner Kanadas. Jetzt sind seine außergewöhnlichen Arbeiten im Kunstverein Hannover zu sehen.

Es ist ziemlich verlockend, sich dem Werk Brian Jungens anekdotisch zu nähern. Ein bisschen ist der Künstler daran selber schuld. Denn Jungen, 42, ist ein öffentlichkeitsscheu wirkender Mann, der reflektiert und präzise, aber auch knapp und leise spricht. Und seine Worte kommen am ehesten ins Fließen, wenn er erzählt, aus welchen Alltagssituationen heraus er seine Anregungen gewinnt.

Da war zum Beispiel der Sommer-Job, der ihn um 1994 zu seinen ersten skulpturalen Arbeiten inspirierte. Jungen war als Sohn eines Schweizers und einer Ureinwohnerin vom Stamm der Dane-Zaa in einem Reservat im westkanadischen British Columbia aufgewachsen, hatte aber Kunst in Vancouver studiert. Nach dem Studium und etlichen Reisen kehrte er in seine Heimat zurück, um dort etwas Geld zu verdienen.

Die Arbeit bestand darin, eine schnurgerade Schneise durch den Wald zu schlagen, die für seismische Messungen genützt werden sollte. Der Job erinnerte Jungen an die Land-Art-Projekte der sechziger und siebziger Jahre, bei denen die Landschaft selbst zum Material von skulpturalen Werken geworden war. Und hatte er bis dahin vor allem gezeichnet, fing er nun an, dreidimensionale Objekte entstehen zu lassen.

Die spezifische Prägnanz seiner Arbeitsweise aber fand er erst vier Jahre später nach einer Runde Sightseeing in New York. Er hatte das Museum of Natural History  und das Metropolitan Museum  besucht und schaute anschließend noch im Niketown-Konsumtempel vorbei. Dort stand er plötzlich vor Sportschuhen, die in Vitrinen präsentiert wurden wie sonst Kult- oder Kunstgegenstände in Museen.

Golftaschen zu Totempfählen

Zurück in Kanada kaufte Jungen einige Exemplare der Turnschuhe, löste ihre Nähte, trennte ihre Komponenten auf und begann, sie neu zusammenzusetzen - ohne recht zu wissen wozu. So entstand am Ende eine ganze Serie von fetischartigen Objekten, die vage an indianische Masken erinnern. Diese "Prototypes of New Understanding" gehören zu dem Eigenwilligsten und Einprägsamsten, was die Kunst der letzten Jahre hervorgebracht hat.

Bei weiteren Arbeiten schöpfte Jungen ebenfalls aus dem Ineinander von rituell und kultartig aufgeladenen Sportartikeln und zeremoniellen indianischen Objekten: Totempfähle aus senkrecht gestapelten Golftaschen. Oder Basketball- und Football-Trikots, die - aufgetrennt, zerschnitten, neu vernäht und verflochten - traditionellen Webdecken ähneln.

Jungen gelangen so Formfindungen, die weit über das hinausgehen, was sonst oft als künstlerische Strategie reichen muss: den effektvoll und gagartig inszenierten Clash von Disparatem. Denn seine Kombi-Präparate sind genau gesättigt mit ästhetischem Eigensinn wie mit künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Referenzen.

Die Golftaschen etwa verweisen auf die Auseinandersetzungen zwischen indianischen Völkern und dem Staat Kanada, die sich 1990 durch den Versuch der Ausweitung eines Golfplatzes auf Mohawk-Gebiet zugespitzt hatten. Und "The Prince", eine aus Baseballhandschuhen vernähte Kriegerrüstung, bindet das Martialische von Sport und Militär mit dem Klischee des kämpferischen Wilden zusammen und verweist zugleich auf Machiavelli und den Glauben an machtpolitisches Handeln mit moralisch nicht immer zu rechtfertigenden Mitteln.

Versöhnen statt zerlegen

Die neuesten seiner jetzt im Kunstverein Hannover gezeigten Arbeiten sind flache, mit Tierhäuten bezogene Karosserieteile, platziert auf weißen Kühltruhen. Die Formen der Aufsätze auf ihren unterkühlt wirkenden Sockeln erinnern an altarartig präsentierte Bildobjekte - oder an eine unterhaltungselektronische Trophäe: Einen Flachbildfernseher vielleicht auf einem Sideboard. Jungen verweist aber zuallererst auf den Materialmix, der sich in Reservaten Kanadas häufig um die Häuser herum anlagert: Alte Autos und Schrottteile, Tierhäute und Gefrierschränke, in denen gejagtes Wild aufbewahrt wird.

Heute lebt Jungen zwar wieder in Vancouver, aber es zieht ihn wieder häufiger in die Gegend, in der er aufwuchs. Oft verbringt er dort den Sommer. Und er hat das Jagen und Fallenstellen seiner Jugendjahre wieder aufgenommen. So wundert es nicht, dass sich auch die Materialien und Techniken seiner Arbeiten verändert haben.

Die Welt der typisch US-amerikanischen Sportarten und ihrer fetischartigen aufgeladenen Ausstattung interessiert ihn nicht mehr. Die Anmutung seiner neueren Arbeiten wird nicht mehr von poppig-ergonomischer Funktionsästhetik, nicht mehr von den Fratzen einer dominanten Konsumkultur bestimmt, sondern von dem genuin indianischen Material der Tierhäute.

Dabei spielt er aber nicht mehr auf traditionelle rituelle und heute häufig touristisch aufbereitete indianische Kontexte an, sondern schöpft primär aus den realen Lebensumständen der heutigen First Nations, wie die Ureinwohner in Kanada historisch umsichtig genannt werden. Und statt des Zerlegens des Ausgangsmaterials sind heute synthetisierende Techniken wie Flechten und Verspannen wichtiger. Das könnte man als einen versöhnenden, heilenden Gestus deuten. Die passende Anekdote dazu müsste der zurückhaltende Jungen allerdings erst noch erzählen.


20.4. bis 16.6.2013 im Kunstverein Hannover. www.kunstverein-hannover.de