"Brickland" in der Berliner Schaubühne Hippe Schlüpfer in schräger Kulisse

Achtung, Achtung: Wo Businessanzug, 800-Euro-Pumps und bewachtes Eigenheim draufstehen, ist noch lange nicht zwangsläufig Glückseligkeit drin! Diese Erkenntnis dürfen Besucher nach Constanza Macras' Tanz-Abend "Brickland" an der Berliner Schaubühne nach Hause tragen.

Von Christine Wahl


Berlin - Man hat sich das Bauklötzchenland als Sinnbild einer jener bewachten Wohnsiedlung vorzustellen, wo sich die Reichen und Schöngemachten – etwa in (süd-)amerikanischen, indischen oder chinesischen Metropolen – vor Gewalt, Dreck und eben dem schnöden Mehrheitsleben überhaupt abschotten. Diese (a-)sozialen Lebensgemeinschaften heißen im Fachjargon "Gated Communities"; und die Schaubühne scheint ein Faible für sie zu hegen: Kürzlich hatte der Autor und Regisseur Falk Richter mit seinem Stück "Im Ausnahmezustand" bereits restlos unser aller Ahnung bestätigt, dass hinter der großbürgerlichen Fassade der pure Kleingeist auf der Nobelsitzgruppe hockt: Abstiegsangst, Konkurrenzdruck, Ehefrust, Sozialneid, Boshaftigkeit.

Ronnie Maciel, Jill Emerson: Edeltussi mit Bewegungslehrer
Thomas Aurin

Ronnie Maciel, Jill Emerson: Edeltussi mit Bewegungslehrer

Bei der 1970 in Buenos Aires geborenen Choreografin Macras, die mit ihrer Compagnie DorkyPark als hippes Aushängeschild der Berliner Tanzszene gilt, ist nun Ähnliches zu erfahren: Statt in Richters kostenintensiver Wohnsalonsitzgruppe tobt sich der gemeine Upper-Class-Spießer zwar an edelkitschverdächtigen Außenanlagen mit Springbrunnen, Topfpflanzen und Liegestühlen aus (Bühne: Christof Hetzer). Aber die hohen seitlichen Schrägen, über die die Brickland-Insassen gern effektvoll auf die Szene rutschen, lassen keinen Zweifel daran, dass das Kunstparadies auch hier nicht mehr als ein selbst gewählter Edelknast ist. Sprich: Wer hier rein will, muss – zum Amüsement des tendenziell in unbewachten Wohnverhältnissen beheimateten Schaubühnen-Publikums - ziemlich bescheuert sein.

Um das zu verdeutlichen, wird in Brickland Schokoladenkuchen grundsätzlich ohne Mehl gebacken, und junge Ehemänner nennen ihre Gattinnen Schlumpi. Schlumpi (Gail Sharrol Skrela) wiederum belegt Batik- und Afrotanzkurse, wobei sie ihr Kleid reflexartig bis zum Bauchnabel hochschiebt und einen ansehnlichen roten Schlüpfer zutage fördert, sobald der Bewegungslehrer (Ronni Maciel) eintrifft.

Sitzt Schlumpi dann mit dem eigenen Angetrauten auf dem Sofa, reicht die erotische Fantasie freilich nicht viel weiter als bis zu regressiven Quietschlauten, deren begleitende Fummelei den Charme präpubertärer Doktorspiele versprüht. Sinnbild für den brickländischen Gefühlsnotstand sind denn auch Kollektivprügelei und Massenmasturbation: Zu "Give Peace a Chance" geht man sich leitmotivisch an die Gurgel; und hinterher greift man sich statt des Gatten oder des Nachbarn halt das Sofa oder die Liegestuhllehne zur einsamen Kopulationsgymnastik. Es sei denn, man ist ein knackiger Teenie (Angela Schubot) oder es seilt sich mal ein exotischer Outsider mit der geballten Authentizitätswucht des ach so echten Lebens von draußen ins Wohlstandsghetto ab: Da gibt es ein hübsches Sehnsuchtsduett, das von der Security natürlich jäh ausgebremst wird.

Mit ähnlichen Sanktionen haben blonde Edeltussis (Jill Emerson) zu rechnen, die sich in spontanen Übersprungshandlungen als Fäkalienersatz wohl riechende Kakaopfützen zurechtmachen, um ihre blütenweiße Unterwäsche und den darin steckenden Elfenbeinteint wenigstens einmal im Leben so richtig gründlich einzudrecken. Kurzum: Ernst zu nehmende Therapeuten würden der gesamten Einwohnerschaft eine Gruppentherapie gegen Reinlichkeitszwang sowie mindestens drei Monate Produktionsschichtbetrieb gegen den Sinnverlust verordnen.

Davon, dass Constanza Macras identitätsphilosophische Brocken in ihre Besserverdienenden-Show einstreut; dass sie – in leicht modernisierter Variation – Heiner-Müller-Sätze à la "Der Mutterschoß ist keine Einbahnstraße" ebenso sampelt wie ihre dreiköpfige Live-Band musikalisches Hochkulturgut vom Schlage der Schubertschen "Winterreise", sollte man sich nicht weiter irritieren lassen: Bei der bekennenden Eklektikerin und dem selbst ernannten MTV-Junkie Macras ist alles Pop, Zitat und Karikatur – und kann immer dann ziemlich witzig daherkommen, wo es auch tatsächlich nicht mehr sein will.

Wenn beispielsweise Hyong-Min Kim nach einem schön unkontrollierten Ausraster die verkaufsfördernde Protestpose des Rap parodiert, Knut Berger mit akrobatischer Beinverklemmung über das Ego philosophiert oder ein Mietbewerbungsgepräch für Brickland in einer gegenseitigen Ohrfeigenarie kulminiert, kann man sich wunderbar amüsieren.

Wo Macras dann aber doch mal ein bisschen ernst werden will, wirkt es eher peinlich: Für Tiefgang ist die Fallhöhe eindeutig zu gering in einem derartigen Klischeeknast. Langeweile schließlich macht sich breit, wenn die Choreografin - was im Laufe des zweistündigen Abends leider häufig passiert – statt choreografischer Ideen das immergleiche Massengerenne, -gewusel und -geschubse zu knackigen Sounds zwischenschaltet. Zwar wird kaum jemand bestreiten, dass sich nirgends so schön ruppig an den Kragen gegangen, so energetisch in Nahkämpfe gestürzt, so exzessiv gefallen und so formvollendet Schrägen heraufgerannt und hinabgerutscht wird wie bei Macras. Und daran, dass die obligatorischen Knieschützer nicht mal beim Rollerbladen so viel Sinn machen wie in diesem Tanztheater und die DorkyPark-Akteure nicht nur in den wechselnden hippen Outfits, sondern auch im Schlüpfer sehr gut aussehen, besteht ebenfalls kein Zweifel. Nur: Das wussten wir alles schon.



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